VG-Wort Pixel

DFB-Sieg gegen Portugal Der Spätvollendete: Wie Robin Gosens vom Dorfkicker zum EM-Star wurde

Robin Gosens jubelt nach seinem Tor gegen Portugal
Robin Gosens bejubelt sein Tor zum 4:1 gegen Portugal, wahrscheinlich der bisher wichtigste Treffer seiner Karriere
© Christof Stache / AFP
Robin Gosens erfrischt die Nationalelf mit seinen Sturmläufen und seinen Sprüchen. Hinter ihm liegen viele Jahre in den Niederungen des Profifußballs. Erst jetzt, mit 26 Jahren, wird sein außergewöhnliches Talent entdeckt.
Am Ende des Abends war Robin Gosens nur noch im Superlativ unterwegs. Als er nach der Partie Deutschland gegen Portugal als "Man of the Match" ausgezeichnet wurde, eine Marketingidee einer niederländischen Brauerei, sagte Gosens: "Ich werde mich mein ganzes Leben daran erinnern. Dieser Preis ist einfach gigantisch."
Es kann schon mal passieren, dass einem die Maßstäbe etwas verrutschen, wenn man solch ein Jahr wie Robin Gosens hinter sich hat. Im August 2020 wurde er erstmals für die deutsche Nationalmannschaft berufen; er war da schon 25 Jahre alt. Das ist ein mittleres Fußballer-Alter; in der Regel hat die Branche schon ihr Urteil über einen Spieler gefällt: Ob es für eine große Karriere reicht, oder ob er verschwinden wird in den Niederungen dieses Sports, fernab der öffentlichen Wahrnehmung.

Robin Gosens: Lange vom Spitzenfußball übersehen

Die Geschichte des Robin Everardus Gosens, geboren 1994 in Emmerich am Rhein, Sohn eines Niederländers und einer Deutschen, ist auch deshalb eine äußerst ungewöhnliche. Nach dem Selbstverständnis des deutschen Fußballs zählt nämlich das hiesige Nachwuchsförderungssystem zu den besten weltweit. Wer kicken kann, der wird entdeckt und gefördert. Kein Talent rutscht durchs Raster.
Robin Gosens liefert in diesen Wochen den Gegenbeweis. Und was für einen: Schon im letzten Testspiel vor der EM gegen Lettland (7:1) wirbelte Gosens auf der linken Seite, er war mehr Stürmer als Verteidiger, so wie es seine Rollenbeschreibung eigentlich vorsieht. Aber nach diesem Spiel war sich die Fachwelt einig: War nur Lettland, die Nummer 136 der Welt, kein Gegner, um das wahre Leistungsvermögen eines Spielers beurteilen zu können.
DFB-Sieg gegen Portugal: Der Spätvollendete: Wie Robin Gosens vom Dorfkicker zum EM-Star wurde

Zwei Vorlagen, ein Tor – das Meisterstück gegen Portugal

Am Samstagabend dann, in der Partie gegen den amtierenden Europameister Portugal, lieferte Gosens sein Meisterstück ab: Seine Sturmläufe über den linken Flügel waren entscheidend für den 4:2-Sieg der DFB-Elf. Gosens schoss ein Tor und steuerte zwei Assists bei; mit seinem ungestümen Spiel riss er die gesamte Mannschaft mit. Diese begeisternde Partie könnte der Urknall für das deutsche Team gewesen sein, das mit einer 0:1-Niederlage gegen Weltmeister Frankreich in die Europameisterschaft gestartet war.
Als Gosens gefragt wurde, was er nach seinem ersten Länderspieltor empfunden habe, sagte er: "Da ist mir richtig einer abgegangen. Ich bin ultrahappy." Wenn man Gosens so reden hört, fühlt man sich an den Sound der Kreisliga A in Westfalen erinnert. So wird auf Amateursportplätzen gejubelt; da werden Gefühle laut und direkt rausgerufen – da ist nichts Poliertes, einfach raus damit.

Robin Gosens wurde eher zufällig entdeckt

In der Nationalmannschaft hingegen wird eine eher gedämpfte Tonlage bevorzugt. Nach großen Siegen bloß nicht sich selbst loben, sondern immer die komplette Mannschaft. Das ist sicherer und gibt später kein böses Blut. Robin Gosens aber hat sich seinen Zungenschlag bewahrt. Das mag auch daran liegen, dass er viele Jahre auf den Nebenbühnen des Fußballs gespielt hat. Eher zufällig wurde er 2012 in der A-Jugend des VfL Rhede von einem Scout des niederländischen Erstligisten Vitesse Arnheim entdeckt. Der Scout wollte eigentlich einen anderen Spieler beobachten, lud Gosens dann aber spontan zu einem Probetraining ein. Und dann begann eine lange Reise: In den Niederlanden wechselte Gosens von einem Klub zum nächsten, und erst 2017 gelang ihm der Schritt zu einem namhaften Klub, zu Atalanta Bergamo in die Serie A.
Und noch später wurde der DFB auf ihn aufmerksam. "Wir haben Robin seit etwa zwei Jahren auf dem Zettel", sagte Bundestrainer Joachim Löw am Samstagabend. "Wir wissen um seine Qualitäten."

Jetzt wird Gosens zum Kandidaten für Europas Top-Klubs

Aber wusste Löw tatsächlich, das dieser Gosens wirklich so stark ist? Wohl kaum. Eigentlich war Gosens als Ersatzmann für Marcel Halstenberg (RB Leipzig) eingeplant. Diesen hat er in Windeseile verdrängt, und nun stellt sich die Frage, ob Atalanta Bergamo nicht bloß eine weitere Zwischenstation für Gosens sein wird. In der Bundesliga sollen Dortmund und Hertha BSC Berlin an ihm interessiert sein. Der FC Schalke 04 stand mal kurz vor einer Verpflichtung, nahm aber dann Abstand, was viel über Schalke aussagt. "Die Bundesliga ist mein Kindheitstraum, und irgendwann möchte ich mir diesen Traum erfüllen", hatte der Schalke-Fan im April im stern-Interview gesagt. "Wann das sein wird, weiß ich nicht. Aber es steht auf jeden Fall ganz oben auf meiner Bucket List."
Dass nach der EM große europäische Klubs bei Gosens' Vater anklopfen werden, der ihn managt, darf schon jetzt als sicher gelten. Robin Gosens selbst beschäftigt das derzeit nicht. Er denke nur an die EM, sagte er: "Ich will hier abliefern – und dann schauen wir mal."
Gosens weiß: Er muss zum ersten Mal in seiner Karriere nicht mehr um Aufmerksamkeit kämpfen. Spätestens seit Samstagabend ist er einer der begehrtesten Linksverteidiger des Kontinents – und nicht mehr der unterschätzte Junge aus Emmerich.
Lesen Sie auch:
Robin Gosens im stern-Interview über seine Karriere und Corona in Bergamo: "Unser Spiel war das Todesurteil für viele Menschen"
epp

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker