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EM 2012: Länderspiel-Analyse - Deutschland - Israel

Erstaunlich kritisch war das Medienecho auf Deutschlands Sieg im letzten Test gegen Israel. Verglichen mit dem Debakel von Basel lief das Spiel der DFB-Elf viel besser. Was erwarteten die Menschen denn? Wir starten unsere Analyse mit einer kleinen Presseschau, schieben Toni Kroos auf dem Taktiktisch umher und widmen uns dem Phänomen der Sechserkette.

1) "Ein immer noch tieferer Tiefpunkt" (Rudi Völler)

Glanz vermissten die deutschen Medien mehr als alles andere beim 2:0-Sieg der DFB-Elf gegen Israel: "Wenig Glanz: DFB-Elf mit geglückter Generalprobe" hieß es bei Sport 1, "Glanzloser Sieg gegen schwache Israelis" beim Kicker. "Der große Glanz fehlt noch", fand die Headline von Spox, "Glanzloser Sieg in der EM-Generalprobe" beim Spiegel.

"2:0 gegen Israel: Deutsche Elf, erfolgreich, aber glanzlos" hatte es bei der dpa geheißen, was sich naturgemäß dann so auch in den meisten deutschen Provinzzeitungen wiederfand (Hannoversche Allgemeine, Kieler Nachrichten, um nur zwei Beispiele zu nennen, die den Agenturtext übernahmen).

Bei so viel vermisstem Glanz war die Bild immerhin origineller, wenn auch in der Formulierung "Die Tore ein Hammer, das Spiel ein Jammer" kaum weniger kritisch. Letztlich folgten die meisten Medien nach dem Spiel dem ARD-Kommentar von Steffen Simon, der das Spiel im Fernsehen sehr negativ gesehen hatte.

Ausnahmen bildeten Boris Herrmann in der Süddeutschen Zeitung, der unter der Überschrift "Ordentliche Abschlussprüfung" resümierte: "Und auch wenn es diesmal kein rauschendes 9:1 wurde, sondern nur ein solides 2:0 gegen Israel, darf man diesen Abschlusstest als weitestgehend geglückt betrachten."

Noch positiver Michael Horeni in der Frankfurter Allgemeinen, der die deutsche Mannschaft "wieder jederzeit geordnet - und mit spielerischen Ansätzen, die an bessere Zeiten erinnerten und die einen schönen EM-Sommer in Polen und der Ukraine nicht als Illusion erscheinen lassen" gesehen hatte. Horeni befand weiter: "Es war ein hochverdienter Sieg, der noch deutlich höher hätte ausfallen können bei konsequenter Chancennutzung."

Bleibt aber die Frage, was genau die Mehrheit der Journalisten sich vom Spiel gegen die schwachen Israelis erhofft hatte. Mangelnde Dominanz konnte man der deutschen Mannschaft tatsächlich kaum vorwerfen, die Statistiken von Opta wiesen nach dem Match ein Torschussverhältnis von 24:4 auf, vom deutschen Ballbesitz, der insgesamt etwa zwei Drittel der Spielzeit einnahm, hielten die Spieler von Joachim Löw das Leder nur zu 22 Prozent in der eigenen Spielhälfte, was für die offensive Grundordnung der Nationalelf spricht.

Sicher entsprach das 2:0 diesen Spielanteilen nicht, aber das Spiel selbst schon. Zumindest vor dem Hintergrund des Testspielcharakters zu diesem Zeitpunkt der EM-Vorbereitung wäre ein vorsichtig optimistisches Fazit eigentlich denkbar. Zumal die Steigerung im Vergleich zum 3:5-Debakel in der Schweiz fünf Tage zuvor augenfällig war, gegen einen Gegner, der zwar etwas, aber nicht wesentlich schwächer als die Schweiz eingeschätzt werden konnte.

Lustigerweise war das Fazit von Oliver Schmidt, der das Baseler Spiel für das ZDF kommentierte, fast positiver gewesen als das von Simon im Ersten. Das mag Zufall sein, es könnte aber auch bevorstehen, dass wie bei der WM 2010 mit Beginn eines großen Turniers eine mediale Haltung eingenommen wird, nach der jedes nicht in einem rauschenden Fünf-Tore-Festival endende Fußballspiel als Grottenkick abqualifiziert wird, wie wir damals schon beklagt hatten.

2) Das Spiel aus taktischer Sicht

Tatsächlich fiel gegenüber dem Schweiz-Spiel vor allem die immens verbesserte Abstimmung im deutschen Team auf. Die Abstände stimmten, es wurde koordiniert verschoben, bei israelischem Ballbesitz wurde zwischen Pressing und Abwarten mit guten Rhythmuswechseln alterniert. Die Räume in der Defensive waren fast immer richtig aufgeteilt (was gegen meist maximal drei angreifende Israelis allerdings auch eine dankbare Aufgabe war). Und bei eigenem Ballbesitz gelang es oft, Dreiecke zu bilden, oder die Flügel zu überladen.

Darauf - und auf die häufigen, aber manchmal zu behäbigen Seitenwechsel der Deutschen - reagierte Israel nicht, indem es die Kompaktheit seiner Defensivformation aufgab, sondern, indem die beiden Flügelspieler sich bis auf Höhe der Viererkette zurückfallen ließen und so oft fünf oder sechs Defensivspieler auf einer Höhe verteidigten.

Das hatte zur Folge, dass die deutschen Außenverteidiger praktisch keine Gegenspieler mehr hatten und sich in selten gesehener Weise ins Angriffsspiel einbringen konnten - wie Jerome Boateng, der mit einem Pfostenschuss Pech hatte. Das alles hätte jedoch auch dazu führen können, dass für Sprints in die Schnittstellen der israelischen Defensive zahlreiche Passempfänger zur Verfügung standen, aber in dieser Hinsicht enttäuschte das deutsche Angriffsspiel etwas.

3) Der Fall Toni Kroos und Alternativen zur Doppelsechs mit Sami Khedira

In Abwesenheit des verletzten Bastian Schweinsteiger war der Einsatz von Toni Kroos neben Sami Khedira im defensiven Mittelfeld ein entscheidender Test für die EM. Gerade gemessen am schwachen Niveau des Gegners kann dieser Test nicht als gelungen bezeichnet werden. So schlecht, wie manche ihn sahen, war Kroos zwar nicht, aber ein gutes Argument dafür, ihn neben dem gesetzten Khedira zu bringen, war das Spiel gewiss auch nicht.

Das Problem lag - wiederum bedingt durch den Charakter des einseitigen Spiels - weniger in den Defensivqualitäten von Kroos als vielmehr in seinem mangelnden Einfluss auf die Spielgestaltung hinter Mesut Özil. Sollte Schweinsteiger auch gegen Portugal bei der EM nicht spielen können, stellt sich die Frage, wie die Konstellation im Mittelfeld besser gelöst werden könnte als in Leipzig. Im DFB-Kader gibt es nur zwei echte Alternativen für den Platz neben Sami Khedira, Mario Götze gehört, wie wir nach dem Experiment von Basel wissen, nicht dazu, und ein 4-1-4-1 kann bei der EM eigentlich nicht das System der Wahl sein.

Bleiben also nur noch Ilkay Gündogan, der eine starke Rückrunde in Dortmund spielte, in Basel aber enttäuschte, und Lars Bender, der im Frühjahr wochenlang fehlte und es seither nur selten schaffte, an seine starke Vorrundenform anzuknüpfen. Dennoch wird einer der beiden in die Startelf rücken müssen, wenn Schweinsteiger nicht kann und Kroos nicht soll. Wo aber wäre Toni Kroos besser aufgehoben, wenn nicht auf der Bank?

Seine großartige Leistung im Champions League-Halbfinale gegen Real Madrid demonstrierte durchaus, welche defensiven Qualitäten Kroos in offensiverer Position zur Geltung bringen kann - sich fallen lassend, um Überzahl im zentralen Mittelfeld zu erzielen, Ballgewinne und Umschaltstiuationen gestaltend. Im deutschen Team spielt zentral hinter den Spitzen bekanntlich Özil, ein Konflikt, der sich entweder durch Verschieben des Madrilenen auf den linken Flügel lösen ließe, von wo aus er in der zweiten Halbzeit gegen Israel mehrere gefährliche Situationen kreierte, oder durch Einsatz von Kroos im linken Mittelfeld, wo er allerdings genau die oben beschriebenen Qualitäten nicht einbringen könnte.

Gelänge es, das Zusammenspiel der offensiven Mittelfeldreihe im Training ideal einzuspielen, wären Kroos, Özil und Thomas Müller auch für eine Total-Football-ähnliche Spielweise prädestiniert, in der alle drei ständig die Seiten wechseln, was Müller und Özil ohnehin sehr gut können. Das alles wären jedoch Planspiele, die mit Schweinsteigers Rückkehr ins Team zunächst Makulatur werden.

4) Das Vermächtnis des Herrn di Matteo

Die von uns nach dem Champions League-Finale aufgeworfene Frage, ob der Defensivfußball gerade seine Renaissance erlebt und folgerichtig auch die EM bestimmen werde, ist durch die beiden deutschen Tests einer Beantwortung noch nicht näher gekommen. Die Schweiz verteidigte tief und gut, schaltete aber auch gut um. Israel verteidigte ebenfalls extrem tief, besaß aber keine Mittelfeldspieler der Qualität Gökhan Inlers, die als Scharnier zwischen Spiel gegen den Ball und vertikalem eigenen Angriffsspiel hätten fungieren können.

So ließ sich nur über die Höhe des deutschen Sieges und die Qualität der Chancenverwertung streiten. Das ist aber - zumal in einem Testspiel - ein Disput um Details, nicht ums Große und Ganze der Spielanlage. Ob die nur zwei Treffer gegen Israel eine Schwäche der deutschen Mannschaft anzeigen, tief stehende Gegner zu bezwingen? Das lässt sich unter diesen Vorzeichen noch nicht beantworten.

Sicher ist, dass Portugal und die Niederlande wesentlich besser agieren werden als Israel. Gerade Bert van Marwijk wird nicht noch einmal den Fehler begehen, seine Elftal so offen einzustellen wie in Hamburg im November. Und Portugal, bei der WM 2010 noch ultradefensivstark, kassierte zwar in der Qualifikation die meisten Gegentore aller EM-Teilnehmer (14 in zehn Spielen), doch Paulo Bento schien dieses Problem in den letzten Tests in den Griff zu bekommen.

Zudem eignet sich Portugals Kader vor allem nach dem Ausfall Dannys viel besser für eine reaktive Spielweise, da die Stärken eher in der Defensive liegen (mit Ausnahme Cristiano Ronaldos natürlich). Dänemark bleibt in dieser Gruppe ohnehin nicht viel mehr übrig als Defensive. Soll heißen: Wahrscheinlich muss Löw sich auf zähe Spiele einstellen, in denen Geduld und die Fähigkeit, das Tempo zu variieren, gefragt sind.

Löw hat in den letzten Jahren bewiesen, dass er es versteht, Deutschland auf die meisten Gegner richtig einzustellen. Jetzt müssen nur noch die deutschen Medien akzeptieren, dass Glanz keine Tore schießt.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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