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Fanproteste in der Bundesliga Vereine konfrontieren DFL mit Fragenkatalog – Ultras drohen mit Spielabbrüchen

Am Zaun in einem Fußballstadion hängt ein weißes Banner mit schwarzer Schrift: "DFB Du Hurensohn"
Wie DFL und DFB künftig auf Plakate wie dieses reagieren will, ist offenbar nicht nur Fußballfans unklar
© Christian Kaspar-Bartke/Bongarts / Getty Images
Nach den Fanprotesten richten die Bundesliga-Klubs viele Fragen an die DFL: Welche Plakate sind okay, welche nicht? Und wie wird ein abgebrochenes Spiel gewertet? Die DFL sucht noch nach Antworten, da drohen die Ultras bereits mit neuen Aktionen.

Ungeachtet einer ersten Annäherung zwischen DFB, DFL und Fanvertretern haben Ultras aus ganz Deutschland für den anstehenden Spieltag in der Fußball-Bundesliga weitere Proteste bis hin zu möglichen Spielabbrüchen angekündigt. "Wir Fans werden die Praxis vom letzten Spieltag nicht einfach so hinnehmen und im Zweifel weiter Unterbrechungen und auch Abbrüche in Kauf nehmen", kündigte der Zusammenschluss "Fanszenen in Deutschland" am Freitag in einer Erklärung an. 

Die Fangruppierungen fordern vom Deutschen Fußball-Bund die Abschaffung von Kollektivstrafen und die "sofortige Aufhebung der gegen Borussia Dortmund ausgesprochenen Zuschauerausschlüsse", heißt es in der Stellungnahme vom Freitag. Das DFB-Sportgericht hatte die BVB-Fans wegen fortgesetzter Schmäh- und Hassplakate gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp für die nächsten zwei Jahre von den Bundesligaspielen in Sinsheim ausgeschlossen. Neben der Wiedereinführung von Kollektivstrafen werfen die Fan- und Ultragruppen dem DFB zudem Zensur vor, weil es zuletzt auch wegen Plakaten ohne beleidigenden Inhalt zu Spielunterbrechungen gekommen war.

Vereine stellen DFL Fragen zu Fanprotesten

Und auch für die Vereine selbst gibt es offenbar viele Unklarheiten. Wie die "Sportschau" berichtet, hat der Geschäftsführer des Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth, Holger Schwiewagner, am Montag eine E-Mail mit offenen Fragen wegen der Fanproteste an die Vertreter der 2. Liga im Präsidium der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und in Kopie an die anderen 17 Zweitligisten geschickt.

Aus der Mail zitiert die "Sportschau" unter anderem diese Fragen:

  • Wie soll mit Spruchbändern gegen die Person Dietmar Hopp umgegangen werden, die 'vermeintlich' nicht beleidigend sind?
  • Sollen zukünftig solche Spruchbänder, die eigentlich im Rahmen der Meinungsfreiheit abgedeckt sein müssten, nicht mehr genehmigt werden?
  • Wie soll mit Spruchbändern gegen den DFB/die DFL umgegangen werden, die in der Vergangenheit teilweise toleriert wurden?
  • Welche Folgen haben wir zu erwarten, wenn die dritte Stufe des Drei-Stufen-Plans eintrifft und ein Spiel wirklich abgebrochen wird?
  • Wie erfolgt die sportliche Wertung generell?
  • Wie erfolgt die sportliche Wertung, wenn beleidigende Inhalte durch Fans beider Vereine gezeigt werden?

DFL-Präsidium antwortet mit Erklärung

Nach ihrer Präsidiumssitzung am Mittwoch hat die DFL eine Erklärung veröffentlicht, die zumindest einige Antworten liefern soll: "Meinungsfreiheit und Protest ja – Nein zu Hass und Hetze". Darin heißt es gleich zu Beginn: "Die Meinungsfreiheit, zu der selbstverständlich auch Protest gehört, steht nicht zur Disposition. Der deutsche Fußball zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus, daran soll und darf sich nichts ändern. Genauso klar ist aber auch: Menschen gehören auch auf Plakaten nicht ins Fadenkreuz. Diffamierungen, Hetze und Hass – gleichgültig in welcher Form – sind nicht hinnehmbar. Dies gilt unabhängig von Dietmar Hopp für alle Menschen – jedes Alters, jedes Geschlechts, jeder Religion, sozialen Schicht, Hautfarbe, Nationalität oder sexuellen Orientierung."

