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Oliver Neuville: Der Persil-Stürmer

Das DFB-Team ist im Tessin angekommen, und keiner kennt die Gegend um Ascona, wo das Quartier der Nationalmannschaft steht, so gut wie Oliver Neuville. Seit seinem Tor gegen Serbien gilt der Routinier plötzlich auch wieder als Option im deutschen Sturm.

Von Wigbert Löer, Tenero

Da sitzt er nun, und man muss ihn sich als zufriedenen Menschen vorstellen. Oliver Neuville ist dabei und gleichzeitig zu Hause, hier, im Süden der Schweiz, am Lago Maggiore. Bewaldete Berghänge, Weinstöcke im Vorgarten, ein paar Wolken am Himmel und viel Sonne.

Neuville kommt aus Ascona. Seine Mutter, seine Schwester, sein Kind, sie alle leben hier, wo die deutsche Nationalelf seit Dienstag Ernst macht mit dem, was die DFB-Strategen als Bergtour bezeichnen. Er selbst absolvierte auf dem vom DFB angemieteten Sportgelände im Nachbarort Tenero vor 17 Jahren sein erstes Trainingslager. Man kann nachvollziehen, dass Neuville, 35, nun als erster Spieler im Pressezentrum des EM-Quartiers Auskunft gibt.

Kein Mann von großen Worten

Der Stürmer von Borussia Mönchengladbach ist allerdings kein allzu gesprächiger Mensch. Er tritt auch nicht gern auf die Bühne und fängt an zu dozieren. Deshalb hat er sich einfach einen Stuhl geschnappt und auf den Boden des Pressezentrums gestellt, und neben ihm nennt Harald Stenger, Kommunikationsdirektor des Deutschen Fußball-Bundes, das Ganze ein "get together".

Neuville schwärmt kurz von der schönen Region, in denen die Deutschen nun residieren dürfen, bis sie im Finale - oder ausgeschieden sind. Er sagt, dass er sich darüber freue, hier zu sein und dass er auch hergefahren wäre, wenn der Bundestrainer ihn nicht in den Kader berufen hätte. Seine beiden freien Tage habe er bei seiner Mutter verbracht. Dass die Polen eine super Qualifikation gespielt hätten, sagt Oliver Neuville auch noch, und dass sie stärker seien als vor zwei Jahren bei der WM. Dann ist das "get together" vorbei.

Man hätte ihn gern noch ein paar Dinge gefragt, zum Beispiel, ob er Anspruch auf Platz zwei in Deutschlands Angriff erhebt, neben dem offenbar gesetzten Miroslav Klose. Neuville, der Mann der kurzen Sätze und der leisen Töne, von dem man sich gar nicht so richtig vorstellen kann, dass er bei seinem Verein das Amt des Mannschaftskapitäns inne hat, hätte dann aber wohl nur gelächelt. Sicherlich hätte er keine Ansprüche gestellt, schon gar nicht öffentlich.

Zweifel an der Nominierung

Es gab viele, die lange an seiner Nominierung zweifelten - ein Zweitliga-Spieler am Ende seiner Karriere, der während der EM-Qualifikation nur auf drei Einsätze im Nationaltrikot kam. Wie kann so einer noch helfen?

Doch nach dem letzten Testspiel gegen Serbien drehte sich die Stimmung plötzlich: Oliver Neuville gilt nunmehr als Einwechselstürmer Nummer eins. Die (hoffentlich wieder zu Tage tretende) Spritzigkeit Kloses, die Wucht und Torgefährlichkeit von Mario Gomez, das könnte die Basis sein.

Wenn es aber mal nicht läuft, wird wohl Neuville kommen, reißt das Spiel über außen auf oder steht auch mal richtig, wenn ein Ball scharf hereinfliegt, wie jetzt gegen Serbien oder vor zwei Jahren bei der WM, 1:0 gegen Polen. Er findet sich schnell ein in das Geschehen - das ist sein großes Pfund.

Ballack als Fürsprecher

"Bei ihm weiß man, was man hat", hat Kapitän Michael Ballack befunden, bevor der EM-Kader feststand. Der Satz erinnert an die "Keine Experimente"-Wahlkampagne der CDU 1957 und an die Werbung für die ewige Waschmittelmarke Persil. Doch er adelt Neuville als erfahren, bewährt und erfolgreich. Selten hat Ballack, der den gleichen Berater wie Neuville hat, sich so entschieden für einen einzelnen Spieler stark gemacht. Man kennt und schätzt sich schon seit Leverkusener Tagen.

Oliver Neuville gab im Verein immer viele Torvorlagen, der große Vollstrecker aber war er nie. In der ersten Liga gelangen ihm immerhin einmal 16 Saisontreffer (für Mönchengladbach vor zwei Jahren), einmal 15 Tore (für Bayer Leverkusen 2000/2001) und einmal 14 Tore (für Hansa Rostock 1998/1999). Auffällig ist, dass er selten verletzt war und niemals richtig außer Form spielte: Neuville stand fast immer auf dem Platz. Einiges deutet darauf hin, dass dies auch bei dieser EM so sein wird - viele Worte wird er dann aber auch nicht machen.

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