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Vor dem Rückrundenstart Kleiner Kader und viele Verletzte: das riskante Spiel der Bayern

Hansi Flick und Hasan Salihamidzic
Hansi Flick und Hasan Salihamidzic
© Alex Grimm / Getty Images
Die Blamage im Testspiel gegen Nürnberg hat deutlich gemacht: Der Bayern-Kader ist zu klein, um die vielen Verletzten zu ersetzen. Trainer Hansi Flick hatte schon vorher Verstärkungen gefordert. Sportdirektor Hasan Salihamidzic bremst - ein riskantes Spiel.

Im Trainingslager der Bayern in Doha entstand ein markantes Bild von Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Man sieht ihn auf einem grünen Wall zwischen zwei akkurat gestutzten, sehr großen Büschen auf einem Stuhl sitzen. Von dort aus beobachtete Salihamidzic aus erhöhter Position das Training der Mannschaft. Mal mit verschränkten Armen und grimmigen Gesichtsausdruck, zwischendurch immer mal wieder telefonierend. Es sah ziemlich chefmäßig aus.

Aber als Chef trägt man Verantwortung und deshalb kam "Brazzo", wie man ihn früher nannte, nicht zur Ruhe. Es gab schließlich zwei große Themen, die die Bayern mit nach Katar genommen hatten. Das war erst die Diskussion um den Transfer von Schalke-Torwart Alexander Nübel im Sommer und die Frage, ob das wirklich ein kluger Schachzug ist. Während Salihamidzic wie Neu-Vorstand Oliver Kahn den Wechsel als "strategisch klug" verteidigten, fragten sich Experten und Medien, warum ein junger Keeper einen Stammplatz auf Schalke gegen einen Platz auf der Ersatzbank hinter Manuel Neuer tauscht. Die wenigsten gehen davon aus, dass diese Personal-Konstellation reibungslos und harmonisch abläuft.

Gute Übersicht: Hasan Salihamidzic schaut der Mannschaft beim Training in Doha zu
Gute Übersicht: Hasan Salihamidzic schaut der Mannschaft beim Training in Doha zu
© Alex Grimm / Bongarts / Getty Images

Die Bayern plagen große Verletzungssorgen

Aber die Neuer-Nübel-Debatte wurde schnell abgelöst durch eine zweite Problemlage, die die Bayern plagt: der kleine Kader und die vielen Verletzten. Sie ist von weitaus größerer Bedeutung, weil sie die Gegenwart bestimmt und für den weiteren Verlauf der Saison entscheidend ist. Besonders in der Abwehr sind die Lücken groß. Dort fehlen Niklas Süle, Lucas Hernandez und Javier Martinez noch für längere Zeit. Im Angriff muss Flick vorerst auf die Flügelstürmer Kingsley Coman und Serge Gnabry verzichten. Ob Robert Lewandowski nach seiner Leisten-OP rechtzeitig zum Rückrundenstart gegen Hertha BSC Berlin wieder fit wird, ist noch offen (die Chancen sollen aber gut stehen). 

Das Spannende an der Debatte ist, dass sie nicht von außen losgetreten wurde, sondern vom Trainer Hansi Flick höchstselbst. Unter Woche hatte Flick in weiser Voraussicht Verstärkungen in der Winterpause gefordert: "Ich denke da an mindestens zwei Spieler - auf jeden Fall einen für die Defensive und vielleicht auch für die Außenbahn“, sagte er. Der Sportdirektor konterte daraufhin: "Ich war überrascht über diese mediale Kaderplanung, die der Hansi betrieben hat", und betonte: "Ich bin einfach kein Freund von medialer Kaderplanung." Es war eine erste, kleine Machtprobe zwischen den beiden.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der FC Bayern aber noch nicht sein einziges Testspiel vollkommen vergeigt. Am Samstag verlor die Mannschaft gegen den 1. FC Nürnberg mit 2:5 - eine Blamage. Das peinliche Ergebnis gegen den Zweitligisten kam wie bestellt, um zu beweisen, dass Verstärkungen dringend nötig sind und Salimidzic weiter unter Druck zu setzen.

Flicks Forderung ist verständlich

Nach den ersten 45 Minuten stand es 1:1. Da hatten noch die wenigen gesunden Stammplatz-Kandidaten auf dem Platz gestanden, zur zweiten Hälfte ließ Flick dann die übrig gebliebene zweite Reihe ran, eine Art U21-Mannschaft: Neben Sven Ulreich im Tor liefen Spieler wie Michael Cuisance, Jann-Fiete Arp oder der 16-jährige Bright Akwo Arrey-Mbi auf - die Folge waren vier weitere Tore für Nürnberg und die Erkenntnis, dass es der Mannschaft im Moment schlicht an Personal mangelt, um größere Ziele zu erreichen. Sogar Joshua Kimmich merkte nach der Partie an: "Fakt ist, dass wir schon dünn besetzt sind, was die Breite angeht."

Flick hat mit seinem Notruf klug gehandelt, weil er die Aufmerksamkeit auf die Probleme der Bayern angesichts des ausgedünnten Kaders gelenkt hat - und damit den Druck auf Salihamidzic erhöhte zu handeln. Es ist ein nachvollziehbarer Schachzug. Als Trainer ist er in letzter Instanz verantwortlich für den Erfolg. Da ist es für ihn sinnvoll, frühzeitig zu mahnen. Das öffentlich zu tun, erzielt mehr Wirkung. Das weiß Hansi Flick nur zu gut, für den es auch um seine berufliche Zukunft über den Sommer 2020 hinaus geht. 

Flick weiß, wie die Bayern ticken, das brachte er in Doha auf den Punkt. "Wir sind hier bei Bayern München. Und da ist es so: Wenn du in der Bundesliga Zweiter wirst mit einem Tor Unterschied, hast du keine gute Saison gespielt." Angelastet würde das als erstes Flick selbst.

Bleibt die Frage, ob Salihamidzic bis zum Ende des Monats, wenn die Transferperiode endet, noch einen geeigneten Profi findet. Der Winter-Tansfermarkt ist naturgemäß schwierig. Sollten die Bayern keine angemessene Verstärkung finden, gehen sie auf jeden Fall mit viel Risiko in die Rückrunde. Das wissen alle Akteure.

Quellen: DPA, "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "kicker"


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