Zu Kollektivstrafen, zu denen der DFB in den Augen der Ultras zurückgekehrt ist, schreibt das DFL-Präsidium: "Kollektivstrafen haben im deutschen Fußball noch nie ein Problem gelöst. Als Ultima Ratio in absoluten Ausnahmefällen können sie aber in sportgerichtlichen Verhandlungen zwischen DFB und Clubs nicht komplett ausgeschlossen werden." Anders als beschrieben habe es keinen Wortbruch des DFB in der Frage der Kollektivstrafen gegeben.

Aber nicht auf alle offenen Fragen hat die DFL schon Antworten: "Das DFL-Präsidium hält es für zwingend erforderlich, dass der sogenannte 'Drei-Stufen-Plan' mit Blick auf konkrete Interpretation, Umsetzung und eventueller Konsequenzen präzise definiert wird. Alle Beteiligten benötigen schnellstmöglich Klarheit. Derzeit gibt es noch zu viele offene Fragen, die Missbrauch nicht ausschließen. Gerade auch im Sinne der Integrität des Wettbewerbs ist dies von höchster Priorität. Spielunterbrechungen dürfen nicht die Regel werden, Spiele müssen auf dem Platz entschieden werden."

Absage von Bundesliga-Spielen wegen Coronavirus?

Genau das ist aber wegen des Coronavirus an diesem Wochenende fraglich. Der Chef-Virologe der Berliner Charité ist wegen der vielen Coronavirus-Fälle im Kreis Heinsberg bei Mönchengladbach für die Absage von Bundesligaspielen in der Region. "Volle Stadien mit Zehntausenden von Fans – gerade in Gegenden wie dem vom Coronavirus jetzt stark betroffenen Rheinland – müssten aus medizinischer Sicht eigentlich gestoppt werden", sagte Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité, der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Das Stadion von Borussia Mönchengladbach liegt keine zehn Kilometer vom Kreis Heinsberg entfernt, der bundesweit am stärksten vom Coronavirus betroffen ist. Die Behörden hatten dennoch entschieden, dass das Bundesliga-Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund am Samstag (18.30 Uhr/Sky) stattfinden kann. 

Stadt Mönchengladbach wehrt sich

Die Stadt Mönchengladbach hat ihre Entscheidung gegen die Absage des Bundesliga-Spitzenspiels am Samstag in Mönchengladbach mit einem aus ihrer Sicht geringen Coronavirus-Infektionsrisiko verteidigt. In Abwägung der Gesamtsituation habe die Stadt so entschieden, "weil wir bei diesem Spiel nicht mit einer Situation rechnen, wo sich übermäßig Leute infizieren", sagte der Sprecher der Stadt Wolfgang Speen am Freitag. Mönchengladbach sei kein Coronavirus-Hotspot.  

Die Stadt gehe davon aus, dass Infizierte isoliert seien, etwa in Quarantäne oder im Krankenhaus. "Also müssen wir davon ausgehen, dass kein positiver Fall sich auf den Weg macht in Richtung Stadion", sagte Speen. Darüber hinaus müsse jeder Besucher selbst überlegen, in welcher gesundheitlicher Verfassung er sei. Verein und Stadt rieten Menschen mit einem besonderen Risiko durch Vorerkrankungen und mit Erkältungs-Symptomen zuhause zu bleiben. Der Verein wird am Spieltag zudem weitere Hygiene- und Informationsmaßnahmen durchführen.

Quellen: DPA, "sportschau.de", Recht- und Verfahrensordnung des DFB, FAQ zur Drei-Stufen-Plan auf dfb.de, Positionspapier der DFL, "Neue Osnabrücker Zeitung".

tkr DPA

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