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US-Torhüterin Hope Solo: Drama Queen

US-Torfrau Hope Solo ist das Gesicht der WM, heute will sie ins Finale einziehen. Sie hält gut und sorgt gern für Aufmerksamkeit - ob mit Worten oder mit der Asche ihres Vaters.

Von Alexandra Kraft

Mit zwei Sätzen, hätte die amerikanische Nationaltorhüterin Hope Solo beinahe ihre Karriere zerstört. Damals 2007 nach dem WM-Halbfinale redete sie sich vor laufenden Kameras in Rage. Ihr Team war gerade ausgeschieden. Eine bittere 0:4-Klatsche gegen Brasilien. Sie, die Stammtorhüterin hatte nur auf der Bank gesessen. Der Trainer hatte ihr nicht mehr vertraut - obwohl sie vorher keinen Fehler gemacht hatte. Nun stand sie also da. Den Kopf hochrot, das Gesicht glänzend vom Schweiß und sagte: "Es war die falsche Entscheidung mich nicht spielen zu lassen. Und ich zweifle nicht eine Sekunde daran, dass ich die Bälle gehalten hätte."

Es waren Wut und Enttäuschung, die die ehrgeizige 26-Jährige damals trieben. Aber Nationaltrainer Trainer Greg Ryan kannte kein Mitleid, gar Verständnis. Er warf die Torhüterin aus dem Team. Ihre Mannschaftskolleginnen wollten nichts mehr mit ihr zu tun haben. Beim Spiel um Platz drei war es Solo nicht einmal gestattet, auf der Ersatzbank zu sitzen. Die Bronze-Medaille durfte sie auch nicht in Empfang nehmen. Vom Team-Essen im Hotel wurde sie ausgeschlossen. Und für den Heimweg in die USA musste sie sich einen neuen Rückflug suchen. In der Maschine der Mannschaft war sie nicht länger erwünscht.

Der Trainer statuierten an ihr ein Exempel. Aber auch das Team bestrafte sie gnadenlos für den vermeintlichen Hochverrat. In ihren Augen hatte Hope Solo den im amerikanischen Sport so wichtigen Kodex verletzt, nicht in der Öffentlichkeit schlecht über Kolleginnen zu sprechen. "Das hat mein Herz gebrochen", sagt Solo.

Umarmt, geknutscht, bejubelt

Aber Amerika ist auch das Land der Möglichkeiten. Trainer Greg Ryan wurde bald nach der WM gefeuert. Er habe eine "Hexenjagd mit Psychoterror" auf Solo eröffnet, so der Vorwurf des amerikanischen Fußball-Verbandes. Seine Nachfolgerin wurde die Schwedin Pia Sundhage. Die holte Solo als Nummer eins in die Nationalmannschaft zurück. Das Team gab später zu, überzogen reagiert zu haben und die Torhüterin entschuldigte sich für ihren Auftritt. Trotzdem wurde sie anfangs wie eine Aussätzige behandelt. Lächelnd hielt sie stand. Gewann mit dem Team 2008 Gold bei Olympia - und wurde vom Magazin "Sports Illustrated" nach ihrem glanzvollen Auftritt im Finale für den Titel "Sportsman of the Year" nominiert - neben Superstars wie Michael Phelps und Tiger Woods.

Und nun, kaum vier Jahre später, ist Hope Solo wieder der bejubelte Star des amerikanischen Teams bei der Fußball-WM. Die Frau, die nach dem dramatischen Elfmeterschießen von ihren Mitspielerinnen umarmt, geknutscht und bejubelt wurde. Schließlich hielt sie im Viertelfinale mit ihren Paraden gegen Brasilien die US-Elf überhaupt im Turnier. Hope Solo sagt: "Ich bin definitiv keine Außenseiterin mehr."

