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FC St. Pauli - Kuba: Karibikklänge bei Nieselregen

Zur Einweihung der neuen Südtribüne lud sich der FC St. Pauli einen ganz besonderen Gast. Es kam die Nummer 78 der Fifa-Weltrangliste Kuba. So trafen zwei Underdogs aufeinander, was seltene Blüten trieb.

Von Martin Sonnleitner, Hamburg

Die Gäste zeigten umgehend, dass sie etwas vom knallharten kapitalistischen Geschäft verstehen. "Cien", tönte der junge kubanische Spieler selbstbewusst. Hundert Euro also, für eine Kiste mit 25 handgerollten Havanna-Zigarren. Kein schlechter Kurs, für den Käufer, aber auch für den U-19-Spieler der kubanischen Nationalmannschaft. Während die A-Elf der sozialistischen Karibikinsel sich unten auf dem sattgrünen Rasen gegen den haushoch überlegenen Zweitligisten FC St. Pauli abmühte, florierte auf der Haupttribüne des Kiezklubs der Zigarrenhandel.

An diesem verregneten Freitagabend war mal wieder alles ein wenig anders am Millerntor. Es gastierte das Nationalteam Kubas, ein geeigneter Rahmen wurde auch gefunden, die neue Südtribüne war kurz zuvor feierlich eingeweiht worden. Schließlich handelte es sich nicht um irgendeinen Gast. Bei der Partie trafen zwei unerschütterliche Underdogs aufeinander, jeder auf seine Art.

Anarchisten versus Sozialismus-Veteranen

Viel Pathos war dabei, als St. Pauli-Legende Harald Stender, heute 83 Jahre alt und Rekord-Oberligaspieler (damals höchste deutsche Spielklasse) der Braun-Weißen um 18.27 Uhr die Riesenflasche Champagner gegen die roten Backsteinwand der neuen Tribüne schmetterte. Er war zu Tränen gerührt und Vereinspräsident Corny Littmann ergriff die Gunst der Stunde, um den ersten fertigen von vier geplanten Bauabschnitten zu rühmen: "Auf diesen Tag hat der Verein 25 Jahre gewartet", so der Theatermacher. "Die neue Tribüne wird uns die Möglichkeit eröffnen, bald auch in Liga eins zu spielen."

Da kam der Testspielgegner, Nummer 78 der Fifa-Weltrangliste gerade recht. Frech und frivol wie sie auf dem Hamburger Kiez nun mal sind, wurde das Spiel sogar als "Länderspiel" deklariert. Nur von zu viel Politik wollte an diesem Festtag, der dem chronisch klammen Klub 16.816 Zuschauer bescherte, niemand etwas wissen, auch wenn ein wenig Koketterie mitschwang, da ausgerechnet der von anarchischen und freigeistigen Fans bevölkerte FC St. Pauli einen der letzten Veteranen der anachronistisch anmutenden sozialistischen Welt empfing.

Erst St. Pauli, dann Klassenfeind USA

"Wir sind ein durch und durch linker Verein", gab Teammanager und Pressesprecher Christian Bönig unumwunden zu, "da treffen heute schon zwei absolute Underdogs aufeinander." Eine sozialistische Weltlehre für seinen Verein konzipieren wollte Bönig dann aber doch nicht. "Bei uns geht es drum, dass wir uns weiterhin in einer Nische bewegen, uns den modernen Anforderungen des Profi-Fußballs stellen, aber nicht den kompletten Kommerz mitmachen." Ein teilweise schwieriger Spagat, wie die rechte Hand von Cheftrainer Holger Stanislawski einräumte.

Die kubanische Nationalmannschaft hat indes andere Probleme. Zum einen haben sich vor einem halben Jahr sieben U-23-Spieler bei einer USA-Reise abgesetzt. "Kein Problem, da mache ich mir um meine Spieler keine Sorgen", unterstrich der deutsche Trainer der Kubaner, Reinhold Fanz, der mit seinen Spielern eine mehrwöchige Europareise unternimmt. Zum anderen wollen Fidel Castros Kicker sich für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika qualifizieren. Pikanterweise kommt im Qualifikationsspiel Mitte August der große Nachbar und politische Gegner USA nach Kuba.

Akzeptanz von Minderheiten

Im Stadion dann floss das Bier im Strömen, während überall kubanische Papierfahnen im nasskalten Hamburger Wind flatterten. Auch wenn Totenkopf- und Che-Guevara-Flaggen hier ihr Refugium haben. Uwe, seit über 40 Jahren am Millerntor, sieht den Sport im Vordergrund. "Das Drumherum muss passen. Wir sind weltoffen, da wird St. Pauli sich nie einengen lassen." Es ginge drum, Minderheiten zu akzeptieren, schließlich sei Guy Acolatse aus Togo hier 1963 der erste schwarzafrikanische Spieler im deutschen Fußball überhaupt gewesen.

Da hinten dann doch eine politische Willenskundgebung. Der Stand von "Cuba Si" klärt auf, wie progressiv doch das kubanische Bildungssystem sei. Ewig gestrige Sozialismus-Verherrlicher oder humanistische Aufklärer?

Gutes Drittligaformat

Lutz Pfannenstiel trieben andere Gedanken um. Der Weltenbummler in Sachen Fußball, der bereits in Klubs aller sechs Kontinente das Tor hütete, und sporadische Torwarttrainer der Kubaner versuchte den Leistungsgrad der Kicker einzuordnen, während die Mannschaften unter frenetischem Beifall und Karibikklängen einlaufen. "Auf gutes Drittligaformat" hatte Fanz es kurz zuvor noch gehievt. Pfannenstiel rühmte die tolle Disziplin der Karibik-Künstler: "Wenn man das mit der Nachbarinsel Trinidad Tobago vergleicht, kein Unterschied, die nutzen jede freie Minute, um einen draufzumachen." Dass die Kubaner eisern dem sportlichen Erfolg frönen, glaubt Pfannenstiel, lege mit Sicherheit an den sozialistischen Prinzipien.

Und das, obwohl Fußball im Inselstaat ein Waisendasein fristet, weit hinter den populären Sportarten Baseball, Boxen und Volleyball. Fanz, der bis 2011 angeheuert hat, glaubt dennoch an eine glorreiche Zukunft: "Es muss eine langfristige Entwicklung sein. Die 18-23-Jährigen haben ein großes Entwicklungspotenzial." Sein jetziges Team zeigte dann, dass es vorerst noch ein weiter Weg bis zur WM 2010 ist. Die Kubaner unterlagen dem FC St. Pauli mit 0:7.

Gutes Geschäft vor Kiezbummel

Nach der Partie versuchten die karibischen Youngster dann immer noch vehement, ihre gut duftende Ware feilzubieten. Kubanischer Rum war auch im Sortiment. Diesmal tummelten sie sich im Umlauf der neuen mit Business-Seats und Logen durchgestylten Südtribüne, und so trafen an diesem Abend tatsächlich zwei um Veränderungsprozesse buhlende Underdogs aufeinander.

Den Mienen zufolge lief das Geschäft gut. Nur als ein Kubaner nach eventuellen Absichten, Profi zu werden, gefragt wurde, verdüsterte sich seine Miene. Das sei in Kuba nicht möglich. Und ins Ausland wechseln? "Non possible." Da war er auch schon weg, samt der Träume kapitalistischer Verheißungen. Fanz hingegen hatte vor dem Spiel sogar einen Reeperbahn-Bummel in Aussicht gestellt.

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