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Bundesliga-Teamcheck: Bayer Leverkusen Frust auf hohem Niveau


Viele Clubs hätten dieses Problem gern, doch für Leverkusen birgt die Situation Risiken. Wie soll man sich auf Dauer motivieren, wenn das große Ziel nah ist, aber unerreichbar scheint?
Von Dieter Hoß

In mancher Hinsicht ist die Bundesliga wie ein kleines Dorf: Es dauert lange, sehr lange bis man zu den Etablierten gehört. Leverkusen geht schon in sein 35. Erstligajahr, hat meist weit oben gespielt, und doch ist Bayer 04 für viele immer noch nur die "Werkself".

Ständig stößt der Verein an gläserne Wände. Nie verwunden wurde das Trauma des Vize-Triples von 2002. Stets bewegen sich die Leverkusener auf höchstem Niveau - und werden nach einer hervorragenden Saison, in der man als einziges Team die übermächtigen Bayern schlagen konnte: Dritter. Natürlich nur einen Punkt, aber eben doch hinter Champions-League-Finalist Dortmund. Da verwundert es nicht weiter, dass Bayers Stürmerstar Stefan Kießling Torschützenkönig wird, aber trotzdem nicht für die Nationalelf in Frage kommt. Es stellt sich die Frage: Wohin soll dieses ewige Ganz-nah-dran-sein eigentlich führen?

Was ist neu?

Es gibt allerhand bemerkenswerte Veränderungen bei Bayer 04. Sami Hyypiä hat nun allein die Verantwortung auf der Trainerbank, da sich Sascha Lewandowski künftig wieder um den Nachwuchs kümmern will. Nationalspieler André Schürrle ist weg, dafür ist Heung-Min Son vom HSV gekommen. Der Italiener Giulio Donati (Inter Mailand) oder Deutschland-Heimkehrer Roberto Hilbert (Besiktas Istanbul) sollen Daniel Carvajal ersetzen, bei dem Real Madrid vom Rückkaufsrecht Gebrauch machte. Aus Düsseldorf kommt Robbie Kruse, der im offensiven Mittelfeld mehr Variationsmöglichkeiten bieten soll. Einen Paukenschlag landeten die Rheinländer noch kurz vor Saisonstart. Supertalent Emre Can eiste man vom FC Bayern los, der den 19-jährigen Jugendnationalspieler nur gegen ein Rückkaufsrecht abgibt, dafür dennoch etwa sechs Millionen Euro Ablöse kassiert. Offensichtlich versprechen sich die Bayer-Verantwortlichen sehr viel von dem Youngster.

Was ist gut?

Can verstärkt eine hervorragend aufeinander abgestimmte, sehr spielstarke Mannschaft. Absolut top ist die Offensive: Kießling ist ein Torgarant und Son sollte den zum FC Chelsea abgewanderten Schürrle ersetzen können. Der Südkoreaner spielt sogar mannschaftsdienlicher als der Nationalspieler. Bayer verfügt dazu über eine der torgefährlichsten Mittelfeldreihen der Liga: Ob Sam, Bender, Castro, Rolfes oder auch Robbie Kruse – sie alle sind in der Lage, Tore zu machen. Emre Can fügt sich da nahtlos ein. Kann sich der junge Mann auf Anhieb etablieren, wird er das Niveau auf der wichtigen Sechser-Position zusätzlich heben. In der Defensive sticht nach wie vor Torhüter Bernd Leno hervor, der wohl längst fest zum Kreis der Nationalmannschaft gehören würde, gäbe es in Deutschland nicht so außergewöhnlich viele ausgezeichnete Keeper.

Was ist schlecht?

Vor Leno steht eine Abwehr, die durch den Abgang des guten Carvajal spürbar an Qualität verloren hat. Da auch Daniel Schwaab, Michal Kadlec und Manuel Friedrich gegangen sind, hat der Verein eine komplette Defensivreihe mit viel Bundesligaerfahrung verloren. Das wirkt sich aus, selbst wenn diese Spieler nicht mehr immer erste Wahl waren. Wieviel Qualität die Neuen mitbringen, ist nämlich durchaus unklar: Sowohl Donati als auch Emir Saphic (FC Sevilla) spielten in ihren Clubs keine Rolle und waren an andere Vereine verliehen. Hilbert floh einst aus der Bundesliga ins Ausland, weil es nicht mehr recht voranging, wie kommt er nun zu recht? Auch für Konstantinos Stafylidis (PAOK Saloniki) ist die Liga Neuland. In jedem Fall dürfte die neue Abwehr, in die auch die verbliebenen Philipp Wollscheid, Ömer Toprak und Sebastian Boenisch drängen, Zeit brauchen, um sich zu festigen.

Zeit, die Bayer aber vielleicht nicht hat. Spieler und Vereinsverantwortliche müssen erkennen, dass das Umfeld Spitzenplätze und Champions-League-Qualifikationen als selbstverständlich abhakt. Das irritiert! Denn Borussia Dortmund und der FC Bayern haben ganz andere Möglichkeiten. Läuft alles normal, ist der dritte Platz Bayers Optimum. Schon jetzt erntet das Team dafür kaum noch Anerkennung. Die schleichende Unzufriedenheit kann durchaus dazu führen, dass es letztlich sogar bergab geht.

Was ist möglich?

Trotzdem: Bayer hat auch in dieser Saison eine starke Truppe, die wieder die Qualifikation fürs internationale Geschäft schafft. Angesichts vieler namhafter Abgänge wirkt der Kader aber unterm Strich etwas schwächer besetzt, als in der vergangenen Saison. Zudem drängt Schalke, wo Aufbruchstimmung herrscht, mit Macht nach. Es wäre keine Überraschung, würden die Leverkusener diesmal auf Platz vier landen. Bricht sich gar der latente Frust auf hohem Niveau Bahn und wächst einer der Europa-League-Kandidaten über sich hinaus, könnte die Champions League sogar ganz verpasst werden. Vielleicht wüsste man dann am Rhein einen dritten Platz wieder zu schätzen.


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