HOME

Champions League: Ajax Amsterdam - Zwischen Johan Cruyff und Louis van Gaal

Stellen Sie sich das folgende Szenario vor: Christoph Daum wird neuer Trainer beim FC Bayern und posiert mit Uli Hoeneß fröhlich plaudernd für die Fotografen. Völlig unmöglich möchte man meinen. Eine ähnlich abstruse Situation findet sich nun bei Ajax Amsterdam. Denn dort sollen Louis van Gaal und Johan Cruyff zusammenarbeiten.

Das Achtelfinale lockt und die Chancen für Ajax Amsterdam stehen gut, endlich einmal wieder im Konzert der Großen mitspielen zu dürfen. Doch die sportlichen Belange stehen seit geraumer Zeit im Hintergrund, da die Ajax-Legenden Johan Cruyff und Louis van Gaal in einen öffentlichen Krieg verwickelt sind, der einer Farce gleichkommt.

Johan Cruyff ist Mitglied des Aufsichtsrats. Er hat diesen Posten angenommen, um seine Strukturmaßnahmen umsetzen zu können. Auf der anderen Seite steht Louis van Gaal, der als neuer Generaldirektor zum Club stoßen soll. Doch beide in Amsterdam geborenen Alphatiere hegen eine wohlgepflegte, gegenseitige Abneigung.

Ein Punkt als garantiertes Weiterkommen

Am Abend hat Ajax Amsterdam nun also die große Chance, die Achtelfinal-Teilnahme in der Champions League unter Dach und Fach zu bringen. Zuletzt gelang dieses Unterfangen in der Saison 2005/06. Die Ausgangslage ist hervorragend, obwohl man sich in der Amsterdam-Arena mit Real Madrid messen muss.

Doch könnte sogar eine Niederlage für das Weiterkommen reichen, denn Olympique Lyon kann bei drei Punkten Rückstand nicht über den direkten Vergleich vorbeiziehen, da beide Spiele torlos endeten. Nun zählt das Torverhältnis und da spricht alles für den niederländischen Rekordmeister. Sportlich gibt es also wenig zu monieren, auch wenn in der Liga nicht unbedingt alles rund läuft.

Der Club steht nur auf Platz vier in der Eredivisie, konnte am vergangenen Spieltag immerhin einen 4:1-Sieg gegen Excelsior Rotterdam - den Tabellen-17. - einfahren. AZ Alkmaar führt das Tableau an, hat dabei sieben Punkte Vorsprung auf Ajax, bei einem Spiel weniger auf dem Konto.

Louis van Gaal als Spalter

Die sportlichen Belange sind jedoch seit geraumer Zeit in den Hintergrund gerückt, denn der Club steht vor einer Zerreißprobe und so manch ein Angestellter oder Fan fühlt sich zwischen zwei Lagern hin- und hergerissen. Denn Louis van Gaal soll ab dem 01. Januar 2012 als Generaldirektor fungieren und steht auf der Liste der Intimfeinde bei Cruyff ziemlich weit oben.

Johan Cruyff ist nur ein einfaches Mitglied des Aufsichtsrats. Allerdings ist König Johan ähnlich unantastbar wie Franz Beckenbauer in Deutschland, Pele in Brasilien oder Diego Maradona in Argentinien. Unter der Regie von Cruyff gewann Ajax mit Voetbal Totaal dreimal in Folge den Cup der Landesmeister und kann kaum noch als irdische Person angesehen werden. Sein Wort ist Gesetz bei Ajax, dafür braucht er keinen Vertrag oder besonderen Job.

Seine Rückennummer 14 wird nicht mehr vergeben und es wäre kaum verwunderlich, wenn der Verein oder gar die Stadt in Johan Cruyff City umbenannt werden würde. "Cruyff ist ein Halbgott“, hatte der Vorstandsvorsitzende Uri Coronel auf einer Presseerklärung im März erklärt, als er und der Aufsichtsrat zurücktraten. "Vielleicht sogar ein ganzer. Schlucken oder gehen, hieß es, andernfalls gäbe es eine Schlägerei.“

Cruyff kommt mit Reformen

Das war im März 2011, als Cruyff als Berater des Vereins seine großen Umstrukturierungspläne ins Rollen brachte. Dabei ging es um die Neuausrichtung und Stärkung der eigenen Jugend, wie es immer eine Tradition bei Ajax gewesen war. Zudem ging es auch um die Transferpolitik, weiter sollen einige Positionen innerhalb des Clubs neu besetzt werden.

