Fußball-Presseschau Deutsche Bravehearts und ein Meisterfänger


Trotz eines zähen 0:0 in Irland preist die deutsche Presse Joachim Löw und sein Team. Beste Noten und ein Sonderlob bekommt Torwart Jens Lehmann. stern.de und indirekter-freistoss blicken in die Gazetten.

Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) würdigt Löw: "Mit dem vorzeitigen Erreichen der Europameisterschaft ist der Bundestrainer an einem vorläufigen Höhepunkt angelangt. Keiner seiner Vorgänger hat es geschafft, eine Qualifikation so reibungslos und früh zu vollenden. Und keinem ist es gelungen, dabei einen so attraktiven Fußball spielen zu lassen und aus einst quälenden Pflichtübungen Ereignisse zu machen. Das ist