FC Bayern nach Klinsmann Was Jupp Heynckes alles ändern muss


Nach dem gnadenlosen Scheitern von Klinsmanns Reformprojekt bei den Bayern soll Interimscoach Jupp Heynckes in den letzten Saisonspielen retten, was zu retten ist. stern.de sagt, was "Don Jupp" jetzt alles ändern muss.
Von Tim Schulze und Marius Koch

Bayerns Interims-Trainer Jupp Heynckes ist ein alter Hase im Geschäft, seine erfolgreichen Zeiten liegen allerdings lange zurück. Zurecht wurde angemerkt, dass die Verpflichtung von Heynckes als Feuerwehrmann auch ein Ausdruck von Vetternwirtschaft sei und die Rückkehr zu altem Denken bedeute. Heynckes ist der personifizierte Anti-Klinsmann. Aber das soll er ja auch sein. Wie ein Befreiungsschlag wirkt die Entlassung von Klinsmann - zumindest auf die Stimmung. Lange hat man Manager Uli Hoeneß nicht mehr so entspannt gesehen.

Ob die Entscheidung für den fast 64-jährigen "Don Jupp" richtig oder falsch ist, wird sich erst am Ende der Saison zeigen. Die Verpflichtung von Heynckes war zumindest einfach. Für einen Trainer mit Karriere-Ambitionen hätte das Amt bei den Bayern auch schnell zum Eigentor werden können. Jupp Heynckes hat in diesem Sinne nichts mehr zu verlieren, weil er nur kurz sein Rentnerdasein unterbricht. Heynckes wird die Bayern nach fünf Spielen wieder verlassen, die Münchner haben ihren gewünschten Neuanfang und können in aller Ruhe den Markt nach einem geeigneten Coach durchforsten.

Nach der Installation des Hoeneß-Kumpels Heynckes stellt sich nicht nur den Bayern-Bossen vorrangig eine Frage: Was kann Jupp Heynckes aus dieser verkorksten Saison noch herausholen? stern.de gibt dem Trainer-Oldie wertvolle Tipps, wie alles besser wird.

Führungsstil

Von seinem Schmusekurs mit Bayerns Millionären ist Jürgen Klinsmann bis zu seinem letzten Arbeitstag an der Säbener Straße nicht abgewichen. Nach seiner Entlassung bedankte er sich "von Herzen beim FC Bayern München, seinen Fans, den Trainern, den Spielern und den Mitarbeitern für eine ereignisreiche Zeit." Das hat Stil und zeugt sicherlich von einem einwandfreien Charakter. Wohlgemerkt waren es seine eigenen Spieler, die ihn in den entscheidenden Phasen dieser Saison im Stich ließen.

Jupp Heynckes muss einen anderen Weg finden und die Profis sportlich endlich in die Pflicht nehmen. Der Trainer ist der Chef, und die Spieler haben das, was er vorgibt, gefälligst auch umzusetzen. Von einer Wutrede, wie sie einst Giovanni Trapattoni in München hielt, war Klinsmann stets soweit entfernt wie seine Mannschaft vom Einzug ins Champions-League-Halbfinale gegen den übermächtigen FC Barcelona. Sicher ist das von einem eher spröde-konservativen Trainer-Typ wie Heynckes eher nicht zu erwarten, allerdings sollte er bei weiterhin schwachen Leistungen auch das Recht haben, die Spieler öffentlich "abzuwatschen", wie man es in München so schön sagt.

Unter Jürgen Klinsmann äußerten sich Ribery, Lahm und Co. kritisch über das taktische Konzept - in anderen Clubs eine Todsünde, die hohe Geldstrafen, einen Maulkorb und im extremen Fall sogar den Rauswurf zur Folge hätten. In München durfte jeder seine Meinung kundtun, ohne die Folgen zu fürchten. Wenn nötig, muss Jupp Heynckes die richtigen Machtworte finden und rigoros durchgreifen. Disziplin ist das Stichwort.

Motivation

Jupp Heynckes ist in der Fußballszene nicht gerade als großer Motivator bekannt. Clever hat er deswegen vorerst nur die direkte Qualifikation für die Champions League ausgelobt und nicht damit getönt, die Deutsche Meisterschaft auf jeden Fall noch gewinnen zu wollen. Heynckes ist vorsichtig und weiß, dass es derzeit beim Rekordmeister viele Baustellen zu bearbeiten gibt. Deshalb übte er sich in den üblichen Floskeln, die man bei einem (angeblich) plötzlichen und unerwarteten Engagement von sich gibt. Seine "ganze Kraft und Energie" wolle er einbringen und zudem den Spielern wieder die nötige Freude am Fußball vermitteln. Außerdem sprach er von den "psychologischen Fesseln", von denen er die Münchner befreien will. Dafür will er viele Einzel- und Gruppengespräche führen. Wie gut Heynckes allerdings mit seinen psychotherapeutischen Maßnahmen in die so arg gebeutelten Spielerseelen eindringen kann, wird sich spätestens beim ersten Bundesliga-Auftritt gegen Borussia Mönchengladbach zeigen.

Selbstbewusstsein

Den Spielern Selbstbewusstsein einzutrichtern, sollte dem Fußballlehrer Heynckes nicht sehr schwer fallen - und trotzdem weit oben auf seiner Agenda stehen. Heynckes hat Glück: Die Gesetzmäßigkeiten des Fußballs besagen nämlich, dass ein neuer Trainer nicht unbedingt besser sein muss, sich aber in der Regel zu Beginn seiner Amtszeit Erfolge automatisch einstellen. Dass sich Gerüchten zufolge auch in Spielerkreisen nach Klinsmanns Entlassung Erleichterung einstellte, macht die Aufgabe für Jupp Heynckes relativ einfach und spielt ihm zusätzlich in die Karten. Gefühlt wäre beim FC Bayern nämlich jede Lösung besser gewesen, als eine weitere Zusammenarbeit mit dem ungeliebten Schwaben. Die Deutsche Meisterschaft, die wegen Patzern der Konkurrenz allemal im Bereich des Möglichen liegt, wäre für Heynckes ein angenehmes Zubrot. Vielleicht kann er auf der womöglich letzten Station seiner langen Trainer-Karriere noch den einen oder anderen Trumpf aus dem Ärmel schütteln.

