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Fußballbund in der Krise Wie zwei Lager im DFB um die Niersbach-Nachfolge kämpfen


Das Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland verkommt zur Randnotiz. Und das nicht nur wegen der Aufarbeitung der Vergabe um die WM 2006. Ab sofort geht es noch um eine andere Frage: Welches Lager stellt den neuen DFB-Präsidenten? 
Von Mathias Schneider, Paris

Ja, tatsächlich, es gibt ihn dann noch, den Fußball in diesem ehemals so stolzen Verband namens Deutscher-Fußball-Bund. Man hatte das fast vergessen. Aber jetzt, wie er da sitzt, mit seinem weißen T-Shirt, sich streckt, entspannt lächelt im Mediensaal des Radisson Blu von Paris, wie eigentlich vor jedem Länderspiel, da ist alles plötzlich wieder so leicht und unbeschwert. Ach, wenn sich alles nur mit dieser Löw’schen Gelassenheit weglächeln ließe. 

Noch ein Tag ist es bis zur (heute stattfindenen) Partie gegen Frankreich. Der Skandal um schwarze Kassen, ominöse Zahlungen, um Lügen und Vertuschung im noch immer größten Fußball-Verband der Welt hat jetzt für einen Moment Pause. Die Nationalmannschaft spricht. Löw spricht. „In meiner Arbeit als Bundestrainer beeinflusst mich das nicht“, sagt Löw gedehnt, als man ihn auf die Krise anspricht. Der Manager Oliver Bierhoff habe zuvor das Wort an die Mannschaft gerichtet und den Rücktritt des Präsidenten Wolfgang Niersbach erklärt. Löw klingt, als hätten die Profis Halt nötig. Als sei ein Held des deutschen Fußballs unerwartet von ihnen gegangen. Aber dann ist es auch schon wieder gut. Es geht jetzt um den Schalker Sane’, sehr talentiert.

Nicht mit hinein ziehen in den Korruptionsmorast

Sie wollen sich alle nicht mit hinein ziehen lassen in diesen Korruptionsmorast. Am Ende ist die eigene Vita gleich noch mitbesudelt. Man muss sich diese Nationalmannschaft schließlich seit Jahren innerhalb des Deutschen Fußball-Bundes wie einen kleinen Staat im Staat vorstellen. Zwar erwirtschaftet sie einen Großteil der Einnahmen und wirkt nicht erst seit dem WM-Titel 2014 als weit hinaus strahlender Mononlith. Doch wirklich warm ist sie mit dem Flügel der Amateure innerhalb des DFB nie geworden. Zu eigenständig hatten sie Oliver Bierhoff und zunächst der Teamchef Jürgen Klinsmann geführt. Nicht vereinnahmen wollten sich Bierhoff und Co von Generalsekretären und Verbandsfürsten lassen.

Die Frage ist allerdings, in welchem Umfeld er und Löw in den nächsten Jahren ihren Job verrichten werden. Denn Niersbachs Rücktritt und die damit verbundene Implosion eines ganzen Verbandes legen nicht nur ein Geflecht aus Lügen, Vertuschungen und Halbwahrheiten rund um die Aufarbeitung der Vergabe der WM 2006 frei. Sondern auch, wie tief die Gräben zwischen dem Löw zugewandten Profifußball auf der einen Seite und jenem Lager der Amateure unter dem Dach des DFB mittlerweile sind. Nun, nach Niersbachs erzwungener Flucht schlägt auch die Stunde der machtbewussten Ehrenämtler. Zu lange fühlten sich vom Niersbach, in ihren Augen ein Genosse der Liga-Bosse, in der Vergangenheit vernachlässigt. 

Nun sitzt Bierhoff, grauer Pullover, weißes Hemd, in München in einem dunklen Saal im Hotel Hilton vor der Presse und sagt: „Die Nationalmannschaft ist ein funktionierendes System in den letzten zehn Jahren, da sind die Abläufe abgestimmt. Uns selbst trifft es in dem Sinne in unserer Planung für das Länderspiel nicht.“ Es – das ist die Krise. Er sei froh, sagt Bierhoff, dass mit „der Kumpelei“ rund um Fifa, Uefa und DFB nun aufgeräumt werde. Er klingt wie einer der externen Wirtschaftsprüfer der Kanzlei Freshfields, die derzeit die Keller der Zentrale in der Otto-Fleck-Schneise nach immer weiteren Grausamkeiten der Sportkorruption durchflöhen. Professionell und integer, so sieht Bierhoff die DFL-Elf. Die Verbandsmeierei ist ihm immer ein Dorn im Auge geblieben.

Dass die aktuelle DFB-Interimsspitze aus dem Liga-Präsidenten Reinhard Rauball auf der einen Seite und Rainer Koch auf der anderen Seite bei der Suche nach einer tragfähigen Lösung für die Zukunft in zwei Lager gespalten scheint, verleiht dem Krisen-Management eine zusätzliche Brisanz. Rauball (Profis) und Koch (Amateure) stehen schließlich auch als Chiffre für einen Lagerwahlkampf.

Auch deshalb ist Rauball bei aller gründlichen Aufarbeitung der Krise nicht an einer schnelle Lösung gelegen. Sie machte Grindels weg ins Amt quasi frei. Der wünscht sich wie Koch im Gegensatz dazu, dass schnell Nägel mit Köpfen gemacht werden. Die Wahrscheinlichkeit erhöhte sich schließlich signifikant, dass er am Ende als Sieger aus den Diadochenkämpfen hervorginge.

Koch genießt wenige Sympathien an der Ligabasis

Spricht man mit Vertretern aus der Bundesliga, so wird schnell deutlich, dass sich die Liga professionellere Strukturen für ihren Dachverband wünscht. Ein hauptamtlicher Präsident sei ein Anfang. Vor allem aber müsste den machtbewussten Verbandsfürsten schnell Einhalt geboten werden. Vor allem Schatzmeister Reinhard Grindel, derzeit einziger sich offen bekennender Kandidat und bei diversen Krisengipfeln mit am Tisch, wird skeptisch gesehen. Auch Koch genießt wenige Sympathien an der Ligabasis. Dass die Profis allerdings derzeit keinen einzigen Kandidaten wirklich ins Rennen schicken können, sorgt für eine gewisse Unruhe in den Reihen des Ligaverbandes.

In der Liga wenden sie sich derweil mit Grausen ab bei dem Gedanken an einen Präsidenten Grindel. „Das wäre ja fast wie die Rückkehr des Theo Z.“, sagt der Vereinsvertreter eines Spitzenklubs. „Aber wenn es Rauball, wie er sagt, wirklich nicht macht, dann ist Grindel wohl durch. Ich sehe auf unserer Seite derzeit keinen anderen Kandidaten.“


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