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Europa League: Von Rangnick zu Stevens - Schalke vor dem Europa League-Spiel gegen Bukarest

"Huub, Huub, Hurrah!“, oder Reaktionär? Zwei Monate nach Amtsantritt haben wir uns die Arbeit von Huub Stevens auf Schalke angesehen. Wie viel Ragnick steckt noch in Schalke und was ist an den Gerüchten dran, der neue Stevens lasse Offensivfußball spielen? Wir entzaubern Stevens 2.0.

Nicht alle Schalke-Fans schrien "Huub, Huub, Hurrah!“ als bekannt wurde, dass Huub Stevens die Nachfolge von Ralf Rangnick antritt. Dabei ist Stevens Trainer der Schalker Jahrhundertelf und gewann den UEFA-Cup 1997 mit den Knappen, holte dazu zwei Mal den DFB-Pokal (2001,2002). Doch er hinterließ auch die Erinnerung an Defensivfußball, prägte den Satz "Die Null muss stehen“ und war eher dafür bekannt, auf erfahrene Spieler zu setzen, als jungen Talenten das Vertrauen zu schenken.

Gibt es den Huub 2.0?

Der alte Huub Stevens war der Gegenentwurf zu Jürgen Klopp, der für die erfolgreiche Entwicklung einer jungen Mannschaft und erfrischenden Offensivfußball steht. Doch nachdem "Schalkes-Klopp“, Ralf Rangnick, aus gesundheitlichen Gründen passen musste, nahm man sich in Gelsenkirchen den FC Bayern zum Vorbild und holte einen Trainer alter Schule. "Wir wollten keine Experimente, sondern Sicherheit und Stabilität. Deswegen haben wir uns für Huub Stevens entschieden“, begründete Horst Heldt diese Maßnahme Ende September.

Zwei Monate nach Amtsantritt wagen wir eine erste Bilanz des neuen alten Schalke Trainers und prüfen, was sich unter dem Niederländer auf Schalke verändert hat. Hat er Rangnicks Arbeit weitergeführt, ist er immer noch der alte Defensivfanatiker oder gibt es wirklich einen neuen Huub Stevens?

Die Veränderungen - Spielsystem

Unter Ralf Rangnick spielte Schalke meist das 4-2-3-1-Sytem. Stevens behielt dies zunächst bei, doch mit der Zeit kristallisiert sich unter seiner Führung ein 4-4-2 heraus. Dabei lässt Stevens mit zwei tief stehenden defensiven Mittelfeldspielern agieren (Jermaine Jones und Lewis Holtby), zwei etwas offensiveren Außenspielern (Julian Draxler und Jefferson Farfan) und zwei Spitzen (Klaas-Jan Huntelaar und Raul). Wobei der Spanier sich zur Unterstützung des Spielaufbaus oft etwas fallen lässt. Stevens bezeichnete Raul als "Neuneinhalber“.

Die Veränderungen - Personal

Auch im Bereich Personal veränderte Stevens zunächst wenig. Da der Kader mit sehr vielen offensiven Mittelfeldspielern bestückt ist (Holtby, Draxler, Baumjohann, Jurado, Farfan, Moravek) blieb dem knurrigen Niederländer auch nicht viel übrig, als eine Vielzahl offensiver Spieler aufzustellen. "Wir haben so viel Potenzial in der Offensive, diese Stärken müssen wir ausnutzen", kündigte Stevens bei Amtsantritt an. Nach einiger Zeit und einem ersten Misserfolg gegen Kaiserslautern (1:2) kristallisierten sich die ersten personellen Veränderungen heraus.

Der kampfstarke Jermaine Jones wurde zum Stammspieler im defensiven Mittelfeld. Die defensivschwachen Jurado und Baumjohann waren nicht mehr gefragt. Julian Draxler, der durch eine starke Passquote und weniger Ballverluste als Baumjohann und Jurado glänzt, ist seitdem gesetzt. Statt der offensivstarken Marco Höger oder Atsuto Uchida verteidigte nun Kapitän Benedikt Höwedes auf der rechten Seite in der Viererkette. Christoph Metzelder musste auf die Bank, für ihn und Höwedes spielen nun Joel Matip und Kyriakos Papadopoulos zentral in der Viererkette.

Fazit: Personell sind vor allem Jones, Draxler und die beiden jungen Defensivspieler Matip und Papadopoulos die Gewinner unter Stevens. Dagegen fanden sich Metzelder, Höger, Uchida, Jurado und Baumjohann meist nur auf der Bank wieder. Stevens bestätigt damit nicht das Klischee, er würde einen erfahrenen Spieler immer einem jungen vorziehen. Gerade das Beispiel Matip für Metzelder und sein Faible für den 18-jährigen Draxler sprechen gegen diesen Eindruck vergangener Tage. Allerdings zeigt die Umstellung von Höwedes auf rechts, dass Stevens seine Vorliebe für eine defensive Aufstellung nicht abgelegt hat.

Die Veränderungen - Taktische Ausrichtung

Rangnicks Vorlieben im taktischen Bereich sind kein Geheimnis. Der "Professor“ baute auch auf Schalke auf frühes Pressing und ein aggressives Spiel gegen den Ball. Der Gegner sollte in der gegnerischen Hälfte unter Druck gesetzt werden, um möglichst früh Ballverluste zu provozieren und so zu Torchancen zu kommen. Das ist risikoreich, aber attraktiv und kann bei eingeübter Praktizierung und dem richtigen Spielermaterial zu erfolgreichem Offensivfußball führen.

Unter Stevens fand in diesem Bereich der wohl größte Wandel statt. Der Niederländer entwickelte Schalke zu einer Kontermannschaft. Aus einer Ordnung mit zwei dicht gestaffelten Viererketten setzt Stevens auf schnelle Konter. Dabei stehen die Schalker tief, lassen den Gegner kommen, um dann zu schnellen Gegenstößen überzugehen. Gegen Nürnberg (4:0) war diese Taktik gut zu erkennen. Was in diesem Spiel allerdings auch zu erkennen war: die spielerische Armut.

Im Heimspiel gegen Hoffenheim hatte der Gegner aus dem Kraichgau 58,5 Prozent Ballbesitz (Daten Bundesliga.de). Nürnberg hatte auf Schalke 57 Prozent Ballbesitz. Schalke gibt sich vor eigenem Publikum als Konterteam, anstatt das Spiel zu machen. "Wir wissen, dass wir nicht den besten, sondern den effektivsten Fußball gespielt haben“, bemühte sich Lewis Holtby anschließend fast entschuldigend, das 4:0 gegen den Club zu erklären.

Dabei erklärte Holtby im kicker-Interview unlängst, woran es liegt. Unter Rangnick hatte er das "offensiv verteidigen“ gelernt. Er sollte "sehr früh auf den Gegner draufgehen.“ Unter Stevens passte das nicht mehr, der Niederländer lasse "kompakter stehen.“ Gegen Dortmund und auch in Leverkusen fand die Mannschaft allerdings kaum einen Weg aus der Defensive. Stärkere Gegner ersticken die Konterversuche im Keim. Dann hilft nur ein Geniestreich von Farfan, wie in Leverkusen.

Fazit: Stevens krempelte die Spielweise der Schalker um. Statt hoch verteidigen und frühem Pressing, heißt es jetzt kompakt stehen und kontern. Der bisherige Erfolg gibt Stevens recht. Er gewann sieben seiner elf Spiele nach Amtsantritt, zwei Mal hieß es Unentschieden bei zwei Niederlangen. Mit 28 Treffern stellen die Schalker den dritterfolgreichsten Angriff der Liga. Aber reicht das aus?

Die anspruchsvollen Schalker-Fans schielen derzeit durchaus mal zum Nachbar aus Dortmund rüber, der spielerisch ein ganz anderes Kaliber auffährt, doch können die Knappen das überhaupt liefern, was viele Fans wollen? Erfolg und spielerische Klasse?

