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Fußball-Nationalmannschaft verliert gegen Australien Experiment gescheitert


Joachim Löw wollte im Testspiel gegen Australien den jungen Wilden eine Chance geben. Das Experiment ging schief. Die Nationalmannschaft verlor mit 1:2. Der Bundestrainer sah die Sache hinterher entspannt - auch weil er jetzt ein Argument mehr für seine wertkonservative Haltung hat.
Von Klaus Bellstedt, Mönchengladbach

Wer bei Facebook Fan von Mesut Özilist, der bekam zwei Stunden vor dem Anpfiff des Testspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Australien noch Post vom derzeit besten deutschen Fußballer. Der hatte ja vom Bundestrainer für die Partie in Mönchengladbach frei bekommen. Özil postete: "Hey Leute, es war schön, wieder bei der Nationalmannschaft zu sein. Die zwei Tage nach dem Kasachstan-Spiel haben mir sehr gut getan. Ich habe Energie getankt für die nächsten Wochen." Schade, dass der geniale Mittelfeldregisseur gegen Australien nicht dabei war. Ein kleines bisschen Özil-Energie hätte dem DFB-Team wahrscheinlich schon gereicht, um aus einem ziemlich miesen Kick ein gutes Länderspiel zu machen.

Dass das Testspiel gegen die "Socceroos", das mit 1:2 verloren ging, kein Fußballfest werden würde, stand schon vorher fest: Das Stadion war wegen der hohen Ticketpreise nicht ausverkauft. Dazu hatte der Bundestrainer dauerbelastete Stars wie eben Özil, Sami Khedira und auch Vizekapitän Philipp Lahm unmittelbar nach der Partie gegen Kasachstan aus dem Nationalmannschaftskreis verabschiedet. Joachim Löw hatte das Spiel als Fußballexperiment ausgerufen. Dass unter diesen Vorzeichen nur 30.000 Zuschauer die 1:2-Niederlage im Borussia-Park erlebten und 17.000 Plätze leer blieben, war keine Überraschung. Die Überraschung des Abends war das, was den Fans geboten wurde. Denn das war noch biederer, als die Fans erwarten konnten.

Linksaußen? Der Nächste bitte!

Immer wenn es die Umstände zulassen, lässt Joachim Löw die jungen Himmelsstürmer aus der Bundesliga ran. Gegen Australien ließen die Umstände den Wechsel seiner Anfangsformation zu. Im Vergleich zu der Mannschaft, die beim 4:0-Erfolg gegen Kasachstan zu Beginn auf dem Rasen stand, starteten in Mönchengladbach gleich achte neue Spieler. Von denen gab aber nur André Schürrle ein gutes Bewerbungsschreiben ab. Der Mainzer, der nach der Saison zu Bayer Leverkusen wechselt, beeindruckte mit Schnelligkeit und Einsatzwillen. Schürrle bewies aber auch Spielverständnis. Er war es, der in der 26. Minute den einzigen deutschen Treffer durch Mario Gomez vorbereitete - und von Joachim Löw im Anschluss gelobt wurde: "Er ist mir positiv aufgefallen, ist mit und ohne Ball viele Wege gegangen. Das war klasse." Und die anderen? Was war mit den Schmelzers, Götzes, Benders oder Hummels'?

Zwei Beispiele: Marcel Schmelzer wollte in dieser Partie "Druck ausüben", das hatte er vor dem Spiel gegen Australien noch angekündigt. Die Position des linken Außenverteidigers ist die neuralgische Stelle in der Nationalmannschaft. Da hat Joachim Löw noch immer keinen 1A-Kandidaten gefunden. Schmelzer hätte also punkten können. Er tat es nicht. Wenig bis nichts war von seiner Offensivpower und jener Bissigkeit zu sehen, für die er in Dortmund Woche für Woche gefeiert wird. Chance vertan, der Nächste bitte. Löw wird sich links weiter umschauen müssen.

So nicht, Herr Träsch

Oder Mats Hummels, Schmelzers Teamkollege vom BVB: Auch er kam in der neu formierten Viererkette zum Einsatz und wollte allen beweisen, dass er es eigentlich schon gegen Kasachstan verdient gehabt hätte aufzulaufen. Gegen Australien war in der zweiten Hälfte wenig von seiner Souveränität und Abgeklärtheit erkennbar. Vor dem 1:1 verlor Hummels ungelenk den Ball und ließ sich gemeinsam mit Christian Träsch, der hibbelig-nervösen Urlaubsvertretung von Philipp Lahm, mit einem einzigen Doppelpass düpieren. So drängt man sich nicht für den freien Platz in der Innenverteidigung neben Per Mertesacker auf.

Erkenntnis des Abends von Mönchengladbach: Das Jungvolk muss sich in der Nationalmannschaft weiter hinten anstellen. Im Ernstfall wird Joachim Löw denen vertrauen, die sich schon bewährt haben. Jetzt, wo es mit seinem Experimentieren nicht geklappt hat, hat der Bundestrainer ein Argument mehr für seine wertkonservative Haltung - gegen Australien hat man gesehen, dass es eben nicht so einfach ist in der Nationalmannschaft. Sowohl André Schürrle ("Ich war nervöser als im Verein"), als auch der dritte Dortmunder in der Startaufstellung Sven Bender ("Es ist etwas anderes, für die Nationalmannschaft aufzulaufen") bestätigten das hinterher.

Joachim Löw bemerkte zwar in der ersten Hälfe "viele gute Ansätze", aber er sagte auch: "Ich sehe Verbesserungspotenzial bei den jungen Spielern." Zu hoch hängen wollte er die Pleite dennoch nicht, weil auch er weiß, dass seine Mannschaft in dieser Besetzung nie wieder ein Länderspiel bestreiten wird. "Die Niederlage ist nicht so dramatisch. Es gibt eben auch mal Alltagskost", sagte Löw. Danach verschwand er im Eiltempo vom Podium der Pressekonferenz im Borussia-Park. Der Bundestrainer schien noch etwas Wichtiges vorzuhaben. Vielleicht wollte er ja vor Einbruch der Nacht noch schnell Mesut Özil in Madrid anrufen - und ihn vorab schon mal zum nächsten Länderspiel einladen.


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