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Gerhard Delling: "Elfmeterschießen ist die Hölle"

Seit mehr als 20 Jahren begleitet Gerhard Delling die Großergeignisse des Fußballs für die ARD. Nach Polen und in die Ukraine schaut der Moderator respektvoll, aber optimistisch. Ein Gespräch.

Trotz scheinbar ewig währender Jugendlichkeit - Gerhard Delling ist mittlerweile eine der erfahrensten Sport-Fachkräfte der ARD. Seit 1990 hat der 53-Jährige sämtliche Welt- und Europameisterschaften im Fußball begleitet. Für seine Moderationen mit Freund und Langzeitpartner Günter Netzer erhielt der Schleswig-Holsteiner im Jahr 2000 einen Grimme-Preis. Auf die Mission der deutschen Elf in Polen und der Ukraine schaut der Vater dreier Töchter mit Respekt, aber durchaus optimistisch. Ein Gespräch über spanische Revanchen, falsche Takitik-Experten und die verblichene Rock'n'Roll-Ära der Fußball-Übertragung.

Machen Sie sich nach der Freundschaftsspiel-Niederlage gegen die Schweiz Sorgen um die deutsche Nationalmannschaft?
Sagen wir mal so: Zur Beruhigung hat dieses Ergebnis sicher nicht beigetragen. Andererseits waren die Fehler zu offensichtlich, als dass es Hexenwerk wäre, diese abzustellen. Ich vertraue da Joachim Löw - zumal er ja sichtlich sauer war nach dem Spiel. Es ist aber schon noch reichlich zu tun.

Nach dem verlorenen Champions League-Finale der Bayern gegen Chelsea wurde viel über negative Auswirkungen auf die Nationalmannschaft spekuliert. Müsste ein Profi derlei Frust nicht nach einer Woche der Regeneration wegstecken können?


Klar ist, dass wir in Sachen internationale Erfahrung von den Bayern-Spielern abhängig sind. Wenn man nun dreimal Zweiter wird und in zwei oder sogar drei wichtigen Endspielen dem Gegner unterliegt, ist das nicht gerade ein Stabilisator für die Psyche - egal, ob man Profi ist oder Amateur. Man geht einfach mit weniger Selbstbewusstsein in Situationen, die dem Erlebten ähneln. Sollte alles gut laufen, die Nationalmannschaft erwartet gut spielen, könnten die negativen Erfahrungen der bayerischen Nationalspieler irrelevant sein. Doch was ist, wenn sich Geschehnisse wiederholen, wenn es zum Beispiel zu einem Elfmeterschießen kommt? Das würde meinen Puls dann schon merklich beschleunigen.

Bei dieser EM geht die deutsche Mannschaft zum ersten Mal seit längerer Zeit neben Spanien als Top-Favorit ins Rennen. Viele Deutsche erwarten nichts weniger als den Titel. Glauben Sie, dass dies die Mannschaft belastet?


Grundsätzlich glaube ich das nicht. Das ist eine Truppe, die immer noch ziemlich jung ist, trotzdem über eine sehr hohe Qualität und viel Spielfreude verfügt. Das alles sollte einem Verkrampfen entgegen wirken. Ich halte den Druck auf einen Favoriten wie Spanien als Titelverteidiger für höher. Außerdem glaube ich, dass wir uns über die schweren Gegner in der Vorrunde freuen sollten. Wenn man die geschafft hat, wovon ich immer noch ausgehe, hat man das mentale Rüstzeug und eine breite Brust für den Rest.

Wen haben Sie in Sachen Europameister auf dem Zettel?


Es klingt zwar langweilig, aber ich hoffe auf ein Endspiel Deutschland gegen Spanien. Allein deshalb, weil man dort die letzten beiden Niederlagen reparieren könnte. Ich glaube tatsächlich, dass wir in einem solchen Spiel anders als die letzten beiden Male auftreten würden. Joachim Löw würde nicht dreimal hintereinander mit der gleichen Taktik gegen Spanien spielen. Die Niederländer sind ebenfalls stark, aber auch ein bisschen unberechenbar. Dort sind doch einige Stars in die Jahre gekommen und ein Umbruch noch nicht vollzogen. Dann halte ich die Franzosen für deutlich stärker als die letzten Male. Dazu darf man die Italiener nicht vergessen - auch wenn deren Fußball momentan nicht sehr attraktiv erscheint.

Im Juni feiern Sie ihr 25-jähriges Jubiläum auf dem Fernsehschirm. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Live-Sendung?


Ja, klar. Das war eine ARD-Schalte nach Lahore in Pakistan. Ich machte eine relative kurze An- und Abmoderation für ein Hockeyländerspiel zwischen Deutschland und Pakistan. Ich glaube, es war ein WM-Endspiel.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich die Fußball-Berichterstattung im Laufe der Jahre geändert hat...

Und wann ging es los in Sachen Fußball?
1990 in Italien, das war meine erste WM. Damals saß ich die meiste Zeit im Sendezentrum in Rom und produzierte Zusammenfassungen der Spiele für die Tagesschau und andere Sendungen. Ab und zu ging ich raus und machte mal einen kleinen Film. Bei der EM 1992 in Schweden habe ich dann schon mit Waldemar Hartmann moderiert. Damals war das aber noch ein anderer Job. Alles war viel freier und auf Zufall gebürstet. Man stand am Spielfeldrand, und nach dem Schlusspfiff trat man drei Schritte aufs Feld, um zu moderieren. Kam ein Spieler vorbei, rief man ihm zu: "Bleib doch mal stehen" (lacht). Das ist heute alles undenkbar.

