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Fußball-Gewalt: Im Hass vereint

Auch wenn in Deutschland keine italienischen Verhältnisse drohen - auf das Land könnten schwierige Zeiten zukommen. Denn schon längst beginnen sich Gewalttäter aus den unterschiedlichsten Lagern gegen die Polizei als gemeinsamen Feind zu verbünden - wie in Italien.

Von Christoph Ruf

Drohen Deutschland auch bald italienische Verhältnisse? Glaubt man Konrad Freiberg, dem Chef der Polizeigewerkschaft GDP, kann es daran keinen Zweifel geben. Volker Goll vom Dachverband der Deutschen Fanprojekte KOS hingegen hält Freibergs Kassandrarufe für "unverantwortlich." In Italien habe man ausschließlich auf Repression gesetzt, daher herrscht jetzt bei den Fans landesweiter Hass auf die Obrigkeit. Hierzulande funktionierten die Selbstregulierungsmechanismen weit besser - Woche für Woche sei zu erleben, wie die vom DFB unterstützen Fanprojektler entstehende Konflikte bereits im Keim erstickten.

Dennoch: Vor allem im Osten der Republik kommt es in den unteren Spielklassen immer wieder zu Gewaltexzessen. Bei Vereinen wie Lok Leipzig, Dynamo Dresden, dem Chemnitzer FC oder dem DDR-Abonnementmeister BFC Dynamo Berlin sammelt sich ein Gewaltpotenzial in der Kurve, an das im Westen kaum ein Verein herankommt.

Jede Sekunden nutzen, um Gegnern an die Gurgel zu gehen

Brisante Derbys würden jedoch allzu oft auch im Westen in einer Orgie der Gewalt münden, wenn man die Polizeieinheiten abziehen würde. Nach den alljährlichen Regionalliga-Derbys zwischen Rot Weiß Essen und Fortuna Düsseldorf sind in den Krankenhäusern zwischen Rhein und Ruhr die Notaufnahmen nach dem Spiel dennoch gut besucht. Und wenn Essen auf Schalke, Frankfurt auf Offenbach oder Mannheim auf Kaiserslautern treffen würde, wäre die Polizei gut beraten, in ähnlicher Mannschaftsstärke aufzulaufen wie bei den Ostderbys.

Im Februar lieferten sich 600 Lok-Leipzig-Anhänger nach dem Pokalspiel gegen Erzgebirge Aue II stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei. Auch beim Derby Lok gegen die zweite Mannschaft des Lokalrivalen Sachsen Leipzig Mitte Oktober brauchte es 800 Polizisten, eine Reiterstaffel und 72 Kameras, um Schlimmeres zu verhindern. Auf beiden Seiten hatten sich hunderte Fans zusammengerottet, die jede Sekunde der Unaufmerksamkeit genutzt hätten, um ihren Gegner an die Gurgel zu gehen.

Verabredung zu "Wald- und Wiesenfights"

Die eigentlichen Hooligans (im DFB-Slang "Kategorie C" genannt) - mit Anabolika voll gepumpte Kampfmaschinen gesetzteren Alters - hatten bereits lange vor dem Spiel ihr Mütchen mit einem gut geplanten Überfall auf Sachsen-Fans gekühlt. Danach bestimmten jüngere Fans die Szenerie, die der Kategorie B, "situativ gewaltbereit" zuzuordnen sind. Wer das Prestige-Duell gegen den Lokalrivalen auch mit Fäusten gewinnen will, kann im nächsten Spiel gegen Meuselwitz oder Gotha dennoch brav an einer Choreographie basteln. Es mag kompliziert sein, aber Ultras sind keine Hooligans. Erstere gehen zum Fußball, sind dort aber, wenn überhaupt, nur gelegentlich gewalttätig. Die Hools hingegen gehen zum Fußball, um sich zu prügeln.

Eigentlich beängstigend ist in Deutschland also weniger die Hooliganszene. Die schrumpft seit Jahren, weil immer mehr Veteranen aus den Neunzigern sich ermüdet von zahlreichen Vorstrafen dem Familienleben zuwenden. Der Rest der Szene verabredet sich alle paar Monate zu so genannten "Wald- und Wiesenfights", die im Normalfall von den Medien unbemerkt bleiben und bei denen keine Unbeteiligten zu Schaden kommen.

Im gemeinsamen Kampf gegen die Polizei vereint

Problematischer ist die Entwicklung bei den oft noch im Teenager-Alter steckenden Fans, die sich monatelang unauffällig verhalten, ehe sie zu besonderen Anlässen zuschlagen. Zumal es immer öfter passiert, dass der Fußball nur als Bühne genutzt wird. Christian Kabs vom Dresdner Fanprojekt hat mit eigenen Augen gesehen, wie 600 Gewalttäter Ende Oktober die Stadt nach dem Pokalspiel gegen Lok Leipzig stundenlang in Atem hielten - keine zehn davon hatte er zuvor schon mal im Stadion angetroffen. Der Diplompädagoge sah hingegen einen bunt gemischten Pulk, "vom Rechtsextremisten bis zum Linksautonomen" im gemeinsamen Kampf gegen die Polizei vereint.

Zumindest in Dresden scheint eine solche Allianz nicht ungewöhnlich zu sein. Auch an Himmelfahrt oder beim alternativen Stadtteilfest in der Dresdner Neustadt verbünden sich traditionell rechts und links gegen den Staat als gemeinsamen Feind. Offenbar beginnt das Feindbild Polizei auch hierzulande Gewalttäter aus den unterschiedlichsten soziologischen und politischen Lagern zu einen. Und das könnte mittelfristig weit gefährlicher werden als eine tumbe Schlägerei unter testosterongeplagten 40-Jährigen.

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