VG-Wort Pixel

15 Jahre "Sommermärchen" 2006 war Deutschland ganz anders

An vielen Orten verwandelte sich Deutschland in diesem Sommer in ein schwarz-tot-goldenes Fahnenmeer 
An vielen Orten verwandelte sich Deutschland in diesem Sommer in ein schwarz-tot-goldenes Fahnenmeer 
© Ben Kriemann / Picture Alliance
Vor 15 Jahren fand die Fußball-WM in Deutschland statt. Weite Teile der Republik glaubten sich auf Wolke sieben. Doch vieles von damals erscheint heute in anderem Licht.

Instagram existierte noch nicht, der Papst war ein Deutscher, im Kanzleramt saß erst seit neuestem eine Frau und in den Fernzügen der Bahn gab es noch Raucherwagen – so war das Jahr 2006, als in Deutschland die Fußball-WM stattfand (9. Juni bis 9. Juli). Wegen warmen Wetters und guter Stimmung wurde sie zum "Sommermärchen" stilisiert, etwa in der Doku von Sönke Wortmann. Der Bierverbrauch pro Kopf lag bei 116 Litern im Jahr, heute liegt er unter 100.

"Die Welt zu Gast bei Freunden" lautete das offizielle WM-Motto, Regierung und Industrie vermarkteten Deutschland als "Land der Ideen". Etwa 6,8 Millionen Menschen waren damals im AZR registriert, dem vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geführten Ausländerzentralregister, heute sind es 11,5 Millionen.

Xavier Naidoo war ein umschwärmter Popstar

Designer Hedi Slimane entwarf damals bei Dior sehr schmale Männermode – Karl Lagerfeld hatte dafür extra 40 Kilogramm abgenommen.

Xavier Naidoo war ein vielgehörter Künstler. Die Nationalmannschaft hörte zur Erbauung vor jedem Spiel sein Lied "Dieser Weg". Zum Kader gehörten unter anderem Jens Lehmann und Christoph Metzelder.

Und nicht nur in der Kabine geht es heute anders zu: Die schwarz-rot-goldenen Fahnen, die das Straßenbild 2006 prägten, dürfte auch in diesem Jahr eher weniger präsent sein. Hawaiiketten, Fahnen oder Schminkstifte in deutscher Tricolore würden die allermeisten Deutschen nicht mehr kaufen, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Yougov ergab. Befragt wurden rund 5800 Personen ab 18 Jahren. Etwa 73 Prozent gaben ein klares Nein, weitere zwölf Prozent sagten "eher nein". Zu einem klaren Ja ließen sich nur drei Prozent der Befragten hinreißen.

Podolski war sauer auf Böhmermann

Abseits des Fußballgeschehens war damals Stürmer Lukas Podolski sauer auf die ARD, weil ein gewisser Jan Böhmermann – damals 25 Jahre alt – im WDR-Sender 1Live "Lukas' Tagebuch" produzierte, eine Radioparodie auf den Kölner Fußball-Star.

Bei der Krimireihe "Tatort" ermittelten 2006 noch vorwiegend alte Herren: in Stuttgart etwa Bienzle (Dietz-Werner Steck) und in Leipzig Hauptkommissar Ehrlicher (Peter Sodann), beim "Traumschiff" spielte Siegfried Rauch den Kapitän, Ulrich Wickert moderierte zum letzten Mal die "Tagesthemen" und bei "Um Himmels Willen" lief die letzte Folge mit Jutta Speidel als Hauptfigur Schwester Lotte. In diesem Jahr endet die Nonnenserie der ARD nun endgültig.

Vor 15 Jahren gab es noch nicht die "heute-Show", dafür waren Harald Schmidt und Stefan Raab mit Late-Night-Shows im Humor tonangebend.

