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Scholls Kritik an Gomez: Im Dienste des FC Bayern?

Was hat den ARD-Experten Mehmet Scholl geritten, ausgerechnet Matchwinner Mario Gomez nach dem Portugal-Spiel so hart zu kritisieren? Es könnte einen Hintergrund abseits der Nationalelf geben.

Ein Gedankenspiel von Wigbert Löer, Danzig

Die These steht stark im Zeitgeist: Ein modernes, barcelonaeskes Spiel lässt sich nur mit lauter technisch versierten, spielstarken Akteuren aufziehen. Und so konnte der ARD-Experte Mehmet Scholl dann auch erstmal Funken schlagen, als er, scheinbar gegen den Strom, gegen Mario Gomez argumentierte. Der Siegtorschütze gegen Portugal, so Scholl sinngemäß, müsse mehr aus seinen Möglichkeiten machen. Die Frage sei, wie lange sich die Nationalmannschaft Gomez noch leisten könne.

Klang gut, denn herrschende Meinung im aktuellen deutschen Fußballdiskurs ist ja, dass Mario Gomez als Stürmer einiges fehlt, was Miroslav Klose hat. Der Ältere funktioniert besser im Kombinationsspiel, vermag die Abwehr des Gegners im Gegenpressing schneller unter Druck zu setzen. Und so ist es ja auch.

Scholls Analyse ist einseitig

Der Zeitpunkt der Scholl-Kritik allerdings überraschte: Miroslav Klose hat monatelang nicht gespielt, seine Spritzigkeit hat er – möglicherweise – noch nicht komplett wieder gewonnen. Matchpraxis fehlt ihm derzeit gänzlich.

Und so ist dann auch Scholls Analyse zumindest einseitig. Das Spiel gegen Portugal selbst zeigt das, der einzige Treffer fiel nicht nach einstudierten Kombinationen, wie die Mannschaft sie im letzten Jahr so oft gezeigt hat. Flanke Khedira von halbrechts in den Strafraum, gut platzierter Kopfball Gomez, Tor – so simpel war das.

Mario Gomez trifft seit einigen Jahren mehr als regelmäßig, seine Torquoten erinnern an Messi und Ronaldo. Er tut dies zwar bestens bedient beim FC Bayern, bei einer Spitzenmannschaft also, wo man gegen deutlich schwächere Gegner oft viele Vorlagen bekommt. Aber bei Messi und Ronaldo ist das auch nicht anders.

Torgarantie bringt keine Lobby

Man könnte ihn feiern, diesen Tor-Garanten, auch wenn sein Spiel über Strecken immer wieder unbeholfen, unbeteiligt, irgendwie dann ungekonnt aussieht. Auch wenn er nicht das ist, was man als spielstark versteht. Auch wenn er nicht alle Qualitäten hat, die einen Mittelstürmer auszeichnen, einige besitzt er aber doch: einen Schuss mit links und rechts und aus allen Lagen, was nicht allzu alltäglich ist. Tore zu schießen, gehört ebenfalls dazu.

Eine starke Lobby bringt ihm das nicht. Bei der Nationalmannschaft und ihren Fans ist Klose Kult. Er trifft, kombiniert gekonnt mit, wirkt immer involviert und motiviert. Und das im hohen Stürmeralter. Dazu kommen Kloses trockener Humor und ein Schuss Selbstironie – auch diese Eigenschaften machen einen Sympathieträger. Schnell verblasst da, dass Klose im Verein durchwachsene Jahre hinter sich hat, beim FC Bayern oft auf der Bank saß, im Gegensatz zu Gomez.

Gomez' Abschied von Bayern anmoderiert?

Beim FC Bayern geht seit Längerem das Gerücht, der Verein wolle nach Claudio Pizarro auch noch Edin Dzeko von Manchester City kaufen. Der Mittelstürmer aus der früheren Wolfsburger Meistermannschaft ist ein Vollstrecker. Er gilt außerdem als spielstark, als spielstärker als Gomez - auch das so eine Spitze, mit der Gomez leben muss. Im eigenen Verein.

Die Bayern hätten dann drei Mittelstürmer, drei Vollstrecker, was wohl nur Frust und wenig Produktives gebären dürfte. Ein Stürmer müsste also weg, und so ein Verkauf will vorbereitet, will anmoderiert werden.

Gomez?

Mit nichts ist zu belegen, dass der Hoeneß-Vertraute und ab Juli wieder Bayern-Angestellte Mehmet Scholl das im Hinterkopf hatte, als er anregte, ausgerechnet den Matchwinner Mario Gomez aus der ersten Elf zu nehmen. Es ist nicht mehr als ein Gedanke, wie sie einem manchmal kommen im Profifußball, der meistens hintergründiger ist, als man annimmt.

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