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Zenit St. Petersburg: Test Topteser em 2008

Bayern München ist im Halbfinale des Uefa-Pokals gegen Zenit St. Petersburg haushoher Favorit. Aber Vorsicht: Das waren die bisherigen Gegner der Russen auch. Überheblichkeit sollte für die Bayern tabu sein. Denn die von Gasprom gesponserte Truppe ist brandgefährlich.

Von Aarni Kuoppamäki, St. Petersburg

Zenit will es machen wie ZSKA Moskau. Der "Zentrale Sportklub der Armee" warf 2005 AJ Auxerre und den FC Parma aus dem Wettbewerb und besiegte im Finale Sporting Lissabon, das im eigenen Stadion spielte, mit 3:1. Es war der erste Europapokal-Triumph einer russischen Mannschaft überhaupt. Anscheinend kein Zufallstreffer, steht doch schon wieder eine russische Mannschaft in der Runde den letzten Vier im Uefa-Pokal. Und doch überrascht es, dass der ständige Außenseiter Zenit St. Petersburg es so weit gebracht hat. Vielleicht ist genau das das Geheimnis der Russen.

"Den Gegner zu unterschätzen, ist ein unterschwelliger Prozess", sagt Sportpsychologe Lothar Linz. Der Spieler selbst merkt vielleicht gar nichts davon, aber wenn der kleine Angeber im Hinterkopf ihm zuflüstert, die Partie werde schon gewonnen, werden nicht einhundert Prozent der Leistungsreserven mobilisiert. In einem Pokalspiel kann das entscheidend sein. Was genau im Gehirn passiert, wisse man nicht, erklärt Linz, der mehrere deutsche Hockey-Nationalmannschaften zur Goldmedaille begleitet hat. Aber die Trainer sind praktisch machtlos. "Mit allen Mitteln, die ich kenne, kann man den Unterschätzungs-Effekt nicht verhindern. Weil er untergründig ist."

Zenit-Coach lobt die Bayern

Wenn der Gegner besser mithält als erwartet, bekommt der Spieler ein zweites Problem. Aus trügerischer Sicherheit entspringt Verunsicherung, Coolness wird zu Nervosität. Wenn Bayern gegen Zenit St. Petersburg spielt, ist die Gefahr solch einer unterschwelligen Überraschung groß. Ein Andrei Arshavin könnte mit seiner Klasse auch bei internationalen Topclub spielen. Und der schnelle Konterfußball von Trainer Dick Advocaat bringt gerade jene, die Zenit kontrollieren wollen, in Bedrängnis.

Der 60-Jährige Holländer weiß um die Vorteile der Außenseiter-Rolle und erklärt den Gegner zum Favoriten: "Bayern München bedarf keiner Vorstellung. Jeder weiß, dass es eine der stärksten Mannschaften Europas ist." Spätestens seit Zenits 4:1-Sieg in Leverkusen müsste jeder wissen, dass auch St. Petersburg spielen kann. Und doch wird ein Großteil der 66.000 Zuschauer in der ausverkauften Allianz-Arena einfach davon ausgehen, dass Bayern gewinnt. "Die Unterschätzung liegt im Namen", sagt Sportpsychologe Linz.

Russland ist besser als Holland

Man kann die russische Spielweise phlegmatisch schimpfen. Fakt ist: Zur Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz fährt dieses Jahr nicht England, das Mutterland des Fußballs, sondern Russland. Zwischen dem Eismeer und Zentralasien, zwischen Kamtschatka und St. Petersburg ist das Runde ins Eckige zu treten die Sportart Nummer eins. In der Uefa-Fünfjahreswertung steht das Land auf Platz sechs vor Fußball-Nationen wie Portugal, der Türkei und den Niederlanden. Oder im direkten Vergleich: Deutschland hat derzeit 48,5 Punkte, Russland 42,2.

Doch selbst der amtierende Meister tut sich scheinbar schwer, die Premjer Liga ernst zu nehmen. Lief es im Uefa-Cup gut, war man zuletzt doch nicht im Stande, Gegner wie Aufsteiger Shinnik Jaroslavl oder Krylja Sowjetow Samara zu schlagen und verliert so den Anschluss an die Spitze. Beim letzten öffentlichen Training vor dem Bayern-Spiel ließ Dick Advocaat die Journalisten aus Deutschland abblitzen: "Wir spielen zuerst gegen Saturn Ramenskoje, das ist jetzt wichtiger als der Uefa-Cup." Es half nichts, das Spiel endete eins zu eins. Mit vier Unentschieden und nur einem Sieg aus sechs Partien steht Zenit auf Platz 10 der Tabelle. Allen Dementis zum Trotz scheint klar: Was für die Spieler zählt, ist der internationale Wettbewerb.

Alte Quelle, neues Geld

In gewisser Weise ist Zenit sogar der legitime Erbe von ZSKA Moskau. Denn die "Armeer" wurden von Roman Abramowitschs Erdölunternehmen Sibneft gesponsert. Im Oktober 2005 wurde Sibneft von Gasprom übernommen. Der Sponsorenvertrag mit ZSKA wurde nicht verlängert, und Gasprom, der neue Mutterkonzern von Sibneft, übernahm die Aktienmehrheit an Zenit St. Petersburg. Seitdem hoffen die Fans der "Blau-Weiß-Hellblauen", dass ihre Mannschaft international mit den Rivalen aus Moskau gleichzieht. Sollte das Lieblingskind von Gasprom den Uefa-Cup gewinnen, können sich die Fußballweisen bestätigt fühlen: Der Sport ist eine Parabel aufs Leben. Reichhaltige Bodenschätze können die Basis für Erfolg sein - vor allem im internationalen Vergleich.

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