Es gab den ersten Integrationsgipfel

Zum Offiziellen Sommerhit 2006 kürten die Experten von GfK Entertainment den Ohrwurm "Crazy" von Gnarls Barkley. Beim Eurovision Song Contest gewann Finnland überraschend mit der Monster-Metal-Band Lordi ("Hard Rock Hallelujah"). Auch 2021 siegte nun wieder Rock beim Musik-Grand-Prix, diesmal jedoch aus Italien.

Für die WM hatte der Fußballverband Fifa den Klassik-Popsong "The Time of Our Lives" des Quartetts Il Divo ausgesucht. Kaum jemand erinnert sich heute noch daran. Viele haben eher die WM-Hymne "Zeit, dass sich was dreht" von Herbert Grönemeyer im Ohr oder aber den Pfeif-Hit "Love Generation" von Bob Sinclar. Mitgröl-Renner war "'54, '74, '90, 2006" von der Indie-Band Sportfreunde Stiller.

Gesellschaftlich wähnte sich Deutschland aufgeklärt und offen. Erstmals gab es im Juli 2006 einen Integrationsgipfel – eine Konferenz von Vertretern aus Politik, Migrantenverbänden, Wirtschaft et cetera. Auslöser waren ernüchternde Ergebnisse der Pisa-Studien, die deutlich machten, wie sehr Erfolg im deutschen Bildungssystem mit der Herkunft und dem Bildungsstand der Familie zusammenhängt.

SPD und CDU fast gleich erfolgreich

Im Vorabendprogramm startete derweil die Comedy-Serie "Türkisch für Anfänger", in der Elyas M'Barek einen "Machotürken" mimte, wie seine Rolle damals gern beschrieben wurde. In den Feuilletons herrschte ungewöhnliche Einigkeit, wie witzig, geistreich und politisch unkorrekt hier die multikulturelle Gesellschaft gezeigt werde. Wissenschaftler sahen aber auch eine Fülle von Stereotypen.

Senta Berger schrieb 2006 in ihrer Autobiografie ("Ich hab ja gewusst, dass ich fliegen kann"), dass sie sich im Laufe ihrer Karriere vieler ungewollter Avancen von Männern erwehren musste, bis hin zu handfesten sexuellen Übergriffen. Kürzlich sagte sie der "Süddeutschen Zeitung" dazu: "Damals, als das Buch herauskam, hat das keinen groß interessiert." Das sei natürlich ein gutes Zeichen, dass sich da in den letzten 15 Jahren etwas geändert habe für die Position von Frauen. "Wobei da jetzt natürlich schon auch ein Voyeurismus dabei war, der mich ärgert. Ach, die Frau Berger auch #MeToo?"

15 Jahre scheinen wenig, doch manchmal auch wie eine Ewigkeit. Im Bundestag waren die Fraktionen von Union und SPD fast gleichstark und der Name "große Koalition" ergab noch Sinn. Von der AfD fehlte jede Spur. Gegen eine Partei dieser Art hielten viele Bundesbürger die Republik für immun; beim Blick nach Österreich, Frankreich oder Italien wunderte man sich noch, wer dort politische Erfolge feierte.

2021 blicken Deutscher positiv in die Zukunft

Schon 2006 sah der Trendforscher Horst Opaschowski Werte wie Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft im Kommen. Auf der Basis von 2000 Interviews wagte er die These, die Deutschen seien auf dem Weg von der Ellenbogengesellschaft in die Verantwortungsgesellschaft. Die damalige Familienministerin (und heutige EU-Kommissionspräsidentin) Ursula von der Leyen nannte sein Buch "spannend und lesenswert".

Auch 2021 sieht das Opaschowski Institut für Zukunftsfragen die Deutschen trotz mehr als einem Jahr Corona-Pandemie positiv in die Zukunft blicken. Männer sind demnach ein bisschen besser drauf als Frauen, Ostdeutsche besser als Westdeutsche. Junge Leute zwischen 14 und 24 Jahren seien übrigens - zum Glück - besonders zukunftsfreudig.

tis / Gregor Tholl DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker