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Analyse

Deutschlands Remis gegen Polen: Was Löw ändern muss und wohl auch wird

Beim 0:0 gegen Polen zeigt die Nationalelf vor allem Schwächen in der Offensive. Grund zu allzu großer Sorge sollte die deutsche Leistung aber nicht geben - der Bundestrainer wird die richtigen Schlüsse ziehen.

Von Mathias Schneider, Paris

Deutschland gegen Polen: Toni Kroos (r.) im Zweikampf mit Robert Lewandowski

Toni Kroos (r., hier im Zweikampf mit Robert Lewandowski) nach dem Spiel gegen Polen: "Haben zu wenig daraus gemacht."

Sechs Monate ist es nun her, dass die deutsche Nationalmannschaft im Stade de France die dunkelste Stunde ihrer Länderspielgeschichte erlebte. Der Terror regierte in jener Nacht und mancher deutscher Nationalspieler hatte einige Tage am den Erlebten zu knabbern. Zwar befand sich kein Mitglied des deutschen Trosses damals in Gefahr, doch die Angst ist ein schmutziger Gegner. Nicht selten nähert sie sich von hinten. Schleicht sich an. Weckt alte Sorgen.

EM 2016: Zumindest unbeschwerte Stimmung

Es war also nicht ganz klar, welche Gefühle die Rückkehr nach Saint Denis triggern würde, doch es ist dann einfach nur ein, zumindest was die Stimmung anbelangt, beschwingter Fußballabend gewesen. Als ein Nationalspieler nach dem anderen sich nach der Partie durch den sich windenden Gang zum Bus aufmachte, war schon lange kein Platz mehr für irgendeine Form von Unbehagen. Das lag natürlich neben dem wohlgestimmten deutschen Anhang an der imposanten polnischen Kurve. Wenn das Team in Rot ein Geheimtipp ist, so muss dies auch für den Anhang gelten. Es gibt ja nicht viele Fans in Europa, die ihr Team mit solcher Inbrunst und Ausgelassenheit anzufeuern verstehen. Die durchweg freudvolle Haltung hätte nicht besser zu diesem Ort passen können. Sollte bei manchem Rückkehrer an die Stätte der Anschläge noch ein Restbestand an Angst vorhanden gewesen sein, so war sie schon vor dem Anpfiff von so viel Euphorie vertrieben.

Deutschland in der Einzelkritik
Manuel Neuer aus der Nationalmannschaft von Deutschland vor der EM 2016
Manuel Neuer

Erste Halbzeit ungeprüft. In Durchgang zwei hatten die Polen mehrere gute Chancen, die aber alle geblockt wurden, bevor Neuer eingreifen musste. Gewohnt sicher und solide im Spielaufbau und als Anspielstation. Note 2

© Foto:Arne Dedert/DPA
Benedikt Höwedes aus Deutschland vor der EM 2016
Benedikt Höwedes

Einen Schuss zu Beginn gut geblockt, ansonsten unauffällig. Hinten insgesamt solide, aber nach vorne quasi nicht vorhanden. Fungierte in Polens Hälfte maximal als Ballwand. Offenbarte mehrfach offensive Inkompetenzen. Löw wird wissen, was er sich dabei gedacht hat, ihn zum Außenverteidiger zu machen. Note 4.

© Foto:Christian Charisius/DPA
Jerome Boateng aus Deutschland vor der EM 2016
Jérôme Boateng

Hinten sicher, in Durchgang eins abgeräumt, was kam - auch wenn das nicht viel war. In zweiter Hälfte mit Sensationsgrätsche gegen Lewandowski. Danach durchweg eine Bank. Klärte mehrfach wichtig. Note 1

© Foto:Thomas Eisenhuth/DPA
Mats Hummels aus Deutschland vor der EM 2016
Mats Hummels

Ein paar Wackler zu Beginn. Ballverlust im Aufbau gegen Lewandowski. Wurde zunehmend sicherer, aber die leichte Unsicherheit weiter spürbar. Nach der Halbzeit dann direkt mit starker, wichtiger Grätsche. Danach wieder gewohnt sicher. Note 3

© Foto:Christian Charisius/DPA
Jonas Hector aus Deutschland vor der EM 2016
Jonas Hector

