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Analyse

Defensive ist Trumpf: Warum die Gähn-EM bald Fahrt aufnimmt

Deutschland gegen Polen war ein zähes Spiel, viel Ballgeschiebe, viel Defensivarbeit. Es fügt sich nahtlos ein in den Trend dieser EM-Vorrunde. Highlight-Spiele gibt es bislang kaum. Dafür gibt es eine Erklärung.

Ist denn bitte bald Achtelfinale bei der EM 2016? Joachim Löw und der Blick auf die Uhr

Ist denn bitte bald Achtelfinale bei der EM 2016? Joachim Löw und der Blick auf die Uhr

Nach dem Unentschieden gegen Deutschland stand Robert Lewandowski vor den Mikrofonen der Reporter und verkündete seine Kernaussage zum Spiel: "In der Gruppenphase ist wichtig, dass wir beide weiterkommen. Wir schauen, was danach passiert". Das klang fast so, als hätten sich Deutschland und Polen heimlich auf das 0:0 geeinigt. Lewandowskis Äußerungen verdeutlichen damit perfekt den ersten Gedanken der Spieler bei dieser Euro: bloß nicht verlieren.

Nach dem Unentschieden sind Deutschland und Polen nun ziemlich sicher im Achtelfinale, selbst wenn sie beide ihr jeweils letztes Gruppenspiel verlieren sollten. Schließlich kommen auch die vier besten Gruppendritten weiter - und mit nun vier Punkten dürften beide am Ende ziemlich sicher dazugehören. Und so mauerten die Polen, deutsche Nationalspieler betonten derweil übereinstimmend, wie wichtig es gewesen sei, die "gefährlichen" Konter der Polen zu unterbinden. Die Offensive schien da eher zweitrangig. Ein Bild, das sich durch die gesamte EM 2016 zieht.

EM 2016: Trend zur Defensive

Es muss fast überraschen, dass es so lange bis zum ersten 0:0 gedauert hat. Ein Offensivfeuerwerk hat bei dieser Euro bislang schließlich noch keiner gezeigt. Maximal zwei Tore schossen die jeweiligen Sieger, häufigste Ergebnisse bislang: 1:0, 1:1, 2:1. Schaut man sich die Spielverläufe genauer an, fällt zudem auf, dass viele Tore erst in der Schlussphase fielen (11). Heraus kommen viele Duelle, die über die meiste Spielzeit langweilen, weil Taktik und Verteidigung im Vordergrund stehen.

Der Grund für die defensive Ausrichtung der Mannschaften liegt auf der Hand. Statt wie seit 1996 16 Mannschaften, kämpfen bei dieser Euro erstmals 24 Teams um den Einzug in die K.o-Runde. Neu ist diesmal auch das Achtelfinale, bisher startete die K.o.-Runde einer EM immer im Viertelfinale. Weil es sechs Vierergruppen gibt, kommen auch die vier besten Gruppendritten weiter. Man muss also schon Gruppenletzter werden, um sicher zu scheitern (In der deutschen Gruppe ist übrigens die Ukraine schon sicher raus).

Gründe für die Taktik

Und genau hier liegt das Problem: "Kleinere" Mannschaften wie Albanien, Nordirland oder Island haben das Niveau mit den besten mitzuhalten, das haben sie gezeigt. Aber für sie gilt mehr als für alle Top-Teams: Defensive zuerst. Denn sie haben nur dann eine realistische Chance auf einen guten dritten Platz und damit aufs Achtelfinale, wenn sie sich ihre Tordifferenz in Duellen mit den Spitzen-Teams nicht komplett versauen. Die Folge: kontrollierte Spiele, die häufig erst in der Schlussphase entschieden werden (wenn überhaupt). Das macht die Europameisterschaft für die breite Masse an Fans bisher zur Gähn-EM, zeigt aber andererseits, wie eng die europäische Spitze zusammen ist und wofür der europäische Fußball weltweit vor allem steht: für taktische Disziplin.

Die gute Nachricht: Ab jetzt kann es nur noch spannender und attraktiver werden. Schließlich geht es an den letzten Spieltagen darum, wer die Gruppe gewinnt, da müssen dann auch die Top-Teams mehr riskieren. Und über die Attraktivität von K.o.-Spielen muss man sich anschließend ohnehin keine Gedanken machen. Das sieht auch Bundestrainer Joachim Löw so. Er saß nach Spielschluss im ARD-Studio und beschrieb die Situation in der Anfangsphase dieser Europameisterschaft so: "In der Gruppenphase ist es ein Abnutzungskampf". Und dann schob er einen entscheidenden Satz hinterher: "In der K.o.-Phase wird es wahrscheinlich auch ein bisschen offener."

