Fußball-Presseschau "Bayern haben Respekt verspielt"


Bayern München ist Herbstmeister, doch die Kritik an Trainer und Management wird lauter. Schalke gewinnt, ohne zu gefallen. Dortmund ist immer für eine böse Überraschung gut. Und Meister Stuttgart kann sich nicht als Spitzenelf bewähren. stern.de und "indirekter Freistoß" blicken in die Gazetten.

Mit Blick auf die Tabelle und die Statistik nimmt Jan Christian Müller ("Frankfurter Rundschau") den Bayern-Kritikern einen Teil ihrer Argumente: "Nullnull in Dortmund, nullnull gegen Frankfurt, nullnull gegen Duisburg, nullnull in Berlin. Aber die Nullinger haben trotzdem vom ersten bis zum letzten Spieltag auf dem 1. Platz gestanden. Sie haben in siebzehn Spielen lächerliche acht Gegentore kassiert, was auf eine drückende Überlegenheit schließen lässt. Sie müssen schon sehr, sehr viel falsch machen, wenn sie nicht Meister werden. Aber sie haben schon jetzt ziemlich viel falsch gemacht: Denn sie haben den im Sommer auch unter ihnen weniger zugeneigten Menschen ganz schnell erarbeiteten Respekt noch viel schneller wieder verspielt."

Christian Eichler ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") hingegen stutzt den Klub und seine Führung zurecht: "Warum schafft es der Klub nicht mehr, Spieler weiterzuentwickeln? Es gibt zu viele, die nicht besser werden. WM-Stars wie Lahm, Schweinsteiger, Podolski stagnieren oder haben sich gar zurückentwickelt, und das kann der Klub nicht mehr auf die Nationalelf schieben. Wäre der FC Bayern ein Weltunternehmen, der Personalchef müsste sich fragen lassen, warum man reihenweise 'High Potentials' anwirbt, es aber nicht schafft, sie weiterzuentwickeln. (...) Ist Ottmar Hitzfeld der richtige Mann? Die Aufgabe, einen durch teure Einkäufe umgestalteten Kader neu zu ordnen, Egos auf Kurs zu bringen, Kräfte zu bündeln, ist eine der schwersten im Trainerjob. Sie verlangt nach einem nervenstarken Psycho-Spieler, einem, der jung, aber mit allen Wassern gewaschen ist; einem Typen wie José Mourinho, der das bei Chelsea schaffte. Aber spielen die Bayern in seiner Liga? In der sind Milan, Inter, Barca, Real; Klubs, mit denen sich Uli Hoeneß gern auf Augenhöhe sieht. Dabei braucht er ein richtig gutes Fernglas."

Richard Leipold ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") vermisst bei Schalke, 2:1-Sieger gegen Nürnberg, den Erlebnisfaktor: "Die letzte Runde war wie ein Spiegelbild der ersten Serie. Beim dürftigen Heimsieg über den 1. FC Nürnberg zeichneten die Fußballprofis des FC Schalke 04 sich wieder durch eine Art von Effektivität aus, deren Charme nur beim Blick auf Zahlen und Tabellen zum Vorschein kommt. Die Zugabe vier Tage nach dem umjubelten Einzug ins Achtelfinale der Champions League blieb auf ein spielerisches Minimum beschränkt, das ausreichte, um auch in der Bundesliga den sportlichen Anspruch des Reviervereins aufrechtzuerhalten. Die Schalker wollen weiterhin Dritter werden - auch wenn sie selten, fast nie so gespielt haben in den vergangenen Monaten. Gemessen am Niveau einer Spitzenmannschaft, bewegen die Königsblauen sich oft an der spielerischen Armutsgrenze, aber sie tun es neuerdings ökonomisch."

Sebastian Stiekel ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") meint nach dem 4:0 gegen Dortmund, dass ins Wolfsburger Spiel Leben gekommen ist, wenn auch kein dauerhafter Erfolg:

"Kein Klub hat mehr ver- und eingekauft in diesem Halbjahr, und kein Klub hat auf der Suche nach der besten Formation häufiger die Aufstellung verändert. Der Umbruch, den Felix Magath seit Juli vornimmt, hat den VfL Wolfsburg nachhaltig geprägt in dieser Hinrunde. Neuzugänge wie Josué, Dejagah oder Grafite haben ihn enorm verbessert und dazu befähigt, so starke Leistungen wie gegen Dortmund zu zeigen. Die Integration von vierzehn Neuen und die Häufigkeit, mit der Magath umstellte, zogen aber auch Abstimmungsprobleme nach sich, die mehr als ein Überwintern auf Platz zehn verhinderten. Der Verein hat deutlich besser gespielt als in den abstiegskampfgeprägten vergangenen Jahren. Deutlich mehr Punkte als zuletzt hat er an Weihnachten aber nicht."

Claudio Catuogno ("Süddeutsche Zeitung") legt angesichts der Dortmunder Leistung die Stirn in Falten:

"Es war ein seltsam lebloses Bild, das die Borussen abgaben. Vorne schlichen sie unbeholfen um den Strafraum der Gastgeber herum wie schüchterne Tanzschüler bei Damenwahl. Ein paar verzogene oder übers Gehäuse gelupfte Schussversuche, mehr war nicht zu sehen. Der Spielaufbau aus der Defensive heraus versagte fast völlig, ebenso wie die Defensive selbst. Der Auftritt des BVB jedenfalls verwunderte nach zuletzt zwei Siegen gegen Stuttgart und Bielefeld. Das Team bleibt in dieser Saison Dollis Wundertüte: Immer ein bisschen zu süßlich angepriesen dafür, dass man nie weiß, was man kriegt."

Peter Stolterfoht ("Stuttgarter Zeitung") fasst das Stuttgarter Jahr zusammen, das mit einem 0:2 in Bielefeld endet: "Weder die Höhepunkte noch die Tiefpunkte haben etwas mit Zufall zu tun. Der VfB wurde Meister, weil er im Frühjahr die entschlossenste und nervenstärkste Mannschaft war. Nach dem Titelgewinn fand die Mannschaft Zeit zum Nachdenken - was nicht von Vorteil war. So sind die Stuttgarter Profis wohl zu dem Ergebnis gekommen, dass sie als Meister für den Erfolg nun nicht mehr ganz so hart arbeiten müssen. Das Stuttgarter Ziel, auch international positiv auf sich aufmerksam zu machen, wurde verfehlt - genauso wie jenes, den Club nach dem Titelgewinn als deutschen Spitzenverein zu etablieren. So deutet im Moment einiges darauf hin, dass der VfB - wie schon nach den Meisterschaften 1984 und 1992 - den Anschluss verpasst. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Deshalb ist das VfB-Jahr 2007 womöglich doch nicht ganz so einmalig."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker