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Champions League Taktikanalyse - Chelsea - Barcelona 1 -0


Den Geist von José Mourinho hat Chelseas Interimstrainer Roberto di Matteo an der Stamford Bridge beschworen - und so mit den Blues etwas geschafft, was noch seltener ist als die Blaue Mauritius: einen Zu-null-Sieg gegen Barcelona in der Champions League. Wie das gelang und was es mit Robin Dutt zu tun hat, erfahren Sie in unserer Taktikanalyse.

Mit einer der diszipliniertesten taktischen Leistungen, die wir in dieser Saison in Europa gesehen haben, sowie etwas Glück hat Chelsea sein Hinspiel im Champions League-Halbfinale gegen Barcelona mit 1:0 gewonnen. Erst ein einziges Mal hatten die Katalanen unter Josep Guardiola ein Champions League-Spiel zu null verloren, und das war im Sommer 2008 in einem schon bedeutungslosen Qualifikationsrückspiel in Krakau, nachdem das Hinspiel mit 4:0 an Barcelona gegangen war.

Das verdeutlicht den historischen Charakter des Blues-Sieges, den der Mannschaft noch vor zwei Monaten wohl niemand zugetraut hätte. Klarer Außenseiter ist Chelsea nächste Woche natürlich trotzdem noch, auch wenn das 1:0 ein etwas angenehmeres Ergebnis darstellt als das 2:1 des FC Bayern.

Aus taktischer Sicht war das zweite Halbfinale wesentlich interessanter als das erste, auch wenn es vom reinen Unterhaltungswert her nicht mit dem Bayern-Spiel mithalten konnte. In München war die eigentlich etwas bessere Mannschaft, Real Madrid, am Abend schlechter als die Bayern und verlor knapp. Die interessanteste Frage schien uns da, warum das so war. Bayern spielte nicht unbedingt brillanten Fußball, aber gewann dank einer kämpferisch beeindruckenden Leistung verdient. Aus taktischer Sicht war auf Münchner Seite vor allem die Rolle von Toni Kroos interessant, auch wenn unsere Kollegen von spielverlagerung.de im ZDF eine "taktische Meisterleistung" der Bayern erkannt haben wollten.

Anders das Spiel in London. Hier war die eigentlich bessere Mannschaft (Barcelona) auch tatsächlich die bessere Mannschaft - und verlor trotzdem. Wie konnte es dazu kommen?

1) Eine Lanze für Robin Dutt

Wir müssen noch einmal kurz auf das Achtelfinalhinspiel Bayer Leverkusens gegen Barcelona zurückkommen. Wie wir damals schon ausführlich argumentiert haben, herrschte in den deutschen Medien die Meinung, Bayer habe in der ersten Hälfte des Heimspiels viel zu defensiv und "ängstlich" gespielt und deshalb das Spiel mit 1:3 verloren: "Wenn Bayer schon in der ersten Halbzeit so mutig nach vorn gespielt hätte, wie nach der Pause, wäre das Spiel vielleicht anders ausgegangen", mutmaßte Sport 1. Zur Erinnerung: Vor der Pause hatte Leverkusen ultradefensiv agiert, aber nur eine Torchance zugelassen. Nach der Pause kassierte die Mannschaft bei "mutigerer" Spielweise zwei weitere Gegentore.

Im Rückspiel schließlich mündete die Ankündigung Rudi Völlers, "einen offenen Schlagabtausch zu liefern", in einem 1:7-Debakel. Viele Aspekte des Bayer-Spiels in der ersten Hälfte gegen Barcelona waren - in besser umgesetzter Form - auch am Dienstagabend an der Stamford Bridge zu finden. Sowohl für Leverkusen als auch für Chelsea war es wohl die richtige Taktik. Um das zu akzeptieren, muss man sich klar machen, dass ein 0:0 in einem Hinspiel zu Hause kein ganz schlechtes Ergebnis ist, wenn man gegen einen überlegenen Gegner antritt.

