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Viertelfinalduell bei EM 2016: Trauma gegen Italien? Was die DFB-Elf wirklich davon hält

Vor vier Jahren erlitt die Nationalmannschaft gegen Italien die schwerste Niederlage der Ära Löw. Spuren hinterlassen hat sie nicht. Denn am Samstag tritt eine gereifte Elf an.

Die DFB-Elf beim Training in Evian drei Tage vor dem Spiel gegen Italien

Profis wie Müller, Neuer, Boateng oder Kroos nehmen sich Spiel für Spiel nur noch der gestellten Aufgabe an, der emotionale Überbau bei einem Spiel gegen Italien fällt längst weg

Letztlich muss es eine einseitige Angelegenheit gewesen sein. Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller wehrten sich, natürlich. Allein, manche Niederlage lässt sich nicht verhindern. Sie erfolgt mit einer beängstigenden Zwangsläufigkeit, immer wieder. An der Motivation hat es auch diesmal nicht gelegen, zu viel stand auf dem Spiel. Doch selbst ein Weltmeister stößt an seine Grenzen. Zumal, wenn der Gegner so unterkühlt zu Werke geht.

Also: Keine Chance gegen die zwei Physiotherapeuten. Nicht beim Golfspielen.

Sie haben ja am Montag noch einmal kollektiv durchgeatmet. Hummels und Gomez beim Beachvolleyball, Müller beim Basketball, Hummels sprang gar vom Zehnmeterturm, nicht wenige haben sich dabei schon das Kreuz verrenkt. Vielleicht sollten sie beim DFB in Zukunft nach den Spielen lieber ein exzessives Zirkeltraining ansetzen, die Erholung wäre wohl größer.

Kein Duell wird stärker mystifiziert

Aber natürlich dient derlei Leibesertüchtigung am freien Tag in erster Linie der geistigen Erbauung. Der Fußballer, er muss den Kopf frei bekommen, denn am Samstag wird es dann richtig ernst. Im EM-Viertelfinale wartet - Italien.

Es gibt ja kein Duell in der DFB-Geschichte, das stärker mystifiziert wird, als jenes gegen die sogenannte "Squadra Azzurra". Das liegt natürlich weniger am fulminanten Fußball, der im Süden Europas zur Aufführung kommt, sondern eher an dem Umstand, dass die kühlen Pragmatiker des Weltfußballs in den vergangenen zehn Jahren La Mannschaft zweimal gezeigt haben, was es heißt, im Verbund zu verteidigen. 2006 war in der Verlängerung des WM-Halbfinales Schluss, 2012 zerschellte die deutsche Elf an Mario Ballotelli und einer eigenen kruden Taktik. Joachim Löw hat für diesen Fauxpas längst mannhaft die Verantwortung übernommen.

Und doch liegt zwischen den beiden Rivalen nichts als Sympathie in der Luft, wenn man am Mittwoch Manuel Neuer so zuhört. Maximaler Respekt eint ihn mit Gianluigi Buffon und auch der Bundestrainer klang am Vortag, als spreche er von einer Geliebten: "Ich freue mich wahnsinnig auf Italien." Als die unvermeidliche Frage kam, ob ihm die Partie von 2012 noch nachhänge, antwortete er heiter: "Wir haben kein Italien-Trauma.“

Italien ist ein Chance für Löw

Man muss ihm das glauben. Genau genommen stellen diese Italiener für Löw eher Chance als Last dar. Es ist nicht weniger als eine Chance zur Geschichtsbegradigung. Nach dem 1:2 von Warschau musste Löw ja bis zum WM-Titel von Rio gegen den Verdacht anarbeiten, der Trainer Löw sei womöglich überhaupt nicht in der Lage, einen Champion zu formen. Die Niederlage damals war nicht weniger als eine Zäsur für Löw, er hat das dieser Tage noch einmal bestätigt. Und Rio hat Löw verändert.

Er verfügt seither über eine unverschämte Selbstgewissheit, und wenn man Thomas Müller so zuhört, wie er am Mittwoch über diese Italiener referierte, die ihn noch 2012 zu Tränen trieben, so gilt dies offenbar auch für seine Spieler. "Ich sehe uns in guter Ausgangsposition, dass wir auch am Samstag weiterkommen." Die Mannschaft mache auf ihn einen "geschlosseneren, reiferen Eindruck". Manuel Neuer erklärte, der Triumph von Rio habe die Truppe verändert. Er spricht von einer "positiven Turniererfahrung". Man kann das eine leichte Untertreibung nennen.

Es wird demnach diesmal eine andere Elf sein, die am Samstag gegen die Italiener aufs Feld tritt. Und es wird ein anderer Löw sein, der sie an der Seitenlinie betreut. Wer sich eingehend mit Profis über deren Alltag unterhält, über die Menge an Spielen, die zu absolvieren sind, der muss die Frage nach einer besonderen Beziehung zum Gegner Italien für diese Generation als irrelevant einstufen.

Für Neuer und Co. ein Spiel wie gegen Slowakei

Längst nehmen sich Männer wie Müller, Neuer, Boateng oder Kroos Spiel für Spiel nur noch der gestellten Aufgabe an, der emotionale Überbau fällt längst weg. "Für mich persönlich ist die mentale Einstellung keine andere als gegen die Slowakei. Es ist ein weiteres Finale", erklärte Neuer, fragt man ihn, ob ein Gegner der Größe Italien nicht die Sinne eher schärfe als die Slowakei. Es ist deshalb geradezu grotesk zu glauben, das Spiel von 2012 wirke noch in die Gegenwart. Es muss Männern wie Müller schließlich so erscheinen, als habe es in einem anderen Leben stattgefunden.

Denn neben dem WM-Sieg sind sämtliche Bayern-Profis um die Gewissheit des Champions-League-Sieges reicher. Toni Kross gewann mit Real Madrid in diesem Jahr die Champions League zum zweiten Mal. Man wird eine deutsche Elf am Samstag erleben, die nicht nur im Zenit ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit steht, sondern auch vor Selbstüberzeugung förmlich platzt.

Löw mag diese Italiener für ihre Verteidigungskunst am Dienstag mit Lob überhäuft haben, er wird sie diesmal zu bespielen wissen. Es gilt ab sofort der Satz des Torwarttrainers Andreas Köpcke: "Wir sind bereit, die Geschichte umzuschreiben."


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