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Nationalmannschaft Thilo Kehrer: Ungeliebte Position und viele Fragen nach Lionel Messi

Rückt durch die Verletzung von Robin Gosens wieder in den Fokus der Nationalelf: Thilo Kehrer von Paris Saint-Germain
Rückt durch die Verletzung von Robin Gosens wieder in den Fokus der Nationalelf: Thilo Kehrer von Paris Saint-Germain
© Alexander Hassenstein / Getty Images
Thilo Kehrer hat in der Nationalmannschaft aktuell zwei neue Jobs: Er muss auf der linken Abwehrseite aushelfen und Fragen nach Lionel Messi beantworten, seinem neuen Mitspieler bei Paris Saint-Germain.
Es gibt ein Puzzle beim Deutschen Fußball-Bund, das spielen sie schon seit sieben Jahren. Nicht etwa, weil es den Beteiligten soviel Spaß machen würde, sondern weil keines der zur Auswahl stehenden Teile so richtig passt in die Lücken.
Seit der gewonnenen Weltmeisterschaft 2014 gibt es auf den Außenverteidigerpositionen eine Vakanz im DFB-Team. Schon beim WM-Titelgewinn musste der damalige Bundestrainer Löw improvisieren: Er schickte eine sogenannte Ochsenabwehr in Brasilien auf den Rasen. Einer der Ochsen war der gelernte, hoch aufgeschossene Schalker Innenverteidiger Benedikt Höwedes, der auf dem linken Flügel spielen musste. Nur rechts gab es mit dem kleinen, wendigen und spielstarken Philipp Lahm einen Mann, der auf das eigentliche Anforderungsprofil perfekt passte.

Nationalmannschaft: Abwehr-Puzzle weiter ungelöst

Löws Nachfolger Hansi Flick steht heute, mehr als eine halbe Dekade später, noch immer vor den Puzzelteilen, die ihm der DFB aufs Taktikbrett geschüttet hat. Vor dem WM-Qualifikationsspielen gegen Rumänien am Freitag (20:45 Uhr, live auf RTL, TVNOW und im stern-Ticker)  muss Flick gleich auf beiden Flügeln improvisieren und Spieler ins System pressen, die sich dort eigentlich nicht wohl fühlen.
Auf der rechten Seite wird wahrscheinlich der Gladbacher Jonas Hoffmann spielen, der bei seinem Verein im offensiven Mittelfeld eingesetzt wird. Links fehlt Flick ebenfalls ein passendes Puzzlestück, denn Robin Gosens (Atalanta Bergamo), der etatmäßige Linksverteidiger, ist am rechten Oberschenkel verletzt. Er fällt sowohl gegen Rumänien als auch gegen Nordmazedonien am Montag aus.
Gosens ragte bei der missratenen EM 2020 positiv aus dem DFB-Team heraus; er war die Entdeckung des Turniers aus deutscher Sicht. Gosens verteidigte nicht nur zuverlässig, sondern trieb mit seinen Sprints an der Außenlinie immer wieder das Angriffsspiel an. Beim 4:2 im Vorrundenspiel gegen Portugal erzielte er ein Tor und wurde später als "Star oft the Match" ausgezeichnet.

Thilo Kehrer: Wieder ein "Ochse" für die linke Seite

Wie einst Joachim Löw sieht sich Flick nun gezwungen, einen "Ochsen" auf die linke Seite zu stellen. Es ist Thilo Kehrer, 25 Jahre, 1,86 Meter groß, der nach eigener Aussage am liebsten im Abwehrzentrum steht, "weil ich dort der beste Spieler bin, der ich sein kann."
Kehrer, fußballerisch sozialisiert beim VfB Stuttgart und bei Schalke 04, muss jetzt umlernen. Flick traut ihm das zu – und sogar noch mehr, wie er am Donnerstag sagte: "Thilo kann auf allen Positionen in der Abwehr spielen und auch davor, auf der Position sechs. Er ist in sehr guter körperlicher Verfassung und war im Training sehr konzentriert."   
Tatsächlich hat Kehrer eine erstaunliche Entwicklung genommen. Als er von Schalke für 37 Millionen Euro zu Paris Saint-Germain im Sommer 2018 wechselte, tat er sich anfangs schwer beim französischen Hauptstadtklub. Oft wirkte er nervös, ihm unterliefen fatale Flüchtigkeitsfehler – er war nicht der ruhende Pol in der Abwehr, den sich der damalige Trainer Thomas Tuchel erhofft hatte.
Doch Kehrer, von Teilen der französischen Presse schon als Fehleinkauf abgestempelt, kämpfte sich zurück. Unterließ die riskanten Ausflüge ins offensive Mittelfeld und beschränkte sich auf solide Abwehrarbeit.

Für die EM nicht berufen

Seine Leistungssteigerung in Paris fiel Joachim Löw zwar auf, er nominierte Kehrer aber nicht für die EM in diesem Sommer. An Robin Gosens, der die italienische Liga aufgewirbelt hatte, kam Kehrer einfach nicht vorbei.
In Paris erfährt er nun mehr Wertschätzung als in der vergangenen Saison. Zwei Spiele verpasste er zuletzt wegen einer Erkältung, doch Trainer Mauricio Pochettino baut auf ihn. Der interne Druck bei PSG ist allerdings gewaltig, wie Kehrer am Donnerstag berichtete: "Es herrscht große Konkurrenz. Ich lerne jeden Tag etwas dazu."
Das liegt vor allem daran, dass Kehrer im Training von den wohl besten Angreifern der Welt herausgefordert wird: Messi, Neymar und Mbappé stürmen für Paris, das von der Investorengruppe Qatar Sports Investments (QSI) üppig unterstützt wird. Allein für die Verpflichtung des Brasilianers Neymar vom FC Barcelona gab man 2017 etwa 220 Millionen Euro aus.

Wie ist denn Messi so?

Kehrers prominente Mitspieler in Paris sind ein großes Thema, auch im Kreis der deutschen Nationalmannschaft. Wie Messi denn so sei, werde er immer wieder gefragt, berichtet Kehrer und hat eine äußerst unspektakuläre Antwort parat: "Ganz normal. Er ist ein einfacher Typ und sehr bodenständig."
Ende nächster Woche wird Kehrer wieder in Paris versuchen, Messi den Ball abzujagen im Training. Dagegen dürften seine Jobs gegen Rumänien und Nordmazedonien ein Kinderspiel sein – selbst auf der ungeliebten Position hinten links.
dho

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