Munterer Beginn. Vorne mutig, hinten solide. Ein paar gute Hereingaben, stets anspielbar. Obwohl noch nicht lange Stammkraft, sehr gut eingebunden. Insgesamt entwickelte aber auch er zu wenig Gefährliches. Note 3

© Foto:Arne Dedert/DPA
Sami Khedira aus Deutschland vor der EM 2016
Sami Khedira

Holte sich nach drei Minuten semi-nötiges Gelb ab. Ansonsten spritzig, lauffreudig und um Einfluss auf das Spiel bemüht. Räumte viel ab, in Sachen Einsatz ganz groß, konnte die Offensiv-Bemühungen aber auch nicht richtig ordnen. Note 3

© Foto:Christian Charisius/DPA
Toni Kroos aus Deutschland vor der EM 2016
Toni Kroos

Gewohnt souverän und passsicher. Taktgeber im zentralen Mittelfeld, aber weniger auffällig als gegen die Ukraine und sogar mit ein paar Fehlpässen. Dennoch mit mehreren guten Torschussvorlagen. Versuchte es mehrmals aus der Distanz. Note 3

© Foto:Adidas/DPA
Thomas Müller aus Deutschland vor der EM 2016
Thomas Müller

Ähnlich unsichtbar wie im ersten Spiel. Eine gute Aktion zu Beginn: Vorlage für Kroos, der aus 12 Metern nicht traf. Ansonsten unglücklich. Mehrere Stockfehler, brauchte oft zu lange am Ball. Nach der Pause im Sturmzentrum nicht besser. Nach Gomez-Einwechslung wieder im Mittelfeld. Insgesamt erneut blass. Note 5

© Foto:Adidas/DPA
Mesut Özil aus Deutschland vor der EM 2016
Mesut Özil

Zu Beginn etwas bemühter als beim Auftakt. Insgesamt aber blass. Im letzten Drittel zu verspielt. Will immer nochmal durchstecken, statt mal zu schießen. Rund 20 Minuten vor Schluss dann guter Abschluss aus 14 Metern. In Durchgang zwei verbessert, riss aber nichts. Note 4

© Foto:Thomas Eisenhuth/DPA
Julia Draxler aus Deutschland vor der EM 2016
Julian Draxler

Solider Beginn. Versuchte immer mal wieder ins 1-gegen-1 zu gehen. Konnte aber keine Ausrufezeichen setzen. Wich nach 70 Minuten Gomez. Insgesamt eher enttäuschend. Note 4

© Foto:Christian Charisius/DPA
Mario Götze aus Deutschland vor der EM 2016
Mario Götze

Erste Halbzeit im Sturmzentrum abgesehen von einem Kopfball nach vier Minuten nicht zu sehen. Oft unglücklich. Zur Pause in die Dreierreihe zurückbeordert, sofort eine Großchance nach gutem Kroos-Zuspiel, scheiterte aus 15 Metern. Nach 65 Minuten raus - kann so viel mehr, blieb insgesamt blass. Note: 5

© Foto:Uwe Anspach/DPA
André Schürrle aus Deutschland vor der EM 2016
André Schürrle

Kam in Minute 65 für Götze. Sofort gute Vorlage für Özil, der aus 12 Metern am polnischen Keeper scheiterte. Machte vom Start weg Dampf und sorgte für Wirbel. Kreierte mehrfach gefährliche Situationen. Note 2

© Foto:Arne Dedert/DPA
Mario Gomez aus Deutschland vor der EM 2016
Mario Gomez

Kam in der 70. Minute für Draxler. Hatte in den 20 Minuten keine nennenswerte Szene. Note 4

© Foto:Christian Charisius/DPA

Ein Fußballfest folgte dann allerdings leider nicht, was diesmal nicht an den Umständen lag. Stattdessen müssen dem Bundestrainer seherische Fähigkeiten attestiert werden. Vor "Abnützungskämpfen" hatte Löw im Vorfeld immer wieder gewarnt mit Blick auf die Gruppe C. Er hatte da allerdings eher an die Ukraine und die am Dienstag die Trilogie beendenden Nordiren gedacht. Tatsächlich stellten auch die Polen mit neun Mann die eigene Hälfte zu. Dass ihnen dennoch die zwei besten Chancen des Spiels zuzuschreiben waren, sagt viel aus über ihre Kunst, aus einer massierten Deckung heraus gezielt für Wirkungstreffer zu sorgen.


