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EM 2012: Deutschland gewinnt 3 -1 gegen Belgien

Mit großem Engagement und guter Organisation war Belgien eine halbe Stunde lang die bessere Mannschaft. Aber dann reichten drei Minuten Deutschland aus, um mit 2:0 in Führung zu gehen und das letzte Qualifikationsspiel frühzeitig für sich zu entscheiden. Belgien hat damit die EM-Teilnahme in letzter Minute verspielt.

Dass Deutschland die vielleicht beste Kontermannschaft des internationalen Fußballs stellt, weiß man eigentlich schon seit der WM 2010. Dennoch blieb Belgien, das einen Sieg in Düsseldorf brauchte, um sich noch für die Europameisterschaft zu qualifizieren, wohl nichts anderes übrig, als offensiv aufzutreten. Das Ergebnis war eine ansprechende Vorstellung - und dann zwei Gegentore innerhalb von drei Minuten.

Mesut Özil traf nach einer halben Stunde im Anschluss an eine Ecke, André Schürrle schloss wenig später einen Konter erfolgreich ab, und das letzte deutsche Qualifikationsspiel war nach 33 Minuten entschieden. 46.000 Zuschauer in Düsseldorf sahen kein überragendes, aber ein unterhaltsames Spiel, in dem Mario Gomez Deutschland kurz nach der Pause sogar mit 3:0 in Führung schoss, ehe Marouane Fellaini nach einer Ecke kurz vor dem Ende noch den belgischen Ehrentreffer markierte. Belgien bleibt das Lob für eine gut anzusehende Spielweise und die Hoffnung, dass die so genannte Goldene Generation der Roten Teufel dann 2014 mal bei einem großen Turnier glänzen darf.

Joachim Löw änderte seine Startelf nach dem Sieg in Istanbul auf gleich fünf Positionen. Benedikt Höwedes spielte an Stelle von Jerome Boateng rechts hinten, Mats Hummels rückte für Holger Badstuber in die Innenverteidigung. Zwei Bayernprofis weniger in der Viererkette also, aber im defensiven Mittelfeld war es Toni Kroos, der seinen Teamkollegen Bastian Schweinsteiger vertrat. Mesut Özil kam für Mario Götze ins offensive Mittelfeld, und André Schürrle kam für Lukas Podolski ins Team.

Kein Van Buyten, kein De Camargo

Georges Leekens musste den gelbgesperrten Daniel van Buyten in der Abwehr ersetzen. Nicolas Lombaerts von Zenit St. Petersburg kam für den Münchner neu in die Mannschaft. Vorne fehlte mit dem verletzten Igor de Camargo ein weiterer Bundesligaspieler verletzt, Marvin Ogunjimi vom KRC Genk gab so die einzige Spitze in einem 4-2-3-1-System, das zudem Evertons Marouane Fellaini an Stelle von Dries Mertens im Mittelfeld sah.

In der ersten halben Stunde hatte Belgien mehr vom Spiel. Mit guter Grundordnung und engagiertem Stören im Mittelfeld kamen die Gäste immer wieder an den Ball, ohne dabei jedoch wirklich gefährliche Abschlussmöglichkeiten zu erringen. Der DFB-Elf schien in dieser Phase das zu fehlen, was man an ihr häufig in Freundschaftsspielen beobachtet: Die Konzentration war nicht voll da, das Auftreten hätte ein kleines, aber entscheidendes bisschen energischer sein können. Das wäre Belgiens Chance gewesen, mit einem Resultat nach Hause zu fahren, zumal auch die mitgereisten Anhänger in der ersten Hälfte akustische Vorteile verbuchen konnten.

Doch die Anfeuerung der Gästefans mochte auch dazu beigetragen haben, dass Belgien seinerseits Deutschland genau die Chance zugestand, die es brauchte: In einer bezeichnenden Szene standen fast sechs Belgier auf Höhe des deutschen Strafraums, rechts attackierten die Gäste bei gegnerischem Ballbesitz fast bis zur Eckfahne, hinter der die Anhänger der Roten Teufel lärmten. Ein so extremes Pressing ist gegen Deutschland, eine der besten Kontermannschaften unserer Zeit, natürlich hochgefährlich, wenn nicht die ganze Mannschaft perfekt mitarbeitet.

Kompany nur zweimal nicht auf der Höhe - zwei Gegentore

Schon kleine Unstimmigkeiten können gegen das schnelle Kombinationsspiel von Löws Elf fatale Folgen haben. Der Konter nach der angesprochenen Szene, als Belgien so hoch presste, führte zu einer Eins-zu-eins-Situation von Mario Gomez vor Keeper Simon Mignolet, weil Vincent Kompany im entscheidenden Moment ausgerutscht war - und eine weitere Absicherung hatten die hoch aufgerückten Belgier nicht. Mit einem tollen Reflex konnte Mignolet in dieser (und übrigens später noch einmal im direkten Duell mit Gomez) noch zur Ecke klären.

