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EM-Momente: Der Kühlschrank von Hamburg

Vor der EM 2008 erinnert stern.de in einer Serie an die magischen Momente der EM-Geschichte. Im fünften Teil trifft Deutschland 1988 auf eine legendäre Elf, und ein sporthistorisches Duell sorgt für einen Schock.

Von Nico Stankewitz

Die erste Europameisterschaft im eigenen Land war natürlich ein nationales Ereignis. Berlin war als Spielort politisch bei den Ostblockstaaten nicht durchsetzbar gewesen, also wurden die Spiele fein proportional im Bundesgebiet verteilt. Die deutsche Nationalelf spielte in Düsseldorf, Gelsenkirchen und München, als Gruppensieger trug sie ihr Halbfinale in Hamburg aus, als Finalist wäre man nach München zurückgekehrt. Die Wahl der Spielorte sollte nicht ohne Einfluss auf den Turnierverlauf sein, eine Erfahrung, die Franz Beckenbauer und Jürgen Klinsmann bei den Planungen zur WM 2006 nachhaltig beeinflusste.

Zwischenstation beim Aufbau West

Bei der Weltmeisterschaft in Mexiko hatte Deutschland mit defensivem, zweckorientierten Ergebnisfußball mit der Finalteilnahme das Optimum erreicht, aber nach Mexiko begann ein Umbau, der zwei Jahre später noch nicht abgeschlossen zu sein schien. Wer den Teamchef Beckenbauer in der Zeit um das Turnier erlebte, den beschlich manchmal das Gefühl, die EM sei nur ein Zwischenspiel, häufig war in den öffentlichen Auftritten schon von der "WM in zwei Jahren" oder der überragenden Bedeutung von Weltmeisterschaften die Rede. Beckenbauer hatte nach den atmosphärischen Störungen in Mexiko, die damals verfeindeten Blöcke der Münchner und Kölner aufgelöst, die Stammelf war auffällig gemischt mit Spielern aus neun Vereinen, und der zukünftige "Hauptblock" mit den Italien-Legionären war in der Startformation nur durch Rudi Völler (AS Rom) vertreten. Man spürte, hier wuchs eine Mannschaft, aber die Mischung stimmte noch nicht so richtig - so blieb die EM 88 eine Zwischenstation auf dem Weg nach Italien.

Gute Leistungen in der Vorrunde

Der Start ins Turnier gegen die unangenehmen Italiener verlief holprig. Auch Italien bastelte an einer Mannschaft für das Weltturnier, hatte unter anderem mit Franco Baresi, Giuseppe Bergomi, Paolo Maldini, Roberto Donadoni und dem trefflichen Sturmduo Vialli/Mancini schon eine gute und taktisch disziplinierte Auswahl zusammen. Deutschland quälte sich zu einem glücklichen 1:1 durch einen abgefälschten Brehme-Freistoß. Aber das Heimteam steigerte sich: Die alternden Dänen, gegen die es 1986 noch eine bittere - weil gerechtfertigte - 0:2 Niederlage in der WM-Vorrunde gegeben hatte, wurden verdient mit 2:0 bezwungen (Tore von Klinsmann und Thon), und auch Spanien wurde in einem weiteren guten Spiel mit zwei Völler-Treffern 2:0 besiegt.

Holland mit dem Supertrio

So traf man im Halbfinale auf die Mannschaft aus den Niederlanden, das Team um die drei Superstars Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard, das als beste Mannschaft in der niederländischen Fußball-Geschichte gilt. Vorgezeichnet schien für diesen warmen 21. Juni 1988 damit auch das direkte Duell zweier herausragender Spielern dieses Turniers: des genialen holländischen Mittelstürmers Marco van Basten und des deutschen Vorstoppers Jürgen Kohler, der in der Vorrunde mit der Erbarmungslosigkeit eines Kettenhundes seine Gegenspieler gehetzt und zur Wirkungslosigkeit verurteilt hatte. Die Kulisse war Hamburg, das Volksparkstadion, der Ort, wo (West-)Deutschland 1974 beim WM-Turnier die legendäre 0:1-Schlappe gegen die DDR eingesteckt hatte.

Oranje beherrscht Hamburg

Schon beim Betreten des Stadions fällt die massive und lautstarke Präsenz von Oranje in der Westkurve auf, im Bereich, der sonst die Heimat der HSV-Fans war. Schnell wird klar, dass es heute kein reines Heimspiel geben soll. Jede Aktion ihrer Mannschaft beklatschen und feiern die Fans aus dem Nachbarland frenetisch, das Hamburger Publikum wird immer ruhiger und von den Gästen übertönt. Die Begegnung selbst steht im Zeichen packender Zweikämpfe, und erwartungsgemäß stehen Kohler und van Basten immer wieder im Mittelpunkt. Auf der anderen Seite können sich auch die niederländischen Abwehrspieler über Arbeit nicht beklagen, denn Völler und Klinsmann sind viel in Bewegung. So auch vor dem 1:0, als Klinsmann im Strafraum der Niederländer gefoult wird und Matthäus den fälligen Strafstoß verwandelt.

Kohler vs. van Basten

Aber dann Kohler gegen van Basten: Zunächst in der 74. Minute, als der rumänische Unparteiische eine leichte Berührung Kohlers im Tackling als Foul wertet und auf Elfmeter entscheidet. Ronald Koeman verwandelt sicher gegen Immel. Holland feiert, Totenstille unter den deutschen Anhängern in der Betonschüssel. Dann die 89. Minute: Ein langer Steilpass von Jan Wouters auf van Basten, wie beim Paarlaufen gehen er und sein Schatten Kohler zum Ball, und dieses eine Mal, das einzige Mal in diesen 90 Minuten, ist der Mittelstürmer vom AC Mailand einen Sekundenbruchteil schneller und verwandelt zum 2:1. Das Stadion gleicht einem Tollhaus, Oranje feiert wie nie zuvor, die Schmach von München ist getilgt. Ein bitterer Tag für den jungen Weltklasseverteidiger Kohler, der mit nur einem Fehler das Spiel verliert. Ein bitterer Tag auch für die Fans, denn die mangelnde Unterstützung führt in den folgenden Tagen zu Schlagzeilen wie "Kühlschrank von Hamburg" und zu der Forderung, Deutschlands dürfe nie wieder ein wichtiges Spiel im Volksparkstadion austragen. Holland gewinnt wenige Tage später ausgerechnet in München den Titel, erneut mit einem Traumtor von van Basten. Schon zwei Jahre später revanchiert sich Deutschland, aber diese 89. Minute von Hamburg bleibt ein dunkler Fleck in der deutschen Fußball-Geschichte.

Die Verliererelf des Halbfinales von Hamburg: Eike Immel, Mathias Herget (45. Hans Pflügler), Andreas Brehme, Jürgen Kohler, Uli Borowka, Lothar Matthäus, Olaf Thon, Wolfgang Rolff, Frank Mill (85. Pierre Littbarski), Jürgen Klinsmann, Rudi Völler.

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