Was hat sich geändert?


Fragen Sie lieber, was gleich geblieben ist. Wir richten immer noch den Fokus auf die journalistische Arbeit. Ansonsten ist alles anders. Die Technik ist viel komplizierter, man braucht mehr Leute, alles ist auf die Sekunde genau getaktet. Das erfordert bei allen Beteiligten hohe Konzentration und Professionalität. Früher ging eine Sendung einfach mal länger, wenn das, von dem man berichtete, interessant war. Heute ist das Korsett viel enger, alle Programme sind neu und teuer - deshalb darf es keine Verschiebungen geben. Früher passierte mehr auf Zuruf. Fritz Klein, mein ehemaliger Chef beim NDR, hat mal eine Sendung im Dritten gemacht, die dauerte dreieinhalb Stunden. Geplant war eine. Aber weil seine Gäste so gut drauf waren, sendete er einfach weiter. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Hört sich an, als würden Sie den alten Wildwest-Zeiten nachtrauern.


Nein, ich sage nur, dass Fernsehen heute anders funktioniert. Der Zeit- und Kostendruck ist viel höher. Aber dem gerecht zu werden, ist ja auch eine sehr professionelle Herausforderung. Der versuche ich gerecht zu werden, und das macht mir ebenfalls Spaß. Gewissermaßen ist Fernsehen deshalb für mich sogar spannender geworden.

Hat sich das Reden über Fußball im TV verändert?


Sicher, das auch. Damals war Fußball etwas für Experten und Hardcore-Fans. Seit geraumer Zeit muss man wissen, dass zumindest bei den großen Turnieren auch viel Event-Publikum zuschaut. Beiden Gruppen muss man gerecht werden, das ist schon ein Spagat.

Dennoch hat man den Eindruck, dass Fußball heute im Fernsehen fachmännischer kommentiert wird. Wenn man sich das Endspiel der WM in Italien 1990 noch mal ansieht, da wurde in der ARD recht flapsig kommentiert.


Ich empfinde das ganz anders. Gerd Rubenbauer hat damals kommentiert. Der hatte natürlich einen anderen Stil als viele Kommentatoren heute. Er kam vom Radio, hat ganz viel Atmosphäre in wenigen Worten verdichten können. Das ist eine ganz besondere Qualität. Aber taktisch waren Rubenbauer und Co. immer auf der Höhe und dabei sehr akribisch. Ich habe ja auch sehr viel kommentiert zu der Zeit und auch noch später. Wer nicht wirklich im Detail etwas von Fußball verstand und das auch transportieren wollte, hatte definitiv keine Chance.

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr über Gerhard Dellings schönste Momente bei Welt- und Europameisterschaften...

Aber wird in deutschen Medien heute nicht viel mehr über Taktik und Spielformen diskutiert, wo früher von "deutschen Tugenden" und ähnlichen Mythen die Rede war?
Sie haben Recht. Es wird allgemein mehr über Taktik geredet, weil die Medien das in die öffentliche Diskussion hineintragen. Aber nur deshalb, weil jeder 4-4-2 oder 4-3-3 kennt, heißt das noch lange nicht, dass heute mehr Leute ein tieferes Verständnis für Fußball mitbringen. Bei der EM 2004 machten sich alle über Otto Rehagel lustig, weil er mit dem ach so überholten Libero spielen ließ. Dabei gibt es heute noch erfolgreich spielende Mannschaften, die haben den Liberoposten gleich zweimal besetzt. Sie nennen es nur anders. Die Spieler sind in die Viererkette integriert, bewegen sich aber im entscheidenden Augenblick dorthin, wo früher der Libero stand.

Was waren für Sie die größten WM- oder EM-Überraschungen im Laufe Ihrer Karriere?


Es gibt immer wieder überraschende Entwicklungen. Zum Beispiel 2002, als die deutsche Mannschaft bei der WM 2002 ins Finale gegen Brasilien einzog und plötzlich sogar so stark geworden war, dass sie dieses Spiel gegen den nominell überlegenen Gegner durchaus hätte gewinnen können. Es war die Mannschaft einer Zeit, als der deutsche Fußball fast am Boden lag. Dass man mit mannschaftlicher Geschlossenheit und einem guten taktischen Plan so viel erreichen konnte, war eine ganz neue Erkenntnis. Und dann natürlich die Leistung bei der WM 2010. Damals haben fast alle internationalen Fachleute gesagt, dass dieses junge, spielstarke deutsche Team die größte Überraschung des Turniers war. Denn es hatte wieder einen ganz neuen Weg zum Erfolg gefunden: spielerisch als Kollektiv mit ganz viel Tempo, Unbefangenheit und Spaß am Spiel.

Wann sind Sie am nervösesten im Laufe einer Übertragung, die Sie selbst kommentieren?


Beim Elfmeterschießen (lacht). Weil ich hoffe und bange, dass die deutsche Mannschaft das gewinnt. Da bin ich ganz normaler Fan. Beim Elfmeterschießen zuzusehen, ist die Hölle. Dagegen ist das Moderieren eines Spieltages kinderleicht - was meine Nervenbelastung betrifft.

hw/Teleschau / TELESCHAU

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