Bundestrainer Kandidatenliste wird stündlich erneuert


Vielleicht kann es doch Christoph Daum machen, aber der will nicht. Oder Lothar Matthäus, der ist aber noch etwas jung. Wer will denn überhaupt den Trainerjob?

Offiziell sollte erst am Montag wieder über Kandidaten für die Völler-Nachfolge geredet werden, doch bei einer "Elefantenrunde" haben die obersten DFB-Funktionäre in Lissabon bereits am Freitag über die Zukunft des deutschen Fußballs debattiert. In einem Hotel in der portugiesischen Hauptstadt diskutierten DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder sowie die Präsidiumsmitglieder Franz Beckenbauer, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger mehrere Stunden über eine möglichst schnelle Lösung für das Amt des Bundestrainers und das Führungschaos im Verband.

Druck vermeiden

Der für seinen bisherigen Alleingang scharf kritisierte Mayer-Vorfelder will nach der überraschenden Absage von Wunschkandidat Ottmar Hitzfeld neuen Druck vermeiden: "Ich setze mir nie eine bestimmte Frist. Es empfiehlt sich nicht, genaue Grenzen zeitlicher Art festzulegen", sagte der Verbandschef in Lissabon der dpa.

Die Kandidatenliste wurde am Freitag praktisch stündlich erneuert. Otto Rehhagel rückte nach dem EM-Finaleinzug mit Griechenland an eine obere Stelle, doch der 65-Jährige wollte sich nur mit seinem aktuellen Team beschäftigen. Gerade hatte Beckenbauer den Namen Christoph Daum wieder salonfähig gemacht ("Jeder hat einen Makel"), da bekräftigte der nach seiner Kokain-Affäre belastete Ex- Leverkusener sein Nein zu einem möglichen Engagement beim DFB. "Ich habe ein bestehendes Vertragsverhältnis mit Fenerbahce Istanbul. Ich stehe zur Zeit nicht zur Verfügung. Und vom Deutschen Fußball-Bund wurde ich bisher weder offiziell noch inoffiziell angesprochen", erklärte er dem Internet-Anbieter "Sport 1".

"Keine hektischen Rundumschläge"

Angesichts der Vorschlags- und Umfrageflut mit Namen wie Heynckes, Sammer, Matthäus, Wenger, Hiddink, Finke, Schaaf, Olsen, Rangnick oder sogar wieder Völler warnten einige Meinungsführer des deutschen Fußballs eindringlich vor "Schnellschüssen". Bayern-Manager Uli Hoeneß riet zur Besonnenheit: "Wir sind jetzt aufgerufen, Ruhe zu bewahren, und keine hektischen Rundumschläge zu machen - nach dem Motto, jetzt muss schnell was passieren."

Beckenbauer, der in Lissabon bei einer Sitzung des Organisationskomitees der WM 2006 mit den anderen DFB- Spitzenfunktionären die Kandidaten besprach, hält sogar eine Interimslösung für das erste Länderspiel der neuen Saison am 18. Oktober in Österreich für machbar. "Wenn wir bis dahin keinen Bundestrainer gefunden haben, kann eine Übergangslösung schon funktionieren, aber nicht auf Dauer", sagte Beckenbauer zur Möglichkeit, dass für einige Zeit ein bei einem Verein unter Vertrag stehender Coach die Nationalelf mit übernimmt.

Allerdings betonten führende Kräfte wie Felix Magath und Jupp Heynckes bereits, dass sie auch dafür nicht zu haben seien. "Ich habe noch nie Verträge gebrochen, und das wird so bleiben", unterstrich Schalke-Coach Heynckes, den der DFB bereits vor vier Jahren zum Kandidaten Nummer eins nach Erich Ribbeck auserkoren hatte.

Zur Not Skibbe

"Zur Not kann das erste Länderspiel nach der Sommerpause auch der Michael Skibbe machen", schlug Hoeneß vor. Der Assistent des zurückgetretenen Rudi Völler ist weiter im Trainerstab des DFB beschäftigt. "Wir sind jetzt alle aufgerufen, gemeinsam darüber nachzudenken, was eine gute Lösung ist", meinte Hoeneß. Selbst Bundeskanzler Gerhard Schröder meldete sich am Freitag nach der Bundestagssitzung zu Wort: "Was den Bundestrainer angeht, will ich Ihnen gern mitteilen, ich habe mich nicht beworben."

Mayer-Vorfelder will bis zur Sitzung in der DFB-Zentrale keine Namen mehr nennen. "Ich greife jetzt nicht irgendwelchen Besetzungsdiskussionen vor. Ich habe bestimmte Vorstellungen, die ich am Montag einbringen werde. Und das Gleiche erwarte ich von den anderen Präsidiumsmitgliedern", betonte der 71-Jährige: "Natürlich ist es unser Bestreben, so schnell wie möglich einen neuen Trainer zu finden."

DFB-Vizepräsident Engelbert Nelle, der seinen Chef für dessen Führungsstil heftig attackiert hatte, erwartet schon von der Präsidiumssitzung am Montag in Frankfurt/Main ein konkretes Ergebnis. "Wir werden nicht auseinander gehen, ohne uns sehr konkret auf einen Namen zu einigen", sagte Nelle im "NDR info".

Um Hitzfeld kämpfen

Michael Meier, Manager und langjähriger Weggefährte bei Borussia Dortmund, forderte das DFB-Präsidium auf, weiter um Hitzfeld zu kämpfen. Hitzfeld sei die "Ideallösung" und es müsse "daran gearbeitet werden, dass er seinen Entschluss noch einmal überdenkt". Für Hoeneß aber ist auch die Hintertür zu, durch die Hitzfeld noch zum DFB kommen könnte.

Rehhagel war direkt nach dem EM-Finaleinzug mit Griechenland der Frage ausgewichen, ob er nach dem Verzicht von Hitzfeld wieder ein Kandidat als Nachfolger für den zurückgetretenen Teamchef Rudi Völler sei: "Meine ganzen Gedanken waren heute nur bei meinen Spielern. Und jetzt hat die Mannschaft das Recht, sich über unseren Erfolg zu freuen, und ich habe die Verpflichtung, nur mit meiner Mannschaft zu sprechen und über deren Probleme", sagte er.

Jens Mende und Oliver Hartmann/DPA DPA

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