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Österreich: Schnarchnasen im Burgenland

Bei den Österreichern herrscht das blanke Chaos: Spieler schlafen ein, träumen und verpassen die Mannschaftsbesprechung. Mittendrin: Trainer Josef Hickersberger, der öffentlich über sein Team herzieht.

Von Frank Hellmann, Stegersbach

Es hat schon einen guten Grund, dass die österreichische Nationalmannschaft seit geraumer Zeit einen Psychologen im Mannschaftskreis aufgenommen hat. Dr. Günter Amesberger heißt der Mann, der gewöhnlich an der Universität in Salzburg lehrt, derzeit aber mit dem erlesenen Tross im feudalen "Balance" in Stegersbach, tief im idyllischen Burgenland logiert.

Amesberger, 59 Jahre, gilt als enger Vertrauter von Teamchef Josef Hickersberger - und bei heiklen Fragen debattieren beide gerne miteinander. "Der Österreicher schwankt ja zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt", weiß Amesberger, "und das gilt es immer zu berücksichtigen."

Die Ösis machen sich selbst zum Deppen

Doch darf man mildernde Umstände beim Hang zu Hohn und Spott gelten lassen, wenn sich die "Ösis" selbst mal wieder zu Deppen machen? Denn vordergründig ist am Mittwoch zur Mittagsstunde im umfunktionierten Thermenpool des Hotels "Larimar", dem Ort der täglich live im ORF übertragenen Pressekonferenz, ein nettes Eigentor produziert worden.

Hickersberger hat nämlich von sich aus einige hanebüchene Disziplinlosigkeiten der Seinen öffentlich gemacht. "Wir haben viele Termine, da kann es schon einmal sein, dass der eine oder andere von einem Spieler vergessen wird, oder dass der Spieler einschläft und nicht rechtzeitig wieder munter wird", platzte der Teamchef mit der Tür ins Haus. Und vernehmbar verärgert lästerte der 60-Jährige darüber, dass einige Spieler beim Training "nicht mehr so bei der Sache" gewesen seien wie in den Tagen zuvor, dazu "ist ein Feldspieler zu spät zu einer Besprechung gekommen." Wenn das noch einmal geschehe, werde der Betroffene beim Turnier nicht mehr eingesetzt. Oder ganz nach Hause geschickt. Zudem muss der betroffene Spieler eine Summe in nicht genannter Höhe in die Mannschaftskasse bezahlen.

Aufregung im Pressezentrum

Man kann erahnen, welche Aufregung plötzlich im Pressezentrum der Österreicher herrschte. Flugs wurden Kommentare geschrieben, Deutungen angestellt. Ob das Auswirkungen für das Auftaktspiel am Sonntag im Ernst-Happel-Stadion zu Wien gegen Kroatien (18 Uhr) hat, ist noch ungewiss. Fakt ist, dass Hickersberger selbst das Credo verletzt hat, Interna aus dem Innenleben einer Mannschaft auszuplaudern, die sich gerade auf ein "Jahrhundert-Ereignis" (Bundeskanzler Alfred Gusenbauer) vorbereitet.

Wie kann das sein? Der tierische Zoff am Mittwoch steht im Gegensatz zur totalen Harmonie am Montag, als die Auserwählten in rot-weiß-rot schiedlich-friedlich ins Quartier einzogen, vor den Augen der Öffentlichkeit engagiert trainierten und schlussendlich bei einem launigen Empfang mit Medien und Sponsoren zusammen zu Abend aßen.

"Es war an der Zeit, die Mannschaft wachzurütteln"

"Hicke", unlängst vom Ö3 wegen einer erfolgreichen Comedy und einer 35.000-mal verkauften CD ("Hey, Hey Hicke") mit Platin prämiert worden, sah offenbar keine andere Möglichkeit, um Versäumnisse anzuprangern. "Es war für mich an der Zeit, die Mannschaft wachzurütteln. ‚Wehret den Anfängen', heißt es im Sprichwort." Deutlicher kann die Distanz nicht sein, die ein Teamchef zu seinen auserwählten Kaderkräften aufbaut. Einerseits. Andererseits ist genau Hickersberger auch ein geübter Tarner und Täuscher, so dass die überraschende Verbalattacke auf die von ihm gelobte Einstellung auch als durchdachtes Ablenkungsmanöver gelten darf.

