Fußball-Presseschau 'Krieg der Sterne'-Assoziationen


Die Bayern sind ernüchtert, die Schalker imponieren, die Frankfurter belegen die Qualität ihres Trainers, die Bremer machen einem Sorgen, die Cottbusser sollten sich was schämen - stern.de und indirekter-freistoss blicken in die Gazetten.

Roland Zorn (FAZ) schildert das Gefühl der Bayern, durch ein erneutes 1:1-Unentschieden, diesmal gegen Schalke, aus süßer Nachtruhe gerissen worden zu sein: "Dass nach dem Unentschieden hier und da Pfiffe laut wurden in der Allianz-Arena, zeigte nur, wie unwirklich sich die Situation rund um die 'Sterne des Südens' wieder einmal zugespitzt hatte. Weder besitzen die Bayern den Titel in Erbpacht, noch wird sich die Gegnerschaft geschlossen und freiwillig geschlagen geben, nur weil die großen Bayern ihr Team teuer wie nie aufgerüstet haben. Was die Münchner nun schnell finden müssen, ist die nüchterne Orientierung in einer Landschaft der nicht einlösbaren Traumvorstellungen. Der Fußball bietet auch seinen herausragenden Darstellern keinen Platz für Überfliegerphantasien, für weißes oder rotes Ballett, für 'Krieg der Sterne'-Assoziationen."

Elisabeth Schlammerl (Stuttgarter Zeitung) applaudiert: "Wenn Spiele wie das gegen Schalke zu den schlechteren gehören, dann ist weiterhin für beste Unterhaltung gesorgt. Der Bundesliga-Gipfel war eine perfekte Demonstration hochklassiger Taktik, sehenswerter Fußballtechnik und zumindest eine Stunde lang auch hohen Tempos beider Mannschaften."

Dominanter Konterfußball

Mit Hochachtung warnt Christof Kneer (SZ) vor Schalkes Taktik: "Die Schalker lassen den Gegner gerne spielen, und wenn sie den Gegner so weit haben, dass er sich überlegen fühlt, hauen sie plötzlich einen Konter raus, der auf die Überlegenheit des Gegners leider keine Rücksicht nehmen kann. Selbst die tatsächlich überlegenen Bayern haben sie auf diese Weise überfallen. Am Beispiel Schalke zeigt sich, was passieren kann, wenn man ein Stilmittel vom Mief der Vergangenheit befreit. In diesen modernen Zeiten fing der gute, alte Konter gerade an, etwas streng zu riechen, aber die Schalker haben ihn kräftig durchgelüftet. Zuletzt galt der Konter nur noch als Steilpass des kleinen Mannes - als eine Art Notwehr, angewendet von unterlegenen Teams, die das Spiel nicht selbst gestalten können. Die Schalker aber spielen einen Fußball, der den Kontercharakter mit dominanten Elementen mischt."

Veredelungen

Ralf Weitbrecht (FAZ) rehabilitiert Friedhelm Funkel nach dem 2:1-Sieg Frankfurts gegen Hamburg: "Dass sich Funkel immer wieder den Vorwurf anhören muss, er könne angeblich keine Mannschaft weiterentwickeln und nach vorne bringen, hat eine andere Dimension erreicht: Er kann es augenscheinlich doch! Seine noch vor Jahresfrist wankelmütigen und in ihren Leistungen schwankenden Profis haben im vierten Jahr seiner Frankfurter Amtszeit deutlich an Format und Kontur hinzugewonnen. (…) Beide Mannschaften haben bewiesen, dass sie dank der Ruhe, Umsicht und Erfahrung ihrer Fußballlehrer Funkel und Huub Stevens einen sichtbaren Veredelungsprozess durchlaufen haben.“

Letzter Standortvorteil

Richard Leipold (FAZ) fasst sich nach dem 0:3 der Bremer in Dortmund an den Kopf und sucht nach Zeichen der Hoffnung: "Die Ruhe des Stoikers Schaaf zeichnet Werder seit langem aus. Zumindest dieser Standortvorteil scheint nicht in Gefahr. Hätte Werder nicht so eine gewachsene Struktur, so erfahrene Führungskräfte, den Bremern könnte angst und bange werden vor dem Spiel in Madrid. Quer durch die Mannschaftsteile ist ihnen nahezu alles an Leichtigkeit abhanden gekommen, was sie glaubten zurückgewonnen zu haben nach ihrem schwerfälligen Start. Lange galt Bremen im deutschen Fußball als Muster an Stabilität. Aber geschwächt durch zahlreiche Ausfälle beim Stammpersonal, wirkt der Rest der Crew unsicher und fahrig."

Blüte in Cottbus und Rostock

Thomas Kilchenstein (FR) will nicht glauben, dass Petrik Sander in Cottbus in Frage steht: "Genau das ist das Schicksal der kleinen Klubs: Sie dürfen sich auf dem Transfermarkt keine Patzer erlauben. Andere, größere und finanzkräftigere Klubs können Fehleinkäufe eben leichter verkraften. Bei Vereinen wie Energie Cottbus, Hansa Rostock, VfL Bochum oder auch Mainz 05 geht es nach einem einzigen Fehlgriff oft schon ans Eingemachte. Und der Trainer ist dann der Dumme. Wenn er sich nicht des Rückhalts des Präsidenten sicher sein kann, sind seine Tage gezählt. Mit Ulrich Lepsch, einem Sparkassendirektor, kann Sander offenbar nicht gut. Seit der gescheiterten Vertragsverlängerung gilt das Verhältnis der beiden als belastet. Sander ist sicherlich kein einfacher Mann. Das Erfolgsmodell Energie Cottbus aber trägt allein seinen Namen."

Josef Kelnberger (SZ) klopft den Cottbussern und Rostockern, 17. und 18. der Ersten Liga, auf die Schultern und stellt klar: "Energie ist wie Hansa ein kleiner Verein, und wer endlich blühende Landschaften im Fußball-Osten sehen will, sollte bedenken: Cottbus und Rostock erleben eine Blüte, angesichts der wirtschaftlichen Bedingungen, wie Aue und Jena in Liga Zwei. Wer klagen will, findet Anlass in Magdeburg und Dresden, wo Klubs mit großer Tradition es nicht schaffen, sich aus der Drittklassigkeit zu befreien - und Anlass zur Depression in Leipzig, an der Wiege des deutschen Fußballs. Dort funkelt das WM-Stadion des Ostens, dort erlebt die Wirtschaft einen beachtlichen Boom, aber der führende Klub, Viertligist Sachsen, hat gerade wieder Mühe, seine Rechnungen zu bezahlen. Wieder soll die Stadt helfen, wieder träumt man von einem Großsponsor, von russischen Millionen, einer Investorengruppe, wie sich gerade eine bei Carl Zeiss Jena engagiert. Zur Not will man einfach das überaus erfolgreiche Nachwuchszentrum schließen. Das ist echter Aberwitz."


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