Deutschland in der Einzelkritik
Manuel Neuer aus der Nationalmannschaft von Deutschland vor der EM 2016
Manuel Neuer

Erste Halbzeit ungeprüft. In Durchgang zwei hatten die Polen mehrere gute Chancen, die aber alle geblockt wurden, bevor Neuer eingreifen musste. Gewohnt sicher und solide im Spielaufbau und als Anspielstation. Note 2

© Foto:Arne Dedert/DPA
Benedikt Höwedes aus Deutschland vor der EM 2016
Benedikt Höwedes

Einen Schuss zu Beginn gut geblockt, ansonsten unauffällig. Hinten insgesamt solide, aber nach vorne quasi nicht vorhanden. Fungierte in Polens Hälfte maximal als Ballwand. Offenbarte mehrfach offensive Inkompetenzen. Löw wird wissen, was er sich dabei gedacht hat, ihn zum Außenverteidiger zu machen. Note 4.

© Foto:Christian Charisius/DPA
Jerome Boateng aus Deutschland vor der EM 2016
Jérôme Boateng

Hinten sicher, in Durchgang eins abgeräumt, was kam - auch wenn das nicht viel war. In zweiter Hälfte mit Sensationsgrätsche gegen Lewandowski. Danach durchweg eine Bank. Klärte mehrfach wichtig. Note 1

© Foto:Thomas Eisenhuth/DPA
Mats Hummels aus Deutschland vor der EM 2016
Mats Hummels

Ein paar Wackler zu Beginn. Ballverlust im Aufbau gegen Lewandowski. Wurde zunehmend sicherer, aber die leichte Unsicherheit weiter spürbar. Nach der Halbzeit dann direkt mit starker, wichtiger Grätsche. Danach wieder gewohnt sicher. Note 3

© Foto:Christian Charisius/DPA
Jonas Hector aus Deutschland vor der EM 2016
Jonas Hector

Munterer Beginn. Vorne mutig, hinten solide. Ein paar gute Hereingaben, stets anspielbar. Obwohl noch nicht lange Stammkraft, sehr gut eingebunden. Insgesamt entwickelte aber auch er zu wenig Gefährliches. Note 3

© Foto:Arne Dedert/DPA
Sami Khedira aus Deutschland vor der EM 2016
Sami Khedira

Holte sich nach drei Minuten semi-nötiges Gelb ab. Ansonsten spritzig, lauffreudig und um Einfluss auf das Spiel bemüht. Räumte viel ab, in Sachen Einsatz ganz groß, konnte die Offensiv-Bemühungen aber auch nicht richtig ordnen. Note 3

© Foto:Christian Charisius/DPA
Toni Kroos aus Deutschland vor der EM 2016
Toni Kroos

Gewohnt souverän und passsicher. Taktgeber im zentralen Mittelfeld, aber weniger auffällig als gegen die Ukraine und sogar mit ein paar Fehlpässen. Dennoch mit mehreren guten Torschussvorlagen. Versuchte es mehrmals aus der Distanz. Note 3

© Foto:Adidas/DPA
Thomas Müller aus Deutschland vor der EM 2016
Thomas Müller

Ähnlich unsichtbar wie im ersten Spiel. Eine gute Aktion zu Beginn: Vorlage für Kroos, der aus 12 Metern nicht traf. Ansonsten unglücklich. Mehrere Stockfehler, brauchte oft zu lange am Ball. Nach der Pause im Sturmzentrum nicht besser. Nach Gomez-Einwechslung wieder im Mittelfeld. Insgesamt erneut blass. Note 5

© Foto:Adidas/DPA
Mesut Özil aus Deutschland vor der EM 2016
Mesut Özil

Zu Beginn etwas bemühter als beim Auftakt. Insgesamt aber blass. Im letzten Drittel zu verspielt. Will immer nochmal durchstecken, statt mal zu schießen. Rund 20 Minuten vor Schluss dann guter Abschluss aus 14 Metern. In Durchgang zwei verbessert, riss aber nichts. Note 4

© Foto:Thomas Eisenhuth/DPA
Julia Draxler aus Deutschland vor der EM 2016
Julian Draxler

Solider Beginn. Versuchte immer mal wieder ins 1-gegen-1 zu gehen. Konnte aber keine Ausrufezeichen setzen. Wich nach 70 Minuten Gomez. Insgesamt eher enttäuschend. Note 4

© Foto:Christian Charisius/DPA
Mario Götze aus Deutschland vor der EM 2016
Mario Götze

Erste Halbzeit im Sturmzentrum abgesehen von einem Kopfball nach vier Minuten nicht zu sehen. Oft unglücklich. Zur Pause in die Dreierreihe zurückbeordert, sofort eine Großchance nach gutem Kroos-Zuspiel, scheiterte aus 15 Metern. Nach 65 Minuten raus - kann so viel mehr, blieb insgesamt blass. Note: 5

© Foto:Uwe Anspach/DPA
André Schürrle aus Deutschland vor der EM 2016
André Schürrle

Kam in Minute 65 für Götze. Sofort gute Vorlage für Özil, der aus 12 Metern am polnischen Keeper scheiterte. Machte vom Start weg Dampf und sorgte für Wirbel. Kreierte mehrfach gefährliche Situationen. Note 2

© Foto:Arne Dedert/DPA
Mario Gomez aus Deutschland vor der EM 2016
Mario Gomez

Kam in der 70. Minute für Draxler. Hatte in den 20 Minuten keine nennenswerte Szene. Note 4

© Foto:Christian Charisius/DPA


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