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Kolumne

Rot-weiß – die Bayern-Fan-Kolumne: Jürgen Klinsmann, der Held – warum sich alle Trainer ein Beispiel an ihm nehmen sollten

Jürgen Klinsmann tritt als Trainer der Hertha überraschend zurück. Seine Erklärung lässt aufhorchen: "Natürlich geht es auch um die Kompetenzverteilung." Neinsagen als Weg zum Glück? Für andere Trainer und auch Vorstände sollte sein Rücktritt ein Weckruf sein.

Von Stefan Johannesberg

Klinsmann tritt als Hertha-Trainer zurück

Juli 1986, zehn kleine Fans warten auf dem Gelände des VfB Stuttgart auf die großen Stars des Pokalfinalisten. Als erstes fahren Mittelfeld-Chef Asgeir Sigurvinsson und Schussmonster Karl Allgöwer hochherrschaftlich mit ihren großen Mercern vor, die anderen folgen. Erst zum Schluss fegt ein 21-jähriger Blondschopf im Käfercabrio durch die Einfahrt: Jürgen Klinsmann. Sofort beginnen die Augen der Kinder zu leuchten. 

Die Eltern der Kinder verabreden mit den Spielern, dass erst nach dem Training Autogramme geschrieben werden. Als die Spieler geduscht auf dem Weg aus der Kabine und die Stifte der Steppkes gezückt sind, dirigiert Trainer-Knochen Egon Coordes das gesamte Team kurz vor dem Ausgang an den Unterschriftenjägern vorbei ins Sportheim. Nur einer ignoriert den Befehl und unterhält sich mit dem wartenden Nachwuchs: Jürgens Klinsmann.

Klinsmanns Rücktritt – ein Glücksfall für seine Trainerkollegen

Wer Jürgen Klinsmann holt, weiß – oder besser – muss wissen, was er bekommt: einen Alpha-Mann mit eigenem Willen, Handlungsstärke und einer klaren Vision. Das konnte man 1986 sehen, das zeigte sich im weiteren Laufe der Spielerkarriere und natürlich in seiner Zeit als Bundestrainer, wo er auch als selbsternannter Projektleiter und Product Owner mehr Macht an sich zog, als die Trainer vor ihm. Nach dem Motto: Ihr holt mich für eure ehrgeizigen Ziele, dann geht aus dem Weg, gebt mir volle Kontrolle über alles, was ich zum Erreichen dieser Ziele brauche. Denn ich bekomme ja auch auf die Fresse, wenn es nicht klappt, nicht ihr. 

Und der DFB gehorchte damals. Im aktuellen Fall bei Hertha BSC jedoch wollte und konnte der Verein Klinsis Ansprüchen nicht gerecht werden. Seine Aussage gegenüber "Bild" bestätigt diese kompromisslose Art des Vorgehens: "Es gab verschiedene Denkweisen und vor allem verschiedene Kulturen. Und verschiedene Arten der Herangehensweise. Natürlich geht es auch um die Kompetenzverteilung. Nach meinem Verständnis sollte ein Trainer – nach dem englischen Modell – die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers." Andere Medien formulieren es so, dass er sich gerne ab Sommer den neugeschaffenen Posten eines Technischen Direktors gesetzt hätte, der Trainer als Projekt- oder gar Bereichsleiter mit größtmöglicher Machtbefugnis. 

Im Endeffekt fordert Klinsmann also nur die Verantwortung, die der Trainer im Falle eines Scheiterns sowieso trägt. Wie viele Trainer schluckten unpassende Transfers, unzählige Starverkäufe bei gleichbleibenden Zielen oder sportlich-desaströse Trainingslager, nur um zum Schluss persönlich wegen falscher Taktik oder schlechtem Training zuerst angeschossen und später dann ganz entlassen zu werden – Beschädigung der eigenen Ich-Marke inklusive. Klinsmann entscheidet sich für einen anderen Weg: My way or the highway – und zieht so allen Druck frühzeitig auf sich, bleibt aber seinem Weg und seiner Philosophie treu. Ein Vorbild auch für andere Trainer?

Neinsagen ist der Weg zum Glück: Beispiel FC Bayern

Frühling 2018: Die Bayern-Fans fiebern der Trainerentscheidung entgegen. Macht Don Jupp doch weiter oder kommt Peps Pizza-Kumpel und Taktik-Nerd Thomas Tuchel? Die Tage vergehen, die Vorfreude schwindet wie Bayerns Überlegenheit in der zweiten Hälfte gegen Leipzig. Dann die schlechte Nachricht im Doppelpack wie Tore vom Bomber: Jupp bleibt bei Frau und Hund und Thomas Tuchel sagt nach seiner Unterschrift bei PSG dem großen FCB ab. Uli Hoeneß hatte zu lange gezögert, zu lange sein Veto offen gehalten. Der Rekordmeister musste sich mit C-Variante Niko Kovac begnügen – oder umgekehrt, doch dazu später mehr. 

Thomas Tuchel jedenfalls tat gut daran, nicht zum Rekordmeister zu gehen – selbst wenn er keinen PSG-Vertrag in der Tasche gehabt hätte. Warum? Der Verein besteht aus unzähligen Hoeneß-Getreuen, die durch dessen Art im Umgang mit der Causa Tuchel bereits vorher wussten: Er vertraut ihm nicht, sondern wurde nur von Kalle Rummenigge umgestimmt. Gleiches gilt für die Mannschaft. Ein frischer Start voller Kompetenz und Kraft sieht anders aus. Die drohende Eskalation ist so immer nur zwei Niederlagen entfernt, vollkommen egal, wie Spielverläufe oder Entwicklung wirklich wären. Der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken.

Kovac – und die Situation Flick

Apropos Kovac: Viel zu oft wählen Vereine Trainer, die eigentlich gar nicht zum System und der Philosophie passen. Das ist ein Fehler, von beiden Seiten. Auch ein Niko Kovac hätte dies sehen müssen. Gerade ihm hätte ein bisschen mehr Klinsmann-Egoismus oder Härte gut getan, als im Sommer 2018 zuerst kein Spieler (weder seine Wünsche, noch andere) gekauft wurde und alle alten Spieler behalten wurden – bei gleichbleibenden Zielen und Vorstellungen zum Spielsystem und der Art und Weise von Siegen. Jetzt, vor allem nach den Erfolgen von Hansi Flick, steht Kovac als Verlierer da, der für die nächsten Jahre froh sein kann, wenn Vereine aus dem unteren Drittel der Liga – wie Berlin – bei ihm anklopfen. Wie krass und erdbebengleich wäre es gewesen, wenn Kovac von selbst gegangen wäre? Allerspätestens nach dem Gewinn des Double?

Hansi Flick hat das alles genau registriert. Sein öffentliches Fordern nach Wintertransfers legt von dieser Klarheit Zeugnis ab. Unter Wert wird er sich nicht verkaufen, so nett und sympathisch er im Gegensatz zu Klinsi auch wirkt. Der Trainer hat trotz Führungsverantwortung den Spielern gegenüber in erster Linie eine Selbst- und Eigenverantwortung, muss in erster Linie integer zu sich selbst und seinen Ansprüchen sein und muss den Mut vorleben, den er seinen Spielern vermitteln will. Das versteht der obrigkeitshörige Deutsche oft nicht. Der Deutsche, der durchzieht, koste es, was wolle, und Dinge zu Ende bringt. Dabei gilt für alle Menschen: Neinsagen ist der Weg zum Glück.

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