Dass "Ehrenmänner wie Uri Coronel" gehen würden, sei nicht schön, sagte Johan Cruyff laut fussball.de. "Allerdings ist das ihr Problem." Der Rücktritt des Vorstands wurde angekündigt, allerdings führt Coronel das Amt nun kommissarisch weiter. Erst auf der Aktionärsversammlung am 12. Dezember wird wahrscheinlich ein neuer Vorstand gewählt.

Neu hingegen ist der Aufsichtsrat, der sich aus fünf Personen bildet. Neben Cruyff sind dies Edgar Davids, Paul Römer, Marjan Olfers und der Vorsitzende Steven ten Have. Diese Zusammensetzung ist das nächste Problem bei Ajax. Denn Cruyff hat sich mit seiner Art nicht nur Freunde auf seinem Lebensweg geschaffen.

Arrogant und nachtragend?

Viele Geschichten ranken sich um die besondere Art des genialen Spielmachers, der kaum Personen neben sich duldete. Die Finalniederlage bei der WM 1974 wird indirekt ihm und seiner arroganten Art angekreidet, als er den Gegner lieber vorführen, als wirklich schlagen wollte. "Ich glaube nicht, dass man jemals den Namen Cruyff sagen wird, ohne dass die Leute wissen, von wem man redet“, zitiert ihn zudem fifa.com.

Ebenfalls legendär ist die Geschichte um Cruyff und Sandro Rosell. Bei einem Abendessen während seiner Zeit beim FC Barcelona soll der heutige Präsident ein Telefongespräch angenommen haben. Cruyff war angeblich so erzürnt, dass er nicht mehr mit ihm sprach. Jener Rosell hat nun, als er im Juni 2010 Präsident wurde, die Ehrenpräsidentschaft für Cruyff widerrufen. Angeblich sei dieses Amt mit den Vereinsstatuten nicht vereinbar.

Und um den Bogen zu schließen, geriet Cruyff natürlich auch mit Van Gaal aneinander. Gemocht haben sich beide Alphatiere nie. Der Beginn der Antipathie ist auf die Zeit bei Ajax zu datieren, als der jüngere Van Gaal sich als der bessere Spielmacher wähnte, aber nach eigener Aussage keine Chance auf Spielanteile erhielt. Laut eines Berichts auf welt.de antwortete Cruyff, dass die fußballerischen Fähigkeiten des Van Gaal eher begrenzt seien.

Ihr Ende fand diese Geschichte, als Cruyff Van Gaal im Jahr 1989 zum Weihnachtsfest einlud. Dort angekommen erhielt der 60-Jährige jedoch einen Anruf, wie tz-online berichtet: "Es war für mich. Die Familie. 'Riet ist gestorben!'. Meine Schwester. Also habe ich Hals über Kopf alle Zelte abgebrochen und bin die Heimreise angetreten. Später hörte ich, dass Johan Cruyff mir dies übel genommen hat, auch dass ich mich nie bedankt hätte.“

Dolch im Rücken

Die Frage nach möglichen Feinden ist geklärt, kommen wir zurück zu Ajax Amsterdam. Während Fans und auch der Trainerstab zum großen Teil hinter Cruyff stehen, planten die vier anderen Mitglieder des Aufsichtsrats einen Putsch. Über die Gründe kann nur spekuliert werden, wahrscheinlich geht es um die Omnipräsenz und die herrschende Art von Cruyff.

Also wurde kurzfristig eine Sitzung des Aufsichtsrats anberaumt. Cruyff verweilte in Barcelona. Laut einer Meldung auf fussball.zdf.de erhielt er gegen elf Uhr eine Mail mit der Einladung, die für 16 Uhr terminiert war. "Das konnte ich natürlich niemals rechtzeitig schaffen", so Cruyff. Diese Sitzung muss in der Nachbetrachtung als gut geplante Intrige angesehen werden, zumal Cruyff zuvor seinen ehemaligen Kollegen Tsheu La-Ling vorgeschlagen hatte.

