Champions League Die Nacht der Ernüchterung

Werder Bremen scheidet mit einem peinlichen 0:3 beim Olympiakos Piräus aus der Champions League aus und spielt nur im Uefa-Cup weiter. Speziell Regisseur Diego mag sich damit nicht trösten. Jetzt drohen schmerzhafte Verluste und harte Zeiten an der Weser.
Von Frank Hellmann, Piräus

Ein kurzes Kopfschütteln. Und dann nichts wie weg. Bloß nicht mit ansehen, wie die Fans von Olympiakos Piräus mit Emphase den Singsang und die Ehrenrunde um ihre Torschützen Ieroklis Stoltidis und Darko Kovacevic zelebrieren. Diego Ribas da Cunha, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Diego, wollte nur noch vom Rasen des Hexenkessels Georgios-Karaiskakis-Stadions flüchten, als Schiedsrichter Laurent Duhamel ein für Werder Bremen arg ernüchterndes Champions-League-Match abgepfiffen hatte.

Gewinnen hätten die Hanseaten müssen, um ins Achtelfinale einzuziehen, aber am Ende hatten sie nach drei Gegentoren eben von Stoltidis (12. und 74.) und Kovacevic (70.) mit 0:3 verloren. Aus der Traum, auf der Bühne der besten europäischen Klubs weiterzuspielen. Markus Rosenberg, die eingewechselten Aaron Hunt und Dusko Tosic hasteten als Erste in die Kabine; ohne einen Blick, ohne einen Gruß für die mitgereisten Fans. Dann kam schon Diego. Der Blick auf den Boden gerichtet.

Wo Werder verloren hat

Für Werder Bremen ist das ein denkbar schlechtes Zeichen. Denn was hatte der kleine Spielmacher zuvor gesagt? "Für mich ist Piräus das Spiel des Jahres. Die Champions League wird in der ganzen Welt gesehen. So etwas ist für mich eine Riesenherausforderung." Die riesige Herausforderung erwies sich letztlich als zu groß für den Tabellenzweiten der Fußball-Bundesliga, der nach sechs Spielen der diesjährigen Königsklasse vier Niederlagen auf dem Konto versammelte, in erschreckender Weise vor dem Serienmeister Griechenlands kapitulierte und am Ende einen Rückstand von fünf Punkten produzierte.

"Wir haben das nicht hier verloren, sondern auswärts in Rom und daheim gegen Piräus", konstatierte Klaus Allofs, Werders Geschäftsführer Profifußball, zwar eilig. Aber mit Verlaub: Wäre nicht mit mehr Lust, mehr Leidenschaft, mit ganzem Herzen und großem Wille auch ein Sieg beim Lieblingsklub der Hellenen möglich gewesen?

"Die waren cleverer"

"So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Wir hatten uns dieses Endspiel mit einem Sieg gegen Real Madrid schwer erarbeitet, uns viel vorgenommen und heute davon nichts umgesetzt", gab Clemens Fritz zu. "Die waren einfach cleverer. Wir hatten deutlich mehr Ballbesitz, aber sie waren cooler vor dem Tor", gestand Tim Borowski. Treffende Analysen zweier formschwacher Nationalspieler, die zu jenen gehören, denen Allofs als mildernden Umstand zuschreibt, "dass sie nach Verletzungen noch nicht 100 Prozent bringen können."

Allofs glaubt, die Peinlichkeit von Piräus sei bei nachhaltigem Hinterfragen keine Frage des Wollens gewesen, "wir konnten das an diesem Tag nicht besser." Auch Trainer Thomas Schaaf kleidete seine Enttäuschung in beinahe gewohnte milde Worte. "Wir haben sehr viel vor dem Tor getan, aber wir haben uns den Lohn dafür nicht abgeholt. Wir haben dieses Spiel zu leicht aus der Hand gegeben. Es fehlt die Balance zwischen Defensive und Offensive."