Das spielerische Problem auf Schalke

Die Kritik an Lewis Holtby nach dem verlorenen Revier-Derby ließ aufhorchen: "Er ist erst 21, doch er sollte weiter sein als ein Julian Draxler mit seinen 18 Jahren. Lewis muss sich mehr präsentieren und in die Häuptlings-Rolle hineinwachsen. Denn sonst haben wir ohne den verletzten Jefferson Farfan keine Lösungen. Seine Qualität hat uns an allen Ecken und Enden gefehlt“, so Huub Stevens laut bild.de. Zusammengefasst: Wenn Holtby einen schlechten Tag erwischt und Farfan nicht dabei ist, dann ist von Schalke in Sachen Kreativität nichts zu erwarten.

Betrachtet man sich die Spiele der Schalker in dieser Saison, ist es tatsächlich auffällig, wie wenig spielerische Impulse die Mannschaft entwickelt. Eigene Angriffe werden entweder über die Außenverteidiger initiiert, die dann versuchen die offensivstarken Flügelspieler in Szene zu setzen, oder es läuft über die Achse Holtby-Raul durch das Zentrum.

Lautern und der BVB zeigten die Schwächen auf 

Wenn die Außen allerdings früh attackiert werden, zum Teil sogar gedoppelt, wie es Dortmund oder Kaiserslautern verstanden, dann liegt die Spieleröffnung der Schalker brach, denn: Lewis Holtby ist noch lange kein Toni Kroos oder gar Bastian Schweinsteiger. Steht ihm jemand auf den Füßen, wie in Dortmund oder auch gegen Wolfsburg, dann taucht er ganz schnell ab. Zum Teil versteckt er sich sogar, oder schenkt die Bälle durch hektische Aktionen schnell wieder her.

Raul spielt unter Stevens wieder etwas offensiver, dadurch fehlt ihm oft die Bindung zum Spiel. Allerdings befindet sich der Spanier auch in einer kleinen Formkrise. "Raul spielt diese Saison bislang schwankend, hat gute und schlechte Momente. Unser momentanes Mittelfeld-Problem kann er allerdings ohnehin nicht lösen. Er ist Stürmer. Ein Neuneinhalber, der auch Vorlagen braucht", so Stevens.

Stevens 2.0 ist eher Stevens 1.1.

Alles in allem: Schalke hat ein Problem im Spielaufbau, das Lewis Holtby nur an guten Tagen lösen kann. Taktisch hat der Niederländer einiges in Richtung defensiverer Grundausrichtung verändert und wird seinem Ruf somit gerecht. Allerdings zeigt er sich viel geduldiger im Umgang mit jungen Spielern, als noch in seiner ersten Amtszeit auf Schalke. Stevens baut auf Julian Draxler und Lewis Holtby, sowie auf das Innenverteidigerduo Matip und Papadopoulos. Die Jungen dürfen auch mal Fehler machen und sich entwickeln – das ist neu.

Es ist nur zu hoffen, dass sich auch die Schalker Taktik spielerisch entwickelt. Die Ergebnisse stimmen größtenteils, doch die Spielweise, war in kaum einer der elf Partien unter Stevens berauschend. Horst Heldt könnte im Winter durch den Zukauf eines spielerisch starken Sechsers mithelfen, die Misere zu lösen. Vielleicht besteht allerdings auch gar kein Interesse daran.

Saisonziel derzeit kein Problem 

"Es ist mir ehrlich gesagt egal, wie ich spiele. Ich will gewinnen, nur darum geht es. Und danach richte ich meine Taktik aus“, so Huub Stevens in einem Interview mit wa.de offenherzig. Stevens sagte auch: "Hinter Bayern München ist viel möglich, und ich hoffe, dass auch wir da mitmischen werden.“ Die Bayern sind derzeit Dritter, dieser Wunsch könnte also in Erfüllung gehen.

Michel Massing

sportal.de / sportal

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