Der wurde wiederum vom Aufsichtsrat abgelehnt, ohne Angabe von Gründen. Erst später, so berichtet der kicker, erklärte Steven ten Have, dass er Vorbehalte gegen La-Ling habe, da er in seiner Zeit "als Präsident des slowakischen Vereins AS Trencin in Spielmanipulationen in der Slowakei verwickelt gewesen sei". Da er keine Beweise vorbringen konnte, stellte La-Ling umgehend Strafanzeige.

Van Gaal als heimlicher Vorschlag

Cruyff verweilte wie erwähnt also in Barcelona, als Davids die Idee kam, einfach Louis van Gaal als Sportdirektor zu verpflichten. So besuchten sie ihn in Portugal und machten Nägel mit Köpfen.

"Wir haben Cruyff korrekt informiert", so Steven ten Have auf zdf.de. "Diese Entscheidung war nötig." Aufsichtsratsmitglied Paul Römer gab später laut der Welt zu, dass Cruyff bewusst nicht informiert worden sei und nach der mündlichen Zusage von Van Gaal vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.

Die Entscheidung ist logisch und nachvollziehbar, denn Van Gaal ist wie auch Cruyff eine starke Person, holte mit Ajax immerhin die Champions League im Jahr 1995 und kann dem übermächtigen Cruyff die Stirn bieten. Warum aber begibt sich van Gaal nun freiwillig in solch eine Lage? Vielleicht ist es auch eine Retourkutsche, da Cruyff auch dafür verantwortlich sein soll, dass Van Gaal im Jahr 2000 als Trainer beim FC Barcelona gehen musste.

Die Bombe war also geplatzt und damit wurde der Stein ins Rollen gebracht. Cruyff und Teile der Jugendtrainer um Dennis Bergkamp wollen gegen den Aufsichtsrat in den Bereichen Arbeitsrecht und Wirtschaftsrecht klagen. Wenige Tage später tagte der Mitgliederrat, der als Halter der Aktienmehrheit den Club repräsentiert. Dieser Rat hat durchaus die Macht, die Ernennung von Van Gaal zu torpedieren und den Aufsichtsrat zu entmachten.

Cruyff wäre zurückgetreten

Wie der Schweizer Tagesanzeiger allerdings meldet, erklärte der Vorsitzende, Rob Bone Jr, dass man sich für keine Seite entscheiden wolle und machte zudem den Vorschlag, der Aufsichtsrat solle doch zurücktreten, um Platz für einen Neuanfang zu machen. Cruyff erklärte sich durchaus einverstanden.

Doch Ten Have, Davids, Olfers, Römer weigerten sich, dieser Aufforderung nachzukommen und sahen sich auf einmal Nachfragen ausgesetzt, als Cruyff den Vertrag mit Van Gaal sehen wollte. Denn den gibt es noch nicht, es handelt sich bisher um mündliche Absprachen, die am 12. Dezember schriftlich fixiert werden sollen.

Ein Krieg wäre kein Krieg, wenn es nicht Gegenschläge geben würde. Und so bezichtigte Edgar Davids seinen Aufsichtsratskollegen, ihn rassistisch beleidigt zu haben. "Du sitzt hier nur, weil du schwarz bist“, soll König Johan gesagt haben und der erklärte später nur, dass sein Statement aus dem Zusammenhang gerissen worden sei.

Wie derwesten.de schreibt, sahen sich die Mitglieder des Aufsichtsrats später Morddrohungen seitens der Ajax-Ultras ausgesetzt und Brian Roy, Jugendtrainer des Vereins, erklärte: "Ich stehe der Familie Cruyff seit Jahren sehr nah. Und ich bin noch schwärzer als Edgar.“ Auch andere ehemalige Spieler wie Dennis Bergkamp, Jaap Stam oder Marc Overmars stärkten ihm den Rücken.

Doch auch Van Gaal hat Teile der Fans hinter sich und man darf nun gespannt sein, wie diese Posse sich weiterentwickelt. Der 12. Dezember kann und soll eine Lösung bringen, denn es gibt auch noch Angestellte, die einfach nur arbeiten und sich nicht zwischen beiden Legenden entscheiden wollen. Wie Ajax-Trainer Frank de Boer, der auf derwesten.de sagte, es gehe ihm "wie einem Vater, der zwischen Sohn und Tochter entscheiden muss“.

Gunnar Beuth

sportal.de / sportal

Wissenscommunity