Der Spaßbetrieb wird fad

Den Seinen fehlt vor allem dann eine Lösung, wenn Diego mit schonungsloser Doppeldeckung aus dem Spiel genommen wird wie das erneut gegen die robusten Griechen geschah. Ohne seine Impulse, ohne seine Ideen wirkt das grün-weiße Vorwärtsspiel so inhaltslos wie die vor dem Stadion von den Bremer Fans weggeworfenen Becks-Dosen.

Werders Spaßbetrieb kommt dann auf einmal leer und fad daher, weil weder Jurica Vranjes (zu limitiert) noch Tim Borowski (zu lethargisch) in dieses Vakuum stoßen. Und wer beobachtet, wie viele Bälle dem schwedischen Nationalstürmer Markus Rosenberg verspringen; wer sieht, wie oft sich der finnische Nationalverteidiger Petri Pasanen den Ball erst auf den richtigen rechten Fuß legen muss, dem dämmert, dass auch grundsätzliche Defizite und Mängel auf diesem Niveau bestehen. "Wir können die Ausfälle nicht alle verkraften", befand Allofs, "uns hat Qualität gefehlt."

Für Diego nicht das Beste

Auch deshalb hat Diego am Dienstagabend oft kleine Gesten des Unmuts, der Unzufriedenheit gemacht. Mitten im Spiel, oft unbemerkt. Eine Frage stellt sich: Ist für den Genius, der die gesamte Liga überragt, Werder Bremen noch der richtige Verein? "Wenn ich zugedeckt werde, müssten sich doch woanders Räume bieten?" hat Diego nach der Piräus-Partie in den Raum gestellt - und es klang wie eine versteckte Anklage an die Kollegen, obwohl Diego das nie so sagen würde. Direkt nach dem schwierigen Bundesliga-Spiel am Samstag gegen Bayer Leverkusen wird der 22-Jährige zurück in seine Heimat nach Ribeirao Preto fliegen. Und irgendwann zu Weihnachten mit seinem Vater reden, der gleichzeitig sein Berater ist. Beide werden darüber beratschlagen, was für Diego das Beste ist. Der Strohhalm Uefa-Cup (Boubacar Sanogo: "Das ist auch ein Europapokal") ist das nämlich nicht. "Das ist für mich kein Trost", ließ Diego gegen Mitternacht in der Mixed Zone seinen Dolmetscher Roland Martinez übersetzen, der zuvor hektisch an der Zigarette gezogen hatte.

Der Mann ist besser vertraut mit Diegos Empfindlichkeiten als jeder andere bei Werder - und er ahnt, wie viel Frust das Piräus-Erlebnis speziell bei so einem Lust-Profi auslöst. Diego hatte sein weißes Hemd trotzig aus der Hose hängen. Der brasilianische Nationalspieler wirkte traurig, ja entgeistert. Nur die Königsklasse wird bis in die entlegensten Winkel seiner Heimat registriert. Uefa-Cup? In diesem Moment ein no-go!

Schmerzensgeld von der Uefa

In der anderen Ecke der Mixed Zone stand Allofs und formulierte ungefähr das Gegenteil dessen, was Diego hatte verlauten lassen. "Wir werden den Uefa-Cup trotz der Enttäuschung positiv angehen. Unser Ziel muss es sein, weiter zu kommen als im letzten Jahr." Dann müsste Werder am 14. Mai im Endspiel in Manchester mitspielen. Auch dieser Wettbewerb, in dem die Bremer am 13./14. und 21. Februar antreten, könne attraktiv sein, beteuert Allofs. Allerdings wird Werder ein Zweiter der acht Uefa-Cup-Gruppen zugelost - und nach derzeitigem Stand könnte der Gegner Getafe, Helsingborg oder St. Petersburg heißen. Da klänge Barcelona, Manchester oder Mailand schon besser.

Das weiß der 51-jährige Rheinländer genauso wie die Tatsache, dass erst einmal fixe Einnahmen von fünf Millionen Euro futsch sind. Auch für die Zwischenrunde im Uefa-Cup gibt es von der Uefa übrigens etwas. 70.000 Euro Antrittsgeld. Oder Schmerzensgeld?


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker