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EM-Spiel gegen Ungarn Ein Spiel für den Giftschrank: Ohne Flügelzange geht bei Deutschland nichts

EM-Spiel gegen Ungarn: Ein Spiel für den Giftschrank: Ohne Flügelzange geht bei Deutschland nichts
Sehen Sie im Video: Löw nach Zitterspiel gegen Ungarn – In Wembley "gibt es kein Pardon mehr!"




Nach einem intensiven 2:2 gegen Ungarn zieht Jogi Löw folgende Bilanz: "Ja, das war eines der schwierigsten Spiele überhaupt. Das muss man sagen. Aber das war im Vorfeld eigentlich auch von uns fast so erwartet. Ja, wie gesagt, die bringen die Gegner schier in Verzweiflung mit ihrer defensiven Organisation und mit ihrem Zweikampfverhalten und mit den Räumen zulaufen. Zwar klar, ich gebe nicht zu viele Räume wie gegen Portugal, wenn man gegen Gegner natürlich in Rückstand gerät. Zweimal. Da wird natürlich immens schwierig. Wir haben heute wirklich auch keine, fast keine Räume gefunden und auch keine Räume irgendwie geöffnet. In deren Defensive. Von daher war schwierig, was die Mannschaft gezeigt hat, war extrem gute Mentalität und viel Moral. Wir sind dran geblieben, haben uns nicht irgendwie ganz verrückt machen lassen. Von einem Rückstand auch nach unserem Ausgleich weiter drangeblieben. Wir haben Fehler gemacht, aber die Mentalität der Mannschaft war klasse." Der nächste Gegner der DFB-Elf ist England. "In England wird es zumindest einmal ein ganz anderes Spiel, weil die Engländer müssen zu Hause sicherlich auch nach vorne spielen, es gibt ein offenes Spiel, offener als es eben jetzt war, und von daher müssen wir ein paar Dinge logischerweise korrigieren. Da müssen wir schon auch jetzt absolut auf der Hut sein, weil so Flanken in den 16er Standardsituationen, da gibts jetzt natürlich auch kein Pardon mehr. Da müssen wir jetzt wirklich auch die Dinge besser machen. Absolut. Aber vor dem Spiel England. Es gibt ein anderes Spiel, was uns sicherlich entgegenkommt." Das Achtelfinale ist am Dienstag um 18 Uhr in Wembley.
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Die deutsche Nationalmannschaft entgeht beim 2:2 gegen Ungarn nur knapp einer Blamage. Die ernüchternde Erkenntnis: Wenn die Flügelzange nicht greift, kollabiert gleich das komplette Offensivspiel der Deutschen.
Sepp Herberger hätte dieses Wetter geliebt, war es doch genau "dem Fritz sein Wedder". Regen, Wind, ein seifiger Rasen, das mochte Fritz Walter, der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Und tatsächlich schaffte das Team der jungen Bundesrepublik im Berner Wankdorf-Stadion Unglaubliches. Im Finale rang es Ungarn, den großen Favoriten nieder, 3:2, weil Fritz Walter ein überragendes Spiel machte und natürlich Helmut Rahn aus dem Hintergrund schoss.
Und am Mittwochabend, wieder gegen Ungarn, diesmal im regennassen, von Orkanböen heimgesuchten Münchener Stadion, gelang dem deutschen Nationalteam erneut Historisches: Es quälte sich über 90 Minuten gegen diese spielerisch limitierte Mannschaft zu einem 2:2. Es entging nur knapp einer Blamage, und wäre der Ball nicht eher zufällig vor die Füße von Kai Havertz und Leon Goretzka gerollt, die ihn ins ungarische Tor wuchteten – Deutschland wäre in der Vorrunde der Europameisterschaft ausgeschieden, als Gruppenletzter. So wie schon bei der WM 2018 in Russland.
Joshua Kimmich kann sich im EM-Spiel gegen Ungarn nicht durchsetzen
Joshua Kimmich versucht vergebens, sich gegen den Ungarn Attila Fiola durchzusetzen. Kommt die Flügelzange des DFB-Teams nicht in Gang, hat die Mannschaft keine Offensivkraft mehr.
© Kai Pfaffenbach / AFP

Joachim Löw: einsilbige Selbstkritik

Man mag Joachim Löw schuldmindernd anrechnen, dass er noch unter Schock stand, als er kurz vor Mitternacht zur internationalen Pressekonferenz kam. Löw lobte die "extrem gute Mentalität und Moral" seiner Mannschaft, und weil er gerade dabei war, Komplimente zu verteilen, sagte er noch ein paar nette Wort über den Gegner: Die Ungarn hätten "alles in die Waagschale" geworfen, "stark verteidigt" und dem DFB-Team "eines der schwierigsten Spiele überhaupt" bereitet.
Die Selbstkritik fiel seltsam knapp aus. Löw bemühte sich um einen Blick nach vorn. Man habe "die allerschwierigste Gruppe überstanden", jetzt warte England im Achtelfinale – "das wird ein offenes, ein völlig anderes Spiel".

Löw ohne Plan B

Auch wenn die Partie gegen Ungarn mit einem Unentschieden endete, so zählt sie doch zu den schwächsten in der Ära Löw. 0:2 gegen Südkorea bei der WM 2018, 0:6 gegen Spanien im November 2020, 1:2 gegen Nordmazedonien im März 2021 – auch das Ungarn-Spiel muss in den Giftschrank des DFB einsortiert werden.
Über 90 Minuten hatten weder Löw noch seine Mannschaft eine Idee, wie diese Ungarn zu knacken sind. Die zwei Defensivketten mit jeweils vier Spielern, ein durchaus bekanntes Abwehrsystem, stellte das DFB-Team vor unlösbare Probleme. Die Flügelzange mit Robin Gosens und Joshua Kimmich, die beim 4:2 gegen Portugal noch brilliert hatte, sie griff am Mittwochabend nicht. Einen Plan B hatte Löw nicht. Wohl auch deshalb durfte Gosens bis kurz vor Schluss auf dem Feld bleiben, obwohl er keine einzige starke Szene hatte. Durch die Mitte, wo Toni Kroos und Ilkay Gündogan die Regie führten, ging nichts. Da half es auch wenig, dass Kimmich zeitweise das Zentrum zu verstärken versuchte.
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Die Hochveranlagten finden keine Lösung

Das ist die ernüchternde Erkenntnis des Ungarn-Spiels: Wenn das Flügelspiel nicht funktioniert, kollabiert die komplette Offensive. Spielerische Lösungen findet diese technisch so hochveranlagte DFB-Elf derzeit nicht; sie kann den Erfolg nur mit Tempo und Wucht erzwingen.
Im Kern war dieses Problem schon im ersten EM-Spiel gegen Frankreich zu beobachten. Auch die Franzosen standen tief im eigenen Strafraum, auch sie arbeiteten mit zwei Viererketten. Deutschland unterlag 0:1, tröstete sich aber damit, immerhin gegen den Weltmeister verloren zu haben, den großen Favoriten auf den EM-Titel 2021.

Zurück in die Eistonne!

Schwach waren die Deutschen auch wieder bei den Standardsituationen. Eck- und Freistöße segelten unpräzise in den ungarischen Strafraum – ein Problemfeld, das Löw im Team-Camp in Herzogenaurach eigentlich hatte bearbeiten wollen in den zurückliegenden Tagen. Auf diese chronische Schwäche angesprochen, sagte Löw nur: "Bei den Standardsituationen gibt es jetzt kein Pardon mehr."
Das Ungarn-Spiel war aus deutscher Sicht ein ernüchternd, aber es hatte ein gutes, ein glückliches Ende. Viele Beobachter fühlten sich auch deshalb an das WM-Achtelfinale 2014 gegen Algerien erinnert, als Deutschland erst in der Verlängerung mit 2:1 gewann. Auch so ein gefühlter Tiefpunkt, der letztlich zum Wendepunkt für das Team von Joachim Löw werden und zum Titelgewinn führen sollte. Die Mannschaft straffte sich, sie rückte zusammen und immunisierte sich gegen Kritik von außen. Am wehrhaftesten war damals der Verteidiger Per Mertesacker, der dem ZDF-Reporter Boris Büchler ein mittlerweile legendäres Interview gab. "Watt wollnse?", blaffte Mertesacker nach Spielende. "Ich leg mich jetzt drei Tage in die Eistonne, und dann werden wir das Spiel in Ruhe analysieren."
Auch jetzt würde der deutschen Mannschaft ein ausgiebiges Bad in der Eistonne guttun. Bis zum nächsten Dienstag, wenn die Mannschaft im Londoner Wembley-Stadion gegen England antritt, ist noch ein wenig Zeit. Kapitän Manuel Neuer jedenfalls ist optimistisch für das England-Spiel. "Wembley liegt uns", sagt Neuer. Der Blick in die jüngere Fußball-Geschichte bestätigt ihn. 1996 wurde Deutschland in Wembley mit einem 2:1-Sieg gegen Tschechien Europameister.

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