Fehlentscheidungen Falsche Pfiffe am Fließband


Der Wettskandal hat die Unparteiischen komplett aus der Bahn geworfen. Allein an diesem Wochenende hagelte es jede Menge falsche Pfiffe und damit auch massenweise Kritik.

Zwar ist die Fußball-Bundesliga weiter nicht direkt vom Schiedsrichterskandal um Robert Hoyzer betroffen, doch die Auswirkungen werden immer unübersehbarer. Falsche Schiedsrichter-Pfiffe gab es schon in den vergangenen Wochen am Fließband. Jetzt verursachte Manuel Gräfe in Nürnberg ein Elfmeter-Chaos. Und in Berlin sorgte Peter Gagelmann mit gleich zwei falschen Abseits-Entscheidungen für Empörung. "Sie tun mir momentan ein bisschen leid, denn sie machen eine beschissene Zeit durch", zeigte "Club"-Trainer Wolfgang Wolf Verständnis für die offenbar durch den Wettskandal völlig verunsicherten Referees.

"Schiedsrichter sind auch nur Menschen"

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verfolgt die alarmierende Häufung falscher Pfiffe mit Besorgnis, aber eine Rote Karte droht den Unparteiischen nicht. "Sie müssen für sich selbst und mit unserer Hilfe die Stresssituationen psychisch abarbeiten, dann geht es weiter", erklärte DFB-Schiedsrichtersprecher Manfred Amerell, der beim 2:2 zwischen Nürnberg und Dortmund Gräfes schwarzen Abend mit eigenen Augen verfolgte. "Schiedsrichter sind auch nur Menschen und keine Maschinen oder Roboter. Wir hauen nicht auf sie drauf, stellen sie nicht an die Wand", versuchte Amerell die Wogen zu glätten.

Das allerdings wird angesichts der Fehlentscheidungen, die den Wettbewerb beeinflussen, immer schwieriger. "Zum Schluss wurde der Einfluss des Unparteiischen zu groß", kritisierte BVB-Trainer Bert van Marwijk Gräfes Auftritt. Der Druck auf Gräfe ist besonders groß: Er hatte mit seinen Berliner Kollegen Felix Zwayer, Lutz Michael Fröhlich und Olaf Blumenstein den Wettskandal um Hoyzer öffentlich gemacht.

Gräfe verteilt wahllos Elfmeter

Im Frankenstadion verlor Gräfe in der letzten halben Stunde den Überblick und verteilte wahllos Elfmeter. Das Foul von Christian Wörns (64.) an Markus Daun geschah außerhalb des Strafraums. Vor dem Elfmeter für Dortmund (85.) stolperten Mario Cantaluppi und BVB- Stürmer Ebi Smolarek über die eigenen Füße. Dem Elfer für den "Club" (89.) ging ein harmloser Körperkontakt zwischen Markus Brzenska und Robert Vittek voraus.

"Das kann passieren", meinte Amerell zu den Fehlern. Mit derartigen Auswirkungen der Betrugs-Affäre habe er längst gerechnet: "Die Unparteiischen gehen mit Konfliktsituationen nicht mehr so souverän um wie früher." Psychologische Hilfe und intensive Aufarbeitung mit Unterstützung der TV-Bilder sollen sie wieder ins Gleichgewicht bringen, vom Videobeweis hält Amerell dagegen nichts.

Dabei lieferte das 1:1 zwischen Hertha und Kaiserslautern zwei unumstößliche Argumente für die Einführung einer elektronischen Hilfe, wie sie beispielsweise im Eishockey bei der Entscheidung Tor oder nicht Tor schon lange genutzt wird. "Wenn man hinterher im Fernsehen sieht, dass es kein Abseits war, ist das ärgerlich", räumte Spielleiter Peter Gagelmann (Bremen) die Fehler ein, "aber wir müssen schnell entscheiden, es waren knappe Situationen."

"Das war eine beschissene Woche"

Nach einem TV-Studium hätten die Entscheidungen von einem Oberschiedsrichter oder vom Spielleiter selbst ohne Verzögerung korrigiert werden können, die Partie war ohnehin unterbrochen. Assistent Sönke Glindemann (Süderholm) hatte gleich bei zwei Hertha-Toren irrtümlich die Abseits-Fahne gehoben. "Das war eine beschissene Woche. Ich fühle mich im Stadion am allerschlechtesten von allen", gestand "Sündenbock" Glindemann.

Da der Weltverband Fifa genau wie der DFB das Thema Videobeweis weiter vor sich her schiebt, müssen die Unparteiischen auch weiter mit Anfeindungen und "Schieber, Schieber"-Rufen leben. In Nürnberg reichten diesmal noch drei aufgespannte Regenschirme, um Gräfe auf dem Weg in die Kabine zu schützen. Hoffentlich bleibt es dabei.

Jens Mende und Gerd Münster/DPA DPA

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