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EM 2012: EM-Favoriten - Verletztenmisere lässt England an Chancen zweifeln

Man muss kein Nobelpreisträger sein, um angesichts der Personalmisere, der kurzen Amtszeit des Coaches und Wayne Rooneys Sperre zu Beginn des Turniers die Wahrscheinlichkeit auf einen englischen Titel auszurechnen. Und trotzdem glaubt mindestens ein ehemaliger National-Coach an einen möglichen EM-Sieg. Wir wissen auch, warum.

Erstmals in der Geschichte blieben in England Tickets für ein internationales Turnier übrig. Daraus lässt sich schon die Haltung des Landes vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine ablesen: man erwartet endlich einmal nichts von den Three Lions. Wir haben trotzdem Gründe für den Titelgewinn gefunden, auch wenn diese nicht so auffällig auf der Straße lagen, wie die Gründe dagegen.

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Hodgson ist die beste Wahl
Auch wenn die Medien und der Großteil der englischen Fans lieber Harry Redknapp gesehen hätte: Hodgson ist nicht aufgrund seiner Erfahrung die beste Wahl als einheimischer Trainer der Three Lions. Experten halten ihn für geeigneter, ein aus dem ihm zur Verfügung stehenden Spielmaterial ein Team aufzubauen, dass die Gegner nicht unbedingt an die Wand spielt, aber aus der gut organisierten Defensive heraus besiegen kann.

Zudem traut man in England Hodgson abseits des Platzes den gründlichen Aufbau funktionierender Strukturen über die EM hinaus am ehesten zu. Eine durchgehend Roter Faden, der sich von den Jugendmannschaften bis in die A-Nationalmannschaft rein zieht, genau das soll Hodgson ermöglichen.

Junges Blut
Arsenals Alex Oxlade-Chamberlain ist gerade einmal 18 Jahre alt, wandelt mit seiner Berufung allerdings auf den Spuren von Clubkollege Theo Walcott, der bereits mit 17 zur WM 2006 nach Deutschland mitfahren durfte. Mit nun 23 – und damit im besten jungen Fußballalter – scheint Walcott endlich auch sein Potenzial abrufen zu können: Elf Ligatore und 13 Vorlagen sind für den Mittelfeldspieler aller Ehren wert. Dazu kommt noch Danny Welbeck, der zumindest im letzten Test gegen Belgien gezeigt hat, dass er als Rooney-Ersatz in den ersten beiden Spielen herhalten könnte.

Es gibt keinen Erfolgsdruck
"Niemand erwartet von uns, dass wir gewinnen", resümiert der ehemalige England-Coach Terry Venables in der Sun. "Das nimmt den Druck und wir können ohne Angst aufspielen." So nähmen die Gegner England als nicht ernstzunehmend war und so könnten sich die Three Lions, ähnlich wie Dänemark 1992 oder Griechenland 2004, auf leisen Pfoten zum Titel spielen. Das funktioniert natürlich nur dann, wenn das Team die Herausforderung annimmt und sich aufgrund der Verletzungen nicht hängen lässt. An Hodgsons taktischer Ausrichtung dürfte das Unternehmen EM nicht zuerst scheitern.

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Wichtige Spieler fehlen
John Ruddy, Gareth Barry, Kyle Walker, Frank Lampard und Gary Cahill mussten zu verschiedenen Zeitpunkten der Vorbereitung verletzt aus dem Kader gestrichen werden. Um John Terry wird noch gezittert, Welbeck und Scott Parker sind angeschlagen. Das Mutterland des Fußballs humpelt bildlich in das Turnier in Osteuropa.

Die Verletzungen werfen natürlich sämtliche Planungen durcheinander. Durch Lampards und Barrys Ausfälle muss das Mittelfeld umgebaut werden. Fällt Parkers Einsatz ebenfalls flach, gehen die Umbaumaßnahmen weiter. Durch Cahills EM-Aus - der im Testspiel mit Keeper Joe Hart zusammenprallte und sich den Kiefer brach - sind von ursprünglich vier Champions League-Siegern von Chelsea nur noch John Terry und Ashley Cole übrig. 

