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Bundestrainer Hansi, der Baumeister: Nun wird klar, was Flick anders macht als Löw

Bundestrainer Hansi Flick
Bundestrainer Hansi Flick
© Christian Charisius/ / Picture Alliance
Am Freitag bestreitet Hans-Dieter Flick gegen Rumänien sein erst viertes Spiel als Chefcoach der deutschen Nationalmannschaft. Doch schon jetzt ist zu erkennen, wie er sich von seinem Vorgänger Joachim Löw abheben will: durch besessene Arbeit an Details – und einem großen Expertenstab am Spielfeldrand.

Als Oliver Bierhoff im August den neuen Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vorstellte, wählte er dafür einen Ort mit großer Symbolkraft: den Rohbau der DFB-Akademie in Frankfurt am Main. Die Aussage, die Bierhoff offenbar damit transportieren wollte: Wir bauen etwas komplett Neues auf, das Grundgerüst steht bereits – jetzt müssen wir es noch mit Leben füllen.

Der DFB, gegründet zur Zeit des Kaiserreichs, als Start-up und mit Hansi Flick als neuem Projektleiter. So lautete die Versuchsanordnung.

Heute, keine zwei Monate später, will DFB-Direktor Bierhoff, 53, schon deutliche Fortschritte erkennen. Es herrsche Aufbruchstimmung, "ein positiver Geist" durchwehe das Team, die Spieler gingen mit "Freude und Überzeugung" ihrer Arbeit nach, berichtete Bierhoff am Mittwoch in Hamburg.

Im September hatte die von Hansi Flick gecoachte Mannschaft ihre drei WM-Qualifikationsspiele gegen Liechtenstein, Armenien und Island gewinnen können und die Tabellenführung in der Gruppe J übernommen. Nun stehen die nächsten Pflichtspiele an: Am Freitag geht es im Hamburger Volksparkstadion gegen Rumänien (20.45 Uhr, RTL und TV Now) und am Montag in Skopje gegen Nordmazedonien.

Tatsächlich hat Hansi Flick, 54, in den wenigen Wochen seines Wirkens für einen Stimmungswandel im deutschen Team gesorgt. Als Bierhoff gefragt wurde, inwiefern sich Flick von seinem Vorgänger Joachim Löw unterschieden würde, versuchte er jedoch eine klare Antwort zu vermeiden. Jedes Wort würde ihm als Kritik an Löw ausgelegt werden können, deshalb flüchtete sich Bierhoff wohl in eine Binse: "Jeder Trainer hat seine eigenen Stärken."

Im Nachsatz lieferte er aber dann doch einen kleinen Hinweis: Während Löw seine Entscheidungen im engsten Zirkel mit seinen beiden Assistenz-Coaches gefällt habe, stütze sich Flick auf einen erweiterten Trainerkreis. "Er lässt seinen Leuten freie Leine", sagte Bierhoff, "Hansi lässt sie machen."

Löws Schrulligkeit und Flicks Pragmatismus

Flick selbst betont gern, dass er nur ein Trainer unter vielen bei der Nationalmannschaft sei. Er habe zwar das letzte Wort, schließe sich aber in Personal- und Taktikfragen immer mit seinen Vertrauten kurz.

Anders als Löw ist Flick geradezu besessen davon, mit der Mannschaft an Details zu arbeiten und sie sehr präzise zu vorzubereiten. Löw hingegen hielt Taktikdiskussionen oftmals für unnötig; vor dem EM-Achtelfinale gegen England (0:2) behauptete er gar, große Spiele würden nicht durch Systeme, sondern durch einzelne Spieler entschieden.

Löws Schrulligkeit steht in scharfem Kontrast zu Flicks Pragmatismus. Der neue Bundestrainer hat erkannt, dass seine Mannschaft Schwächen bei Standardsituationen hat – vor allem, wenn sie selbst den Ball besitzt. Also holte er Mads Buttgereit, einen Freistoßspezialisten aus Dänemark, dessen Arbeit er schon seit Jahren verfolgt. Vom FC Bayern hat Flick seinen Assistenten Danny Röhl mitgebracht, der ein Fußballspiel wie Schachpartie betrachtet und stets einige Züge im Voraus denkt.

Ob das Spezialistentum, das man vor allem aus dem US-Sport kennt, die Nationalmannschaft bereits entscheidend verbessert hat, lässt sich noch nicht verlässlich beurteilen. Fest steht jedoch, dass Flicks akribische Arbeit bei den Spielern gut ankommt. Löws Laissez-faire und sein Glauben an das Genieprinzip wirkten in den letzten drei Jahren seiner Amtszeit nur noch lähmend. Löw redete seine Mannschaft stark – aber niemand wusste so Recht, worauf dieses Selbstbewusstsein eigentlich fußen sollte. Immer wieder gab es erschreckend schwache Spiele wie das 0:6 gegen Spanien oder die 1:2 Heimniederlage gegen den Fußballzwerg Nordmazedonien. Löw aber nippte weiterhin genüsslich an seinem Espresso und beschwor eine goldene Zukunft.

Dass die Ära Löw schon lange zurückzuliegen scheint, ist ein Verdienst von Hansi Flick. Die Mannschaft drückt, sie will ihre Spiele dominieren – so coachte Flick schon den FC Bayern und führte ihn zu sechs Titeln in einer Saison. Mit gleichem Elan macht Flick nun beim DFB weiter. Das große Ziel ist die WM 2022 in Katar. Kapitän Manuel Neuer hat schon gesagt, dass er Weltmeister werden will. Und dass der Hansi wisse, wie man große Titel gewinnt.


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