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Fußball: Deutschland lässt die Korken knallen

Im Juli 2006 feiert Deutschland die längste und teuerste Fußball-Party seiner Geschichte. Für das Riesenfest wollen zwölf Spielorte der WM tief in die Tasche greifen. Die große Sause beginnt in Berlin.

Die Dauer-Party 2006 soll ungefähr 35 Millionen Euro kosten. Das ergab eine dpa-Umfrage. Weitere 10 Millionen Euro sollen Sponsoren für Show, Musik, Essen und Trinken beisteuern. In den zwölf WM-Städten und weiteren deutschen Großstädten werden die 64 Spiele auf zusammen rund 100 Großbildleinwänden live übertragen. Die Städte erwarten täglich zusammen bis zu 500.000 Fans, Hochrechnungen kommen auf mehr als 15 Millionen Besucher für die vier Wochen.

Feiern wie die Weltmeister

Die Hoffnung auf heitere Riesenfeste ist groß. "Feiern wie die Weltmeister" lautet das Nürnberger Motto. Hamburg hofft auf Woodstock-Atmosphäre auf dem 60.000 Besucher fassenden Heiligengeistfeld, München auf heitere Tage wie bei den Olympischen Spielen 1972 vor dem Anschlag. "Ein fröhliches Fest" will Frankfurt mit schwimmenden Großleinwänden auf dem Main bieten. Die Kölner Innenstadt wird kurzerhand zur "WM-City" erklärt.

In ausgelassener Stimmung wird die Sicherheit eines der größten und kostenspieligsten Probleme. Die Party-Meilen sind anders als die Stadien von allen Seiten und von jedermann zu erreichen. Damit die eine Million erwarteter Fans aus dem Ausland sich wirklich "Zu Gast bei Freunden" fühlen, soll alles für den Schutz getan werden. Die Strategie der Städte fasst Dirk Leibfried vom WM-Büro in Kaiserslautern so zusammen: "Die Gäste freundlich empfangen, Ausschreitungen aber nicht dulden und konsequent verfolgen." Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sagt: "Hooligans haben bei uns keine Chance."

Zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor fängt alles an

Die große Sause beginnt in Berlin einen Tag früher schon am 8. Juni, weil an diesem Tag der Weltfußball-Verband Fifa erstmals in seiner Geschichte im Olympiastadion eine eigene Eröffnungsfeier steigen lässt. Die Hauptstadt feiert parallel auf ihrer mehr als 2 km langen Partymeile auf der Straße des 17. Juni. Zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor, wo sonst die Love Parade den Tiergarten durchquert, startet eine mehr als vierwöchige Nonstop-Fete. Das mit 50 Milliarden Euro hoch verschuldete Land Berlin lässt sich das Vergnügen 6,7 Millionen Euro kosten.

Auch die anderen WM-Städte präsentieren ihre Feiern auf den bekanntesten und belebtesten Plätzen. Stuttgart schmückt die längste Fußgängerzone Deutschlands, die Flanierzone Königsstraße, für König Fußball. Gelsenkirchen bringt wieder Leben in die legendäre Glückauf- Kampfbahn. In München ist der Olympiapark "Treffpunkt der Kulturen und Nationen", in Hannover soll der Waterloo-Platz die Fans zu Tausenden anlocken. Ein ganz spezielles Erlebnis bietet Frankfurt mit seiner im Main schwimmenden virtuellen Fußball-Arena. Dortmund will auf dem Friedensplatz die seligen Zeiten großer Meister- und Champions-Feiern wieder aufleben lassen.

Seit 1974 hat sich viel geändert

Auch während der WM 1974 herrschte im ganzen Land Feierlaune, doch damals gab es noch kein "event" und auch kein "public viewing": Vor den Leinwänden sollen die Menschen jubeln, zittern, essen, trinken, flirten und tanzen. Die Kommunen bieten ihr kostenloses Begleitprogramm vor allem für jene Fans an, die bei der Kartenvergabe leer ausgegangen sind oder sich erst gar nicht um Tickets bemüht haben.

Nicht-kommerzielle Organisationen müssen keine Lizenzgebühren für die Live-Übertragungen der 64 Spiele bezahlen. Darauf haben sich der Weltverband Fifa und die Rechteinhaber Infront Sports & Media geeinigt. Für den Ausschank gibt es keine Vorschriften, und Wolfgang Niersbach, der Vizepräsident des WM-Organisationskomitees, betont: "Die Marketingregeln wurden so großzügig ausgelegt, wie es großzügiger gar nicht geht. Ich denke, auch die zwölf Städte werden anerkennen, wie sehr auf ihre Wünsche eingegangen wird."

Hans-Rüdiger Bein und Ulrike John/DPA / DPA

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