Nationalmannschaft Droh-SMS vom deutschen Vollbart


Keiner im Team der Nationalmannschaft kennt den spanischen Fußball besser als Christoph Metzelder. Der Madrider Innenverteidiger weiß um den Respekt der Spanier vor dem deutschen Fußball. Und das könnte in der Tat der Schlüssel zum Erfolg gegen die schier übermächtigen Iberer sein.
Von Klaus Bellstedt, Tenero

"Wir sind in der Lage, am Sonntag Europameister zu werden", Christoph Metzelders Worte zwei Tage vor dem großen Finale von Wien bleiben haften. Der baumlange Innenverteidiger hätte den Satz wahrscheinlich am liebsten draußen in der schwülen Hitze vor dem DFB-Pressezentrum in Tenero in den geschmolzenen Asphalt geritzt, damit ihn auch wirklich jeder lesen kann. Die letzte Etappe der Bergtour 2008 steht noch aus, und es ist kein Zufall, dass der DFB Christoph Metzelder als letzten Aktiven auf die Abschlusspressekonferenz am Lago Maggiore geschickt hat.

SMS-Glückwünsche an Ramos und Casillas

Metzelder kennt den spanischen Fußball wie kein Zweiter im Tross der deutschen Nationalmannschaft. Der Abwehrspieler steht bei den Königlichen von Real Madrid unter Vertrag - dem Vorzeigeclub Spaniens. Mit Sergio Ramos und Real-Urgestein Iker Casillas trifft er im Finale auf gleich zwei befreundete Teamkollegen. Beiden habe er nach Spaniens Sieg gegen Russland und dem damit verbundenen Finaleinzug herzliche Glückwunsch-SMS geschrieben.

Auf die beiden Kumpels von Real muss die elektronische Kurzpost allerdings wie eine Drohung gewirkt haben. Metzelder schmunzelt vielsagend in seinen Angst einflößenden Vollbart und sagt: "Ich weiß, dass die Spanier Respekt vor uns haben. Sie haben hier bei der EM zwar ihr Viertelfinal-Trauma überwinden können, aber vor uns bleibt der Respekt. Der Respekt davor, wie wir unsere Spiele gewinnen." Drei Mal fällt das Wort "Respekt". Nicht etwa, weil Metzelder in seiner Wortwahl beschränkt ist. Der ehemalige Profi von Borussia Dortmund will damit vor allem zum Ausdruck bringen, worin am Sonntag Deutschlands vielleicht einzige Chance liegt.

Die Körpersprache im Kabinengang, die Art und Weise des Mitsingens der Nationalhymne, das gegenseitige Anfeuern und die Kreisbildung vor dem Anpfiff. All das sind Nuancen, aber in einem Finale nach drei ewig langen Turnierwochen sind es exakt diese Dinge, auf die es ankommt. Natürlich kann die deutsche Auswahl, rein spielerisch betrachtet, nicht mit den Spaniern mithalten. "Sie sind das konstanteste Team dieser EM", sagt Metzelder - und sie sind auf fast allen Positionen besser besetzt. Dennoch: Der Teamspirit, dieser unbändige Siegeswille, er könnte schlussendlich doch für die Deutschen ausschlaggebend sein.

Der Geist von Il Giardino"

Selten habe er ein großes Turnier erlebt, das für eine deutsche Mannschaft so konfliktfrei über die Bühne gegangen ist. Teammanager Oliver Bierhoffs lobende Worte über das Innenverhältnis innerhalb der DFB-Auswahl, in der Metzelder als einer der Häuptlinge gilt, liefern einen weiteren Aspekt, an den es sich vor dem Match gegen die Spanier wie an einen Strohhalm zu klammern gilt.

Bierhoff geht sogar so weit, dass er vom "Geist vom Il Giardino", dem Mannschaftsquartier der Deutschen in Ascona, spricht. "Die Entschlossenheit ist zu spüren. Wir haben hier immer wieder über das Ziel dieser Bergtour gesprochen. Und irgendwann setzt es sich auch in den Köpfen fest. Insofern ist hier schon eine Art geistiger Zusammenschluss entstanden."

Die Zeit am Lago Maggiore, sie läuft ab. Sonnabend früh wird die deutsche Nationalmannschaft das Flugzeug Richtung Wien besteigen. Interviews gibt es keine mehr, das letzte Training auf Schweizer Boden findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Es knistert rund um das Team

Es knistert rund um das Team. Christoph Metzelder, neben Ballack und Frings Wortführer im sensiblen Gebilde der Deutschen, hat die Marschroute ausgegeben. Selbstbewusst und voller Tatendrang spricht er zum Ende seines Auftritts fast schon mit Tunnelblick einen letzten Satz ins Mikrofon: Das Ziel ist es, am Sonntag die 90 Minuten so anzugehen, dass wir am Ende die Sieger sind."

Die Glückwunsch-SMS müssten dann allerdings von Ramos und Casillas kommen.


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