Sportliche Analyse: Abwehr

Die Leistungen des ehemaligen Prunkstücks waren in der bisherigen Saison oft unterirdisch. Das hängt mit dem gesamten Defensivverhalten der Mannschaft zusammen, aber die Viererkette selbst erwies sich oft genauso löchrig wie ein Schweizer Käse. Nur Lahm und Lucio brachten über die ganze Saison hinweg halbwegs ordentliche Leistungen in der Abwehr. Der argentinische Nationalspieler Demichelis zeichnet sich durch viele Fehler aus, zeigte Unkonzentriertheiten und anfängerhaftes Zweikampfverhalten. Christina Lell beweist permanent, dass echter Spitzenfußball nicht sein Ding ist. Massimo Oddo wird kein weiteres Jahr bei den Bayern bleiben, seine Leistungen waren nicht konstant genug. Torwart Michael Rensing stabilisierte sich zwar in der Rückrunde, strahlte aber nie die Sicherheit und Ruhe aus, die eine Mannschaft braucht.

Die Abwehr muss stabiler werden: Heynckes wird die Torwart-Entscheidung von Klinsmann nicht rückgängig machen und an Jörg Butt festhalten. Eine richtige Entscheidung. Butt hat viel Erfahrung, wirkt sicherer und souveräner. Lell gehört endgültig auf die Bank. Heynckes sollte es mit Hamit Altintop auf der rechten Außenbahn probieren statt mit Oddo. Altintop spielt diese Position in der türkischen Nationalmannschaft mit Erfolg. Und warum nicht van Buyten für den indisponierten Demichelis bringen? Der Argentinier läuft im Moment seiner Bestform weit hinterher, van Buyten ist ein solider Verteidiger, der wegen seiner Kopfballstärke torgefährlich ist.

Mittelfeld

Zur Stabilisierung der Abwehr muss das Mittelfeld beitragen. Eine starke Defensive ist immer Ergebnis einer geschlossenen Mannschaftsleistung. Mittelfeld und Angriff müssen mit nach hinten arbeiten. Bei den Bayern klafften in der Vergangenheit zu viele Löcher. Die Verunsicherung darüber, wie sich die einzelnen Mannschaftsteile verhalten sollen, war dem Team deutlich anzumerken. Klinsmann gelang es offensichtlich nicht, klare taktische Anweisungen zu geben und der Mannschaft die nötige Sicherheit mit auf den Platz zu geben. Eine Aufgabe von Heynckes wird es sein, diesen Missstand zu beheben. Auch abgezockte und erfahrene Profis brauchen klare Ansagen über Laufwege, Zweikampfverhalten, Spielideen etc. Motivationssprüche allein laufen irgendwann ins Leere.

In der Offensive verlässt sich die Mannschaft nur allzu oft auf die Aktionen von Franck Ribéry, der im Zusammenspiel mit Philipp Lahm auf der linken Seite oft brillierte. Zeigte sich der Franzose lustlos, oder präsentierte sich Lahm wie zuletzt häufig in schwacher Form, geht bei den Bayern nach vorn nix. An dieser Stelle wird Heynckes ansetzen müssen. Spieler wie Schweinsteiger oder van Bommel sind gefordert. Sie müssen defensiv wie offensiv ihre Aufgaben erfüllen und mehr Einsatz zeigen. Lustloses Traben am Mittelkreis treibt jeden Trainer in die Verzweiflung. Und warum Andreas Ottl mehr Einsatzzeiten als Tim Borowski unter Klinsmann bekam, bleibt ein Rätsel. Der ehemalige Bremer kann, wenn er denn will, mehr spielerische Akzente setzen und ist torgefährlicher. Heynckes sollte den Mut zu Umstellungen haben. In der Systemfrage traut er sich was: Heynckes kündigte die Rückkehr zur Mittelfeldraute an. Die Doppelsechs ist Geschichte. Das heißt auch, dass Luca Toni wieder einen Sturmpartner an seine Seite bekommt.

Angriff

Vorweg ein Wort zur Verteidigung von Jürgen Klinsmann: Er hat immer zu Recht einen vierten Stürmer gefordert. Die Verpflichtung seines Favoriten Landon Donovan, sicherlich kein Spitzenspieler, wurde ihm verwehrt, wäre aber sinnvoll gewesen. Als Klose sich schwer verletzte, trat der befürchtete Fall ein. Auf einmal blieben nur Toni und ein vollkommen demotivierter Podolski im Angriff übrig. In diesem Fall wird die verkorkste Personalplanung von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge am deutlichsten. Spitzenteams haben immer mindestens vier, meistens sogar fünf Angreifer im Kader. Klinsmann trug zur Stürmer-Misere bei, indem er Podolski links liegen ließ. So motiviert man keinen Spieler, der sensibel ist und einer gewissen "Pflege" bedarf. Heynckes Aufgabe wird darin bestehen, Podolski für die letzten fünf Spiele wieder in die Mannschaft einzubinden. Auch in der Variante mit Toni als einziger Spitze könnte Podolski als hängende Spitze spielen, so wie in der Nationalmannschaft.


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