Fussball "Auffangbecken für frustrierte Spieler"


Nur die Debütanten Tobias Rau und Benjamin Lauth scheinen sich auf das morgige Spiel gegen Spanien zu freuen. Der Rest der Völler-Elf schiebt Bundesliga-Frust vom Wochenende.

Trübes Wetter, triste Stimmung - nur die Debütanten Tobias Rau und Benjamin Lauth hatten am Montag nach der Ankunft der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf der Ferieninsel Mallorca Grund zum Strahlen. Der 21-jährige Wolfsburger Rau erhielt von Teamchef Rudi Völler praktisch eine Einsatzgarantie in der Anfangself für das Testspiel am Mittwoch gegen Spanien: "Er hat sehr gute Chancen, von Anfang an zu spielen." Und auch dem ebenfalls 21 Jahre alte "Löwen"-Torjäger Lauth signalisierte der Teamchef, dass er am Mittwoch immerhin als Einwechselspieler zu seinem Länderspiel-Debüt kommen wird.

Große Perspektiven für Rau

"Beide sind nicht hier dabei, weil sie jung sind, sondern weil sie es sich mit guten Leistungen verdient haben", stellte Völler klar und eröffnete vor allem dem im Sommer zum FC Bayern München wechselnden Rau große Perspektiven: "Auf der linken Seite hat er die Möglichkeit, der Spieler für die nächsten Jahre zu werden."

Mit der Präsentation der erwartungsfrohen Debütanten vor der internationalen Presse in Palma de Mallorca lenkte Völler am Montag ein wenig ab von den Alltagssorgen in seiner Mannschaft. Denn das Gros des 18-köpfigen Aufgebotes hatte den Wochenend-Frust aus der Bundesliga noch nicht verdaut, als die Condor-Sondermaschine DE 9126 pünktlich um 11.53 Uhr auf dem Flughafen in Palma de Mallorca aufsetzte und geknickte Dortmunder, deprimierte Leverkusener sowie die gleichfalls psychisch angeschlagenen Miroslav Klose und Jörg Böhme entließ.

Völler setzt auf Selbstheilungskräfte

"Es gibt immer mal frustrierte Spieler. Schwierig wird es aber, wenn es zu viele werden", sagte Teamchef Rudi Völler nachdenklich. In Einzelgesprächen will der 42-Jährige seine Problemfälle bis zum Anstoß am Mittwoch (21.30 Uhr/ARD) wieder aufrichten. Vor allem aber setzt Völler auf die Selbstheilungskräfte in der durch die Erfolgserlebnisse bei der Weltmeisterschaft zur Solidargemeinschaft gewordenen DFB-Auswahl. "Für frustrierte Spieler kann die Nationalmannschaft auch eine Art Auffangbecken sein", sagte Völler. 1988 kam er selbst im Trikot des AS Rom einfach nicht in Tritt, der damalige DFB-Teamchef Franz Beckenbauer aber hielt an ihm fest: "Ich bin also das lebende Beispiel dafür, dass man sich das verlorene Selbstvertrauen in der Nationalmannschaft zurückholen kann."

Bayer Leverkusens Mittelfeldspieler Bernd Schneider pflichtete dem Teamchef bei und machte deutlich, wie sehr er die Ausflüge mit der DFB-Reisegesellschaft als Zufluchtstätte schätzt. "Es tut gut, wenn Bayer mal drei, vier Tage lang nicht das Hauptthema ist, man sich mal ganz woanders befindet und etwas anderes sieht und hört", sagte der 29-Jährige. Und Kaiserslauterns Klose ergänzte: "Ich bin überzeugt, dass mich die Tage hier wieder einen Schritt weiter bringen."

Bei der Gruppentherapie auf Mallorca aber stehen den vielen Problemfällen nur Wenige mit breiter Brust entgegen, nachdem der einstmals zahlenmäßig starke Block des Branchenführers FC Bayern München auf Kapitän Oliver Kahn und Mittelfeldspieler Jens Jeremies geschrumpft ist. So wird die Fraktion der Selbstbewussten ausgerechnet von den "Frischlingen" Lauth und Rau getragen.

Kaum Hinweise auf Mannschaftsaufstellung

Zwei Tage vor dem Anpfiff im 23 000 Zuschauer fassenden, aber nicht ausverkauften Stadion "Son Moix" machte Völler kaum Hinweise auf die Mannschaftsaufstellung. Probleme bereitet nach den Ausfällen von Michael Ballack, Dietmar Hamann und Sebastian Kehl vor allem die Besetzung des zentralen Mittelfeldes. Im Angriff setzt Völler weiterhin auf Klose.

"Er ist einer extremen Doppelbelastung ausgesetzt. Einerseits soll er in Kaiserslautern der Messias und Heilsbringer sein. Andererseits muss er die Entscheidung über seine sportliche Zukunft fällen." Zumindest im letzten Punkt hat Völler für den zwischen München und Dortmund hin und her gerissenen Torjäger einen guten Rat parat: "Ich rate ihm, nicht in die schönste Stadt zu gehen, sondern dorthin zu wechseln, wo er sportlich die größten Perspektiven sieht."

Mögliche Aufstellung: Kahn - Wörns, Ramelow, Metzelder - Friedrich (Freier), Frings, Jeremies, Rau - Schneider - Klose, Bobic

Oliver Hartmann und Klaus Bergmann DPA

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