HOME

Deutsch-holländisches Gipfeltreffen: Rudis Jungs verspielen den Sieg

Fußball-Deutschland war begeistert und am Schluss enttäuscht: Eine glänzend aufspielende Völler-Elf führte bis zur 81. Minute durch ein Tor von Torsten Frings mit 1:0, bis Ruud van Nistelrooy noch der Ausgleich gelang.

Für eine taktische und kämpferische Glanzleistung ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zum Auftakt der Europameisterschaft gegen den Erzrivalen Niederlande nur mit einem Remis belohnt worden. Mit dem 1:1 (1:0) gegen die "Oranjes" setzte das Team von Rudi Völler am Dienstagabend in Porto zwar seine Serie fort, noch nie ein EM-Eröffnungsspiel verloren zu haben, gab aber durch eine Unachtsamkeit des gerade eingewechselten Bremers Fabian Ernst einen möglichen Sieg aus der Hand.

Vor 52 000 Zuschauern im ausverkauften Estadio Dragao erzielte Torsten Frings (31.) mit seinem vierten Länderspiel-Treffer die Führung für den in der ersten Halbzeit überlegenen Vize-Weltmeister. Doch nach der Pause wurde der Druck der Holländer, die neun Minuten vor dem Ende durch Ruud van Nistelrooy zum 1:1 kamen, immer größer. Mit einem Sieg im zweiten Spiel am Samstag in Porto gegen Lettland kann das deutsche Team dennoch bereits die Weichen fürs Weiterkommen stellen.

Völler zufrieden

"Wenn man so lange 1:0 führt, ist der späte Ausgleich natürlich ärgerlich. Vor allem deshalb, weil wir die Holländer in der ersten Halbzeit im Griff hatten. Kompliment an meine Mannschaft: Das ist das Holz, aus dem Turniermannschaften geschnitzt sind", sagte Völler nach packenden 90 Minuten, in denen er mit der Einwechslung von Ernst keine glückliche Hand hatte. Der Bremer vertändelte den Ball an der Eckfahne gegen Andy van der Meyde, dessen Hereingabe van Nistelrooy verwandelte. «In der ersten Halbzeit war es von uns das beste Spiel seit langer Zeit», resümierte Torhüter Oliver Kahn, der an seinem 35. Geburtstag erst in der Schlussphase sein ganzes Können zeigen musste. "Was gefehlt hat, war ein zweites Tor."

Völlers Elf überraschte positiv

Die deutsche Mannschaft, die Völler nach tagelangem Versteckspiel in Sachen Taktik und Aufstellung erwartet defensiv aufgestellt hatte, imponierte zum Turnierstart mit einem Maß an Teamgeist, Disziplin und Leidenschaft, das ihr nur wenige zugetraut hatten. Während auf den Rängen des vollbesetzten Drachenstadions die Farbe orange dominierte, entwickelte sich das 36. Duell der Nachbarn und Erzrivalen auf dem Rasen zunächst ganz nach den Vorstellungen der Deutschen.

Wie vom Trainer-Duo Völler und Michael Skibbe gefordert, kauften die Spieler dem Gegner mit energischen Aktionen den Schneid ab, verwickelten ihn immer wieder in Zweikämpfe und zwangen die Niederländer damit zu Fehlern. Ausdruck der Nervosität der Oranjes war das Foul von Philipp Cocu an Philipp Lahm an der Seitenlinie, das zum Führungstor durch Frings führte. Der Dortmunder zirkelte den Ball aus spitzem Winkel vorbei an Freund und Feind in die lange Torecke. Dabei machte vor allem Torhüter Edwin van der Sar eine unglückliche Figur.

Glanzvorstellung von Ballack

Michael Ballack war in läuferischer und kämpferischer Hinsicht ein Vorbild. Der Münchner war praktisch an allen wirkungsvollen Offensivaktionen beteiligt. Eine erstaunlich selbstbewusste und abgeklärte Vorstellung boten auch die drei EM-Debütanten. Lahm degradierte van der Meyde auf der linken Seite fast zum Statisten, ebenso sicher beherrschte sein Pendant Arne Friedrich 45 Minuten lang Boudewijn Zenden. In der Spitze sorgte der als einziger Stürmer aufgebotene Kevin Kuranyi immer wieder für Unruhe in der Abwehr der Niederländer, in der oft allein Jaap Stam die Übersicht behielt. Die nach der Testspiel-Pleite gegen Ungarn vor neun Tagen arg gescholtene Abwehr hatte die gefürchteten Oranje-Spitzen lange Zeit im Griff.

Nach Flanke von Bernd Schneider bot sich Wörns (21.) die erste deutsche Torchance. Das harmlose Schüsschen des Dortmunders bereitete van der Sar indes keine Probleme. Dann musste der Keeper bei einem Distanzschuss von Kuranyi (23.) schon energischer zupacken, den folgenden Eckball köpfte Wörns daneben. Erst drei Minuten vor dem Seitenwechsel hatte das deutsche Team wieder einen bangen Moment zu überstehen, als sich Rafael van der Vaart im Strafraum energisch durchsetzte und knapp am Tor vorbeischoss.

Ernst-Fehler leitet Ausgleich ein

Bondscoach Dick Advocaat reagierte zur Pause auf die matte Vorstellung seiner Elf und gab mit den Einwechslungen von Marc Overmars und Wesley Sneijder das Signal zum Angriff. Doch die Akzente in der Offensive setzte zunächst weiter die deutsche Elf. So auch in der 53. Minute, als Kuranyi haarscharf an einer Flanke von Schneider vorbeiflog. Mit zunehmender Spielzeit schwanden jedoch die Kräfte, die Holländer gewannen mehr und mehr die Oberhand. Mehr als Entlastungsangriffe brachte die Völler-Elf kaum noch zu Stande. Mit Bastian Schweinsteiger brachte der Teamchef noch einmal einen frischen Mann aufs Feld, der für einigen Wirbel sorgte. Dann leitete ausgerechnet Ernst den unglücklichen Ausgleich ein.

Oliver Hartmann und Klaus Bergmann, DPA / DPA

Wissenscommunity