Die Auffassung, man müsse im eigenen Stadion "vorlegen", stimmt nur im luftleeren Raum. Die Wahrscheinlichkeit, gegen Barcelona weiterzukommen, ist ohnehin sehr gering. Es geht also auch darum, diese geringe Chance möglichst lange offen zu halten. Dann kann immer noch ein Konter oder eine Standardsituation kommen, mit der man selbst trifft. Ist das wahrscheinlich? Nein. Aber die Chancen, im Rückspiel überhaupt noch etwas erreichen zu können, wenn man auf der Suche nach dem Heimtor "mutig nach vorne gespielt" hat, werden meistens noch geringer sein.

2) Die zwei Optionen, erfolgreich gegen Barcelona zu spielen

Für das Spiel gegen die beste Mannschaft der Welt hat man vereinfacht gesprochen eine Grundsatzentscheidung zu treffen: aggressives Pressing, um Barcelonas Spielaufbau schon von hinten heraus zu stören und mit Ballgewinnen selbst auf Torjagd zu gehen. Nennen wir es die Marcelo Bielsa-Methode. Der Argentinier hat es mit Athletic Bilbao in der Hinrunde fast geschafft, den Meister zu schlagen, indem alle seine Spieler mit wahnsinnigem Laufpensum die ballführenden Katalanen attackierten.

Manchester United hielt diese Taktik im letzten Champions League-Finale nur zehn Minuten durch und brach dann auseinander. Die Alternative ist es, den Ballbesitz freiwillig aufzugeben und durch gutes Verschieben der ganzen Mannschaft auf komprimiertem Raum Barcelona da zu stören, wo die Angriffe in die entscheidende Phase treten. Nennen wir es die José Mourinho-Methode. Paradebeispiel für diesen Ansatz ist immer noch die Defensivtaktik, mit der Inter im Halbfinale 2010 in Unterzahl in Barcelona seinen Hinspielvorsprung über die Zeit brachte.

3) Die Schlüsselelemente von Di Matteos Taktik

Roberto di Matteo erwies sich in dieser Hinsicht als Mourinho-Jünger. Er bot ein nominelles 4-3-3 auf, das aber tatsächlich eher als 4-5-1 funktionierte. Schlüsselelement seiner Taktik waren zwei Ketten, die in dichtem Abstand direkt vor dem eigenen Strafraum auf die Gäste warteten. Warteten ist keine Metapher, sondern Realität.. Um sich nicht aus der Position ziehen zu lassen, attackierten die drei Mittelfeldspieler Frank Lampard, Raul Meireles und John Obi Mikel die ballführenden Spieler des Gegners nur äußerst selten.

Der Abstand zwischen den beiden Riegeln war dabei so gering, dass Lionel Messi es selten schaffte, Platz vor der Abwehr zu finden, um von dort aus Doppelpässe zu initiieren oder selbst zum Dribbling anzusetzen. Die neun Chelsea-Spieler, die so gegen den Ball arbeiteten (nur Didier Drogba blieb meist vorne), verschoben dabei nicht entschieden über die ganze Breite des Spielfeldes, sondern achteten vor allem darauf, das Zentrum kompakt zu halten.

So musste Barcelona zwangsläufig auf die Flügel ausweichen. Das wiederum konnte Chelsea relativ entspannt riskieren, weil Flanken als Option den Gästen nicht zur Verfügung standen. Schließlich hatte Chelseas Innenverteidigung mit John Terry und Gary Cahill einen klaren Vorteil bei hohen Bällen - obgleich Lionel Messi in der ersten Halbzeit sogar einen Kopfball aufs Tor brachte, wenn auch von der Strafraumgrenze aus. Einen "Plan B" für eine solche Situation hat Barcelona tatsächlich nicht. Auf der Bank saßen keine Spieler, die als physisch robuster Mittelstürmer inmitten dieser Chelsea-Defensivtaktik Zweikämpfe gewinnen konnten.

Das muss gar keine Kritik sein. Barcelonas System ist so erfolgreich, dass es keine Veranlassung gibt, die Spielweise völlig umzustellen, nur weil es mal in einem Spiel nicht läuft. Aber ein Zlatan Ibrahimovic (oder ein Mittelstürmer wie Athletics Fernando Llorente, der eine solche Alternative in der spanischen Nationalelf darstellt) hätte am Mittwoch andere Optionen geboten. Tatsächlich führte die sehr defensive Grundordnung der Blues, in der auf der rechten Seite Ramires vor dem starken Ashley Cole, dem besten Mann auf dem Platz, verteidigte, dazu, dass Daniel Alves sich immer weiter nach vorne orientierte.

Genau dieses Phänomen aber begünstigte das Gegentor, als Frank Lampard Messi im Mittelfeld den Ball abnahm und ihn sofort nach linksaußen passte, in den Rücken von Alves, wo Ramires auf und davon stürmte, bevor er den mitgelaufenen Drogba am langen Pfosten bediente.

4) Roman Abramovich hat das Projekt "Attraktiver Fußball" abgeschrieben - aber wie lange?

Für Fans, die gerne eine offensivere, moderne Spielweise Chelseas gesehen hätten und daher mit der Verpflichtung von André Villas-Boas Hoffnungen verknüpften, muss es ein bitterer Rückschlag sein, zu sehen, wie Di Matteo das Projekt seines Vorgängers nach und nach zu den Akten legt. Mit genauen Vorstellungen vom Fußball, den er gerne spielen lassen will, war AVB im Sommer angetreten. Seine extrem hohe Viererkette (wie die von Barcelona am Dienstag) erwies sich jedoch immer wieder als anfällig für Konter, weil die zur Verfügung stehenden Abwehrspieler die damit verbundenen Anforderungen nicht umsetzen konnten (oder wollten).

Roberto di Matteo, der nicht einmal einen Vertrag über diese Saison hinaus besitzt, aber schon bei West Bromwich Albion sein großes Potenzial als Trainer angedeutet hatte, hat das zugunsten der angesprochenen Kompaktheit aufgegeben. Die Erfolge geben ihm Recht: 13 Spiele, zehn Siege, zwei Unentschieden und nur eine Niederlage, so lautet seine Bilanz. Klar scheint damit zu sein, dass zumindest mit dem jetzigen Kader kein "moderner" Offensivfußball gespielt werden sollte.

Mit John Terry, Didier Drogba, Frank Lampard und Ashley Cole sind aber vier Leistungsträger schon über 30 und werden nicht mehr auf Jahre hinaus den Club prägen. Grundsätzlich gäbe es also die Möglichkeit, noch einen neuen Anlauf zu unternehmen. Doch dafür sollte die Trainerpersonalie passen. Die beiden lange als Topkandidaten gehandelten (aber nicht bestätigten) Josep Guardiola und José Mourinho stehen für sehr unterschiedliche Fußballphilosophien. Roman Abramovich sollte ausnahmsweise mal gründlich in Ruhe überlegen, in welche Richtung sein Projekt sich entwickeln soll. Der Mittwochabend mag ihn im dieser Frage Anstöße geben.

5) Auch Barcelona merkte man den bevorstehenden Clásico an

Angesichts der großen Dominanz Barcelonas mutet die Annahme, die Gäste hätten sich fürs Wochenende geschont, etwas merkwürdig an. Aber wie im Fall von Real Madrid am Dienstag hatte man nicht das Gefühl, dass Barcelona in einem CL-Endspiel genauso auftreten würde. Um die Gefahr von Kontern zu minimieren, vor denen man (zu Recht) Angst hatte, spielten die Blaugrana zwar eine extrem hohe Viererketten-Linie, aber sie warfen keineswegs alles nach vorne, sondern zeigten Geduld beim Spielaufbau und behielten fast immer genug Spieler hinten, um die direkten Bälle auf Drogba abfangen zu können.

Auch für Barcelona ging es schließlich auch darum, Kräfte für den Clásico am Samstag, das wahrscheinlich entscheidende Spiel um den spanischen Titel, zu konservieren. Wie für die Madrilenen gilt, dass die etwas zurückgenommene Taktik dennoch fast zum gewünschten Ergebnis geführt hätte. Nur die Latte (gegen Alexis Sánchez) und der Pfosten (gegen Pedro) verhinderten das Auswärtstor. Barcelona hat gute Chancen, im Rückspiel am nächsten Dienstag ins Finale von München einzuziehen.

Daniel Raecke

sportal.de sportal

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