Deutschland-Polen 0:0: Offensive offenbart Probleme

Nicht umsonst erfreute man sich im deutschen Lager an der eigenen Defensive, die sich zum Leidwesen von Löw allerdings in jeder Hinsicht noch einmal in eine Innen- und Außenverteidigung unterteilt. Im Zentrum gesellte sich zum imperialen Boateng diesmal wieder ein starker Hummels, sodass das magische Defensivdreieck mit Neuer im Tor wieder komplett war. "Die beiden Innenverteidiger haben sehr gut verteidigt", lobte Löw. Außen konnten die Herren Hector und Höwedes allerdings mit dem vorgelegten Niveau abermals nicht Schritt halten. Immerhin, nach dem 2:0 gegen die Ukraine blieben die Elf abermals ohne Gegentor.

Allerdings offenbarte die Offensive abermals jene Probleme, die Löw bereits vor dem Turnier identifiziert hatte. Im sogenannten "letzten Drittel", vor des Gegners Tor, sind die Deutschen bislang nur selten zu Gast. "Wir haben dort das Tempo nicht erhöht, sondern immer wieder abgebrochen", monierte Löw. Aber er mache sich selbstverständlich keine Sorgen. Auch Hummels, Höwedes oder Neuer erweckten in ihren Analysen den Eindruck, als befinde man sich noch im Soll auf dem Weg zum Gipfel.

Dürre vorm gegnerischen Tor muss nichts heißen

Nur Jerome Boateng hielt sich nicht ans Skript und wetterte, so werde man "nichts gewinnen". Schon auf dem Feld ließ er Müller, Schürrle und auch Höwedes wissen, was er von ihrer Verteidigung hielt. Dem Gesicht nach zu urteilen, kann es nicht viel gewesen sein. Von "zu wenig Esprit" nach vorne bilanzierte Thomas Müller. Es stört ihn schon, dass ausgerechnet sein Department dieser Tage nicht die gestellten Quartalsziele erfüllt, aber wirklich beunruhigt wirkte auch er nicht..

Tatsächlich lohnt ein Blick in die jüngere Vergangenheit, um zu erkennen, dass eine gewisse Dürre vor dem Tor des Gegners durchaus nichts heißen muss. Vor zwei Jahren taumelten die Deutschen in Brasilien im zweiten Spiel gegen Ghana zu einem 2:2 und erspielten sich auch danach gegen die USA, Algerien und Frankreich nur sehr dosiert Chancen. Das Ergebnis ist bekannt.

Doch auch in anderer Hinsicht scheint sich Geschichte zu wiederholen. Mit Mario Götze im Sturmzentrum tut sich die Elf schwer, Anspielstationen zu finden. Bricht ein Außenverteidiger doch einmal zur Grundlinie durch und flankt in die Mitte, stand Götze auf verlorenem Posten. In Brasilien hatte er sich auch während des Turniers aus der Stammformation gespielt. Müller und Özil vermochten nicht, ihn in Strafraumnähe am Boden anzuspielen. Draxler bleibt ein Versprechen, das abermals nicht den Verdacht vertreiben konnte, ihm fehle die Dynamik, um wirklich einmal durch ein Abwehrbollwerk zu brechen.

EM 2016: Dienstag gegen Nordirland

Es spricht deshalb nicht wenig dafür, dass Löw am Ende auf die Rezeptur aus Brasilien zurückgreift, spätestens wenn es in die K.o-Phase geht. Dann könnte Schweinsteiger neben Khedira ins defensive Mittelfeld rücken und Kroos als Passgeber hinter die Spitzen rücken, wo er dringend benötigt wird. Özil fände sich dann allerdings abermals auf dem ungeliebten linken Flügel wieder, Müller bliebe rechts und vorn kämpften wohl Gomez und Götze um den Platz in der Spitze.

Bis auf weiteres marschiert Deutschland aber weiterhin lautlos durch seine Gruppe. Ohne Glanz. Ohne zu enttäuschen. Viel deutet darauf hin, dass es am Ende als Gruppensieger weiter kommt. Dann wollen sie da sein. Noch fehlt ein wirklich überzeugender Sieg, um endgültig im Turnier anzukommen. Am Dienstag geht es gegen Nordirland.

Zeit, die Schlagzahl zu erhöhen.

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