Österreich - Kroatien Der Sturmlauf kam zu spät


Auch der zweite EM-Gastgeber erlebt einen klassischen Fehlstart: Ein überflüssiger Elfmeter bringt Österreich beim 0:1 gegen Kroatien auf die Verliererstraße. Am Ende bleibt die couragierte Leistung ohne Lohn. Die Kardinalfrage: Hat Teamchef Josef Hickersberger zu abwartend aufgestellt?
Von Frank Hellmann, Wien

Josef Hickersberger wirkte nach der Niederlage gefasst. Kaum eine spürbare Emotion, erst recht kein messbare Erregung. Der 60-Jährige wusste auf der Pressekonferenz nach dem ernüchternden 0:1 (0:1) gegen Kroatien vortrefflich, seine wahren Gefühle zu verbergen. "Wir waren gut auf diesen Gegner eingestellt", referierte der Teamchef der österreichischen Nationalmannschaft im Stile eines gelangweilten Sachverwalters, "doch leider sind Wille und Leidenschaft nicht belohnt worden." Dann senkte der ehemalige Bundesligaprofi sein Haupt - so als wollte "Hicke" sagen: Wir haben alles versucht, aber es hat nicht gereicht - und ich kann daran auch nichts machen.

Österreich versöhnt sich mit seiner Mannschaft

Und ihm dürften dabei gleich die Bilder durch den Kopf gegangen sein, wie sich am Sonntagabend um kurz vor 20 Uhr das österreichische Publikum mit Ovationen von seiner Mannschaft verabschiedet hatte - der Anhang klatschte so ausdauernd Applaus, dass einige Protagonisten gar ihre Trikots in die Menge warfen.

"Deshalb ist die Mannschaft so niedergeschlagen", erklärte Hickersberger hernach, "sie hatte das Gefühl bekommen, dass die Kroaten zu packen sind." "Es ärgert mich ungemein, dass wir die Kroaten nicht für ihre überheblichen Sprüche bestraft haben", sagte Martin Harnik, der in Hamburg geborene Österreicher, "mich würde sehr interessieren, wie sie nun erklären, dass wir so gut mitgehalten haben."

Der 20-jährige war arg ungehalten über den Ausgang des Matches. Schweißtropfen standen noch eine Dreiviertelstunde nach Spielschluss auf seiner Stirn - immer wieder schüttelte der dunkelhaarige Youngster entgeistert den Kopf. "Das darf nicht sein: Das war doch der Beweis, dass wir international mithalten können."

Sein Team im Allgemeinen, Harnik im Besonderen. Der bei Werder Bremen zuletzt nur als fünfter Stürmer tätige Wirbelwind bot auf der rechten Außenbahn eine couragierte Leistung und war an mehreren torgefährlichen Situation beteiligt. "Ich gebe hier in erster Linie eine Visitenkarte für meinen Klub ab, aber wenn sich an meiner Situation nichts ändert, muss ich mich umschauen." Sprach's und ging sichtlich geknickt zum Bus.

Anfangs lief nicht viel zusammen

Allerdings sollte der bediente Verlierer auch ehrlich zugeben, dass anfangs wenig bis gar nichts wirklich EM-reif wirkte. In der völlig verkorksten ersten halben Stunde demonstrierte die rot-weiß-rote Auswahl in ernüchternder Art und Weise, warum der Gastgeber im Fifa-Ranking lediglich auf Platz 92 steht. Ängstlich, fahrig, nervös und überfordert wirkten Ivanschitz und Kollegen - und bereits nach drei Minuten geschah Verhängnisvolles. Der filigrane Luka Modric legte Ivica Olic den Ball in den Lauf, und ehe der Hamburger Angreifer zum Flankenversuch ansetzte, rammte ihn Rene Aufhauser um. Ein törichtes wie überflüssiges Foul - den fälligen Elfmeter schoss Modric selbst dreist in die Mitte. 0:1 (4.) - ein Stimmungstöter für eine Nation, die doch an diesem Sonntag kollektiv "narrisch" werden wollte.

"Wir haben den schlechtesten Start gehabt, den man sich denken kann", konstatierte Teamchef Josef Hickersberger, "erst in der zweiten Halbzeit haben wir bewiesen, dass der österreichische Fußball wieder besser wird."

Fakt ist, dass die Seinen mit fortschreitender Spieldauer und vor allem mit Einwechslung des ballsicheren Ivica Vastic (61.), des trickreichen Ümit Korkmaz (68.) und des wuchtigen Roman Kienast (73.) ihre beste Phase besaßen. Und eben Vastic (71.) und Korkmaz (86.) brachten den kroatischen Keeper Stipe Pletikosa mächtig in Bedrängnis, Kienast köpfte knapp vorbei (90. + 1) - damit war der Traum vom Punktgewinn geplatzt.

"Die Mannschaft hätte mehr verdient gehabt"

"Für Leidenschaft und Einsatz hätte die Mannschaft mehr verdient gehabt", sagte Hickersberger, der sich hinterher wortreich für seine anfangs arg defensive Aufstellung und die abwartende Aufstellung rechtfertigte. "Kroatien hat England in der Qualifikation eliminiert. Wir sind bewusst erst die letzte halbe Stunde totales Risiko gegangen. Man spielt nur so offensiv, wie der Gegner es zulässt, und nicht so, wie man es wünscht."

Das waren fast philosophische Züge des Taktikers, dem jedoch in der Stunde der überflüssigen Niederlage dämmerte, warum das Viertelfinale für die Seinen voraussichtlich ein Wunschtraum bleibt: "Ich wusste schon bei der WM 1990, was uns fehlt: So ein Mangel an Erfahrung ist in einem Turnier schwer wettzumachen."

Ermattete Kroaten

Bezeichnend war, dass es auf der Gegenseite Slaven Bilic einige Mühe kostete, die erschöpften wie ermatteten Helden der kroatischen Nation nach dem vollbrachten Prestigesieg in Stimmung zu bringen. "Als ich in die Kabine kam", berichtete der Trainer, "dachte ich, wir hätten dieses Spiel verloren." Und frank und frei erzählte der 39-Jährige, was er denn gegen die kollektive Tatenlosigkeit getan habe. "Ich habe unsere CD eingelegt."

Thompson heißt der populäre kroatische Sänger, "Lijepa Li Si" das Lied, was übersetzt so viel bedeutet wie "Du bist wunderbar." Danach soll - laut Bilic - tatsächlich getanzt, gesungen und gefeiert worden sein, was 20.000 Landsleute im Ernst-Happel-Stadion und schätzungsweise drei- bis viermal so viele in der Wiener Innenstadt längst taten. Ohne den musikalischen Anstoß des Hardrock-Liebhabers Bilic hätte sich die favorisierten Fußballer kaum über das Resultat gefreut.

Der kroatische Trainer tat das. Denn: "Das gibt uns viel Selbstvertrauen für die weiteren Spiele. Das erste Match ist immer sehr schwer. Wir werden jetzt für Deutschland bereit und ein gefährlicher Gegner sein."


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