Von seiner Torwartentscheidung vielleicht, die eigentlich angekündigt war, nun aber kurzerhand - unter eben diesem Deckmantel der Disziplinlosigkeit - verschoben wurde? Fakt ist: Jürgen Macho und Alexander Manniger müssen sich wie die ganze Nation weiter gedulden. "Ich habe die Entscheidung vertagt, weil die Torhüter unser geringstes Problem sind", erklärte Hickersberger und fügte den feinen Nachsatz an: "Ich bin nicht der Sklave meiner Fristen."

Image des Zögeres und Zauderers

Der Amstettener weiß aber auch, dass ihm nun der Vorwurf des Zögerers und Zauderers angeheftet wird - ein Makel, den der 1990 in seiner ersten Amtszeit über die Färoer Inseln gestolperte Teamchef nicht los wird. Weite Teile reagieren mit Unverständnis über die Keeper-Causa, die eigentlich nie die Brisanz hatte wie einst das Duell der Egomanen Oliver Kahn und Jens Lehmann. "Lehmann und Kahn sind eine ganze andere Generation. Ich spiele mit Jürgen seit der Jugend zusammen, wir sind derselbe Jahrgang", sagt Manninger, "es gibt keine Probleme zwischen uns, und das wird auch so bleiben."

Doch rätselhaft bleibt nunmehr, warum Hickersberger solch ein Problem mit dem Einser-Entschluss hat. Die Torhüter seien mental stark genug dafür, argumentiert er. "Sie waren von den Disziplinlosigkeiten nicht betroffen. Beide sind konzentriert, beide haben mein Vertrauen", sagte er. Manninger und Macho sollen am Samstagabend informiert werden - was sie in Wahrheit darüber denken, verraten beide nicht. Beim Training auf dem putzigen Sportplatz in Stegersbach bewegten sich beide so, als sei nichts geschehen.

Das Duell der Torleute

Fakt ist, dass Wohl und Wehe des 101. der Fifa-Weltrangliste kaum an den Torleuten hängt. Macho, 30, bei AEK Athen nicht unumstritten, und Manninger, am Mittwoch 31 geworden, bei AC Siena die Nummer eins, gelten zumindest in der Nationalelf als gleich gut. Oder gleich schlecht. Beide erreichen schließlich nicht die Aura eines Friedl Koncilia, Franz Wohlfahrt oder Michael Konsel, um die Torhütertradition der Alpenrepublik fortzuschreiben.

Torwart-Idol Koncilia vergleicht beide miteinander: "Manninger bringt in der italienischen Serie A konstant gute Leistungen. Zu seinen tollen Reaktionen kommt mittlerweile auch die Erfahrung. Das Einzige, was ihm manchmal fehlt, ist die Brutalität, dieses Duell Mann gegen Mann ohne Rücksicht auf Verluste."

Überdies hat der eitle Blondschopf bei seinen 27 Länderspielen schon mehrfach gepatzt - deshalb plädiert auch Klaus Lindenberger, der aktuelle Torwarttrainer, eher für Macho, 14 Länderspiele, den Koncilia so einschätzt: "Er ist ein Tormann ohne Schwächen. Körperlich sehr präsent aufgrund seiner Größe und Athletik, sehr stark auf der Linie. Und jetzt hat er wieder Matchpraxis."

Manninger ein Unsicherheitsfaktor?

Der ehemalige Schlussmann des 1. FC Kaiserslautern erlitt nämlich im November vergangenen Jahres eine Gehirnerschütterung, nach einem Zusammenprall mit Englands Sturmriesen Peter Crouch war Macho für mehrere Minuten bewusstlos. Für den nervenstärkeren, aber weniger impulsiveren Macho setzen sich auch die meisten Experten ein - Toni Polster hält Manniger schlicht für "einen Unsicherheitsfaktor". Doch selbst Lindenberger gesteht: "Wir haben keine unumstrittenen Torleute mehr." Er soll sich übrigens vehement dafür ausgesprochen haben, die T-Frage früher zu lösen. Nun darf weiter debattiert werden, denn Hickersberger hat jetzt ja unmissverständlich erläutert: "Wir sind der krasseste Außenseiter. Wir geben die Aufstellung vorab nicht bekannt, jetzt geben wir nicht einmal den Torhüter bekannt." Dafür erzählen wir lieber von den Schnarchnasen.

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