Sollte sich Hart noch eine Blessur zuziehen, wäre das Chaos perfekt. Ersatzmann Ruddy bleibt mit einem Fingerbruch zuhause und so darf Robert Green als Nummer zwei auf der Bank Platz nehmen. Eben jener Green, der in Südafrika 2010 gegen die USA patzte, und der bei West Ham United in der letzten Saison in der Championship spielte. Bei der Nummer drei fragen selbst englische Experten: wer? Jack Butland ist gerade einmal 19 und hütete neben dem U21-Tor in zwölf League-Two-Spielen den Kasten von Cheltenham Town.

Rooneys Sperre
Zudem darf Wayne Rooney erst im dritten Spiel gegen Gastgeber Ukraine ran. Das könnte – bei entsprechenden Spielausgängen gegen Frankreich und Schweden – unter Umständen schon zu spät sein. Bis dahin dürfte vor allem Andy Carroll gefordert sein, der allerdings in der abgelaufenen Saison beim FC Liverpool zunächst schwere Zeiten zu überstehen hatte. Erst zum Ende der Spielzeit fand er zu einer besseren Form, vielleicht hilft den Three Lions dieses Omen. Neben Carroll sind es zudem Welbeck oder auch Walcott, die in die Tor-Bresche springen müssten, ehe Knipser Rooney sein Trikot der Nummer 10 überstreifen kann.

Roy Hodgson ist erst seit Mitte Mai Trainer
Am 14. Mai wurde Hodgson als neuer Auswahltrainer vorgestellt, einen Tag nachdem unter seiner Leitung West Broms letztes Ligaspiel bestritten wurde. 28 Tage später soll Hodgson eine Mannschaft auf das Feld in Donzek bringen, das gegen Frankreich bestehen kann? Das scheint selbst für einen erfahrenen Mann, der bereits seit 1976 19 Teams betreut hat, eine wahre Herkules-Aufgabe.

Zudem ist er kein Liebling der Medien, die lieber Harry Redknapp an seiner Stelle gesehen hätten. Niedrige Erwartungshaltung hin oder her – für Niederlagen bei der EM wird er von der nicht zimperlichen Presse in der Heimat sicher durch den Wolf gedreht werden. Anderseits dürfte Hodgson mit seiner Erfahrung einer der Wenigen sein, der solche Negativschlagzeilen wegstecken kann.

Schlüsselspieler

Ashley Young ist in der Pflicht es vor allem ohne Wayne Rooney zu richten und die Spitzen Carroll oder Welbeck sowie seine Nebenleute Walcott und Gerrard einzusetzen, um die gegnerische Defensive mit blitzschnellem Umschalten zu überrumpeln.

Gerrard setzt insbesondere nach den Verletzungen von Lampard und Barry auf das Kollektiv als Schlüsselspieler. "Als Team müssen wir jetzt Verantwortung übernehmen", zitierte itv.com den Mittelfeldspieler. Auf ihn selbst könnten die Ausfälle ebenfalls einen Einfluss haben: "Das wird schon meine Position etwas verändern", so Gerrard weiter, eine Entscheidung hat ihm der Trainer noch nicht mitgeteilt.

So ist die Stimmung im Land

Die legendäre TV-Sendung Match of the Day der BBC begrüßte die Zuschauer in der letzten Ausgabe der Saison mit der Aussage: "Noch nie waren die Erwartungen niedriger." Und genau dies spiegelt die Stimmung im Land nieder. Hodgsons kurze Amtszeit, viele Verletzte und Rooneys Sperre – angesichts dieser Faktoren braucht es wirklich keinen Nobelpreisträger, um die Wahrscheinlichkeiten auf einen englischen Erfolg auszurechnen.

Anders als in der Vergangenheit wird zumindest bis jetzt der realistische Blick auf die seit 1966 titellosen Three Lions bewahrt. Und es geht noch darüber hinaus: Die zurückgegebenen Karten aus dem englischen Kartenkontingent sind dafür wohl der größte Beweis.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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