Auch im Leben abseits des Sportplatzes musste Hope Solo einiges ertragen. "Mein Leben bietet eine Fülle von Dramen", so die junge Frau. Die wohl prägendste Rolle spielte ihr Vater Jeffrey. "Er war meine Inspiration", sagt sie. Dabei war das Verhältnis zu ihm extrem schwierig. Als Hope sechs Jahre alt war, nahm er sie und ihren Bruder Marcus, nach einem Ehestreit mit nach Seattle. Die Polizei fahndete nach ihm wegen Kindesentführung und verhaftete ihn wenige Tage später vor den Augen seiner Kinder. Ein traumatisches Erlebnis für das Mädchen. "Ich war zu Tode erschrocken", sagt Hope Solo heute. Ein paar Monate später trennten sich die Eltern endgültig.

"Im Tor standen immer nur die Dicken"

Jeffrey Hope, ein Vietnam-Veteran und ehemaliger Boxer aus der Bronx, schlug sich fortan als Obdachloser in Boston und New York durch. Lebte in den Wäldern nahe Seattle in einem Zelt. Mal nannte er sich Jeffrey, mal Johnny und dann Jerry. Zweimal wechselte er den Nachnamen. Sagte seiner Tochter, er sei in einem Zeugenschutzprogramm und müsse sich verstecken. Seine Familie scherzte darüber, dass selbst sie nicht wüssten, wie er wirklich heiße.

Jahrelang hatte er keinen Kontakt mehr zur Familie gegeben. Dabei war es der Vater, der bei seiner Tochter die Leidenschaft als Fußballerin geweckt hatte. Als Vierjährige beginnt sie damit. In der Highschool noch als Stürmerin. 109 Tore schießt sie für ihr Team, die Richland Highland Bombers. Erst 1999 als sie für die Elf der Universität von Washington in Seattle spielt, entscheidet sie sich fürs Tor. Leicht fiel ihr das nicht. "Im Tor standen ja eigentlich immer nur die Dicken und Unsportlichen und ich wollte immer stürmen", so Solo. Heute ist sie allerdings stolz auf ihre Entscheidung.

Nach Seattle wechselte Solo, um in der Nähe ihres Vaters zu sein. Zu allen Spielen seiner Tochter kam er fortan aus seinem Unterschlupf in den Wäldern. "Er ist dafür kilometerweit gelaufen", so Hope Solo. Auch wenn er vor Dreck stank und immer vom kostenlosen Essen für die Mannschaft seine Taschen vollstopfte, freute sich Hope Solo über jeden seiner Besuche. Nie sei er ihr peinlich gewesen, sagt sie. Auch die fiesen Kommentare ihrer Mitstudenten ertrug sie schweigend. Oft saßen Vater und Tochter zusammen und aßen ihr Lieblingsessen, Makkaroni mit Käse. Hope Solo sagt: "Es gab niemanden, mit dem ich lieber über Fußball gesprochen hätte." Und: "Er hat mich bis in den tiefsten Winkel meiner Seele verstanden."

WM-Titel für ihren Vater gewinnen

Dann der Schock. Kurz vor der Weltmeisterschaft 2007 stirbt Jeffrey Solo mit 69 Jahren plötzlich an Herzversagen. Hope widmet ihm die Teilnahme an der WM. Nimmt seine Asche mit nach China und verstreute ein bisschen vor den Spielen im Tor. Nur einmal, vor dem Eröffnungsspiel gegen Nordkorea, vergisst sie es - und kassiert zwei Tore. Nach guten Leistungen in den weiteren Begegnungen dann der Eklat nach dem Halbfinale.

Das ist schon lange her, dass beschäftigt mich nicht mehr", sagt sie heute. In Deutschland will sie endlich den WM-Titel gewinnen. Für sich, aber wohl am meisten für ihren toten Vater. Dabei will sie sich nicht aufhalten lassen. Auch nicht von ihrem Körper. 2009 ließ sie eine schwere Verletzung an der Schulter nicht behandeln. Erst Monate später wurde sie operiert. Elf Schrauben halten seitdem das lädierte Gelenk zusammen, der Gelenkknorpel ist kaum mehr vorhanden. Die Schmerzen sind schier unerträglich. Um schlafen zu können, betäubt sie die oft mit Tabletten. Aber Hope Solo erträgt auch das. Sie hat schon Schlimmeres erlebt.

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