Diese Ecke aber führte dann zum 1:0 für die bis dahin eher unterlegenen Deutschen. Der eigentlich schon fast bereinigte Ball passierte den Ball in den rechten Strafraum, wo Sami Khedira zwei Gegenspieler auf sich zog, bevor er clever zurück auf Özil legte. Den wiederum hatte man offenkundig bei Standards nicht als Gefahr identifiziert, so dass der Madrilene sich den Ball erst noch schön auflegen konnte, bevor er von den Strafraumgrenze aus via Unterlatte das 1:0 erzielte.

Noch immer hatte Belgien mehr Chancen auf die EM-Qualifikation als auf eine baldige Regierungsbildung, aber drei Minuten später war praktisch alles gelaufen. Nach einem belgischen Eckstoß kam Özil am eigenen Strafraum an den Ball, von Khedira bedient. Anstatt die Gefahr dieser Konstellation zu erkennen, die eigentlich nur als schwarze Kugel, aus der eine sprühende Zündschnur herausragt, zu visualisieren wäre, schalteteten diejenigen Belgier, die noch dichter am eigenen Tor standen, zu langsam. Bei Fellaini war es nur eine halbe, aber entscheidende Sekunde, bei Moussa Dembélé leider noch mehr, so dass André Schürrle im Rücken des Fulham-Profis links nach vorne eilen konnte, den Ball von Gomez aufgelegt bekam und ganz souverän abzuschließen wusste.

Optimismus oder Wahnvorstellung?

Das Spiel war nun entschieden. Noch nie hatte eine deutsche Nationalmannschaft nach 2:0-Pausenführung noch verloren, aber ein Sieg wäre das einzige gewesen, was Belgien noch geholfen hätte, denn die Türkei gewann parallel gegen Aserbaidschan. Ein möglicher Anschlusstreffer von Fellaini noch vor der Pause hätte noch einmal Spannung heraufbeschwören können, doch sein Schuss aus fünf Metern wurde von Höwedes noch geblockt und zur Ecke abgefälscht.  

Sollte es noch große Optimisten unter den Belgiern gegeben haben, so wurden sie spätestens drei Minuten nach Wiederanpfiff darauf zurückgeworfen, auf ein aserbaidschanisches Wunder in Istanbul zu hoffen. Aber egal, ob man an den Weihnachtsmann oder an Berti Vogts glaubte, die Qualität des Zusammenspiels vor dem 3:0 in der 48. Minute mussten Phantasten aller Lager neidlos anerkennen.

Nach Vorarbeit von Thomas Müller spielte Gomez einen Doppelpass mit Özil, bekam den Ball schön aufgelegt, weil er sich im Rücken von Kompany in Stellung gebracht hatte und offenbarte beim Abschluss eine bessere Schusstechnik, als ihm von manchen Neidern bisher attestiert wurde.

Neuers Fehler kurz vor dem Ende

Der Rest war dann wirklich eher von Freundschaftsspielatmosphäre geprägt, doch immerhin kam Belgien in der 86. Minute noch zum Ehrentor, mit freundlicher Mithilfe von Manuel Neuer, der nach einer Ecke des eingewechselten Dries Mertens am kurzen Pfosten heraus- aber nicht an Per Mertesacker vorbeikam. Der wiederum konnte, hinter Fellaini postiert, nicht verhindern, dass dieser mit dem Kopf schön in die lange Ecke verlängerte.

Weltfremden Optimismus wollen wir den belgischen Anhängern nicht attestieren, aber sie hatten ihre Bengalos nun mal mitgebracht und hatten so die Chance, sie noch vor dem Abpfiff zur Anwendung zu bringen. Schön bunt, aber leider auch das Abschiedsfeuerwerk einer talentierten, doch nicht übermäßig effizienten Mannschaft, die ein weiteres Mal die Qualifikation für ein großes Turnier verpasst. In einer WM-Qualigruppe mit Kroatien, Serbien, Mazedonien, Schottland und Wales geht es nun für die Roten Teufel um die WM-Teilnahme 2014.

Für Deutschland steht nach einer makellosen Qualifikation für die EM-Endrunde nun erstmal etwas anderes an - nicht zuletzt mit dem Härtetest gegen die Niederlande im November in Hamburg. Dann reichen drei Minuten wahrscheinlich nicht zum Sieg.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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