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In akuter Abstiegsnot Das Ende einer Liebe: Die Zeit von Kohfeldt bei Werder Bremen scheint abzulaufen

Florian Kohfeldt: "Ich laufe nicht weg".
Florian Kohfeldt: "Ich laufe nicht weg".
© Maja Hitij / Getty Images
Trotz vorläufigem Treuebekenntnis: Trainer Florian Kohfeldt scheint keine Zukunft als Trainer von Werder Bremen zu haben. Aber die Trennung von ihm fällt den Verantwortlichen schwer, weil er fester Bestandteil der Werder-Familie ist.

Wer Florian Kohfeldt nach der Niederlage gegen Union Berlin auf der Pressekonferenz erlebt hat, sah einen Trainer, der die schmerzhafteste Niederlage (1:3) seiner Karriere erlitten hat. Kohfeldt wirkte tief getroffen: "Es ist eine sehr schlechte Situation, die wir mit aller Kraft bekämpfen müssen", sagte er. "Ich kann für mich ausschließen, dass ich weglaufe." Es sind Aussagen, die nach sieben Niederlagen in Folge und akuter Abstiegsnot kaum überzeugend klingen, auch wenn sie ehrlich gemeint waren.

Die Lage ist ernst in Bremen, der Abstieg droht – und Kohfeldt hat keine Argumente mehr. Nach dem 24. Spieltag stand die Mannschaft mit 30 Punkten auf dem 12. Tabellenplatz und hatte elf Punkte Vorsprung auf einen Relegationsplatz. Sieben Spiele später steht sie mit 30 Punkten auf dem 14. Tabellenplatz mit nur einem Punkt Vorsprung auf den Relegationsplatz. Es ist ein klassischer Spannungsabfall, der hier stattgefunden hat. Trainer, Mannschaft und Verein fühlten sich zu früh zu sicher. Das rächt sich jetzt, es droht der freie Fall in die zweite Liga, der finanziell katastrophale Auswirkungen hätte. Der Verein hält sich unter den erschwerten Bedingungen der Corona-Pandemie nur mit Krediten und einer Landesbürgschaft über Wasser.

Thomas Schaaf steht bereit

Als möglicher Nachfolger Kohfeldts steht Thomas Schaaf bereit, aktuell ist die Werder-Legende Technischer Direktor des Vereins. In einer ähnlichen Situation startete Schaaf 1999 eine Ära als Bremer Coach. Er übernahm vier Spieltage vor Saisonende das Amt, rettete Werder vor dem Abstieg und wurde Pokalsieger in Berlin – gegen den FC Bayern.

Die für Werder-Anhänger charmante Erinnerung hat aber wenig mit der aktuellen Lage zu tun. Geschichte wiederholt sich selten und im Fußball hat sich in den vergangenen Jahren viel geändert. Eine Zukunftslösung wie vor 22 Jahren wäre er diesmal nicht.

Ein weiterer Unterschied: 1999 waren sie an der Weser froh, den allseits unbeliebten Felix Magath los zu werden. Niemand weinte ihm eine Träne nach, die Entlassung wirkte für Mannschaft und Klub wie eine Befreiung. Das ist bei Kohfeldt ganz anders. Der 38-Jährige ist fester Bestandteil der Werder-Familie. Seit fast 20 Jahren ist er Mitglied, seit er als junger Torwart zur dritten Mannschaft kam. Für eine Profikarriere fehlte das Talent, für die des Trainers nicht. In Bremen übernahm er eine Jungendmannschaft nach der anderen, bis er im November 2017 zum Cheftrainer befördert wurde. Er galt als großes Versprechen auf die Zukunft und sollte, so hatte es die grün-weiße Tagträumerei vorgesehen, eine Ära begründen wie einst Otto Rehhagel oder Thomas Schaaf.

Die Bedingungen im Bremen sind schwer

Das hat nicht funktioniert. Zum einen arbeitet Kohfeldt unter erschwerten Bedingungen. Seit er die Mannschaft übernahm, musste er mit einem rigiden Sparkurs klarkommen. Im vergangenen Sommer kamen nur Nachwuchsspieler als Verstärkung, die meisten von ihnen waren vorher ausgeliehen. Deshalb muss die Klub-Führung um Sportdirektor Frank Baumann und Aufsichtsratchef Marco Bode folgende Frage beantworten: Würde eine Entlassung angesichts der Qualität der Mannschaft überhaupt etwas bringen? Eine glasklare Antwort dürfte schwer fallen.

Dass Kohfeldt zum anderen auch selbst Fehler macht, steht außer Frage. Vor der vergangenen Saison glaubten sie in Bremen, eine Chance auf einen internationalen Tabellenplatz zu haben. Das erwies sich (verstärkt durch eine ausgedehnte Verletzungsserie) als grobe Fehleinschätzung der gesamten sportlichen Führung. Ein Spieler wie Yuya Osako, von Kohfeldt als Nachfolger des herausragenden Max Kruse vorgesehen, erfüllte die Erwartungen nicht – eine Fehleinschätzung. Am Ende retteten sich die Bremer mehr mit Glück als Verstand in die Relegation. Schon damals gab es Forderungen, Kohfeldt zu entlassen, aber die Bremer blieben ihrer Tradition treu, eher an einem Coach festzuhalten.

In der aktuellen Saison lief es lange Zeit besser. Kohfeldt verordnete der Mannschaft phasenweise einen unansehnlichen Defensivfußball, aber lieferte Ergebnisse und schien die Mannschaft zu stabilisieren. Aber als die Bremer nach 24 Spieltagen mit 30 Punkten gut dastanden, wiegten sie sich zu sehr in Sicherheit – auch Kohfeldt. Es war wieder eine Fehleinschätzung. Es folgten sieben Niederlagen am Stück, eine desaströse Leistung. Die Mannschaft macht im Ballbesitz zu viele Fehler, entwickelt zu selten Torgefahr und stellt sich in der Defensive oft dilettantisch an. Letzteres hatte Kohfeldt zwischendurch erfolgreich abgeschaltet.

Jetzt, da das Team in die zweite Liga abzusteigen droht, will die Vereinsführung keine schnelle Entscheidung treffen. Für sie ist es von Bedeutung, ob das Verhältnis von Trainer und Mannschaft intakt ist. Blickt man auf die zwei vergangenen Spiele gegen Union Berlin und Borussia Dortmund, scheint das nicht der Fall zu sein. Das Team wirkt manchmal wie gehemmt. Es fällt schwer zu glauben, dass Kohfeldt das Steuer herumreißt trotz seiner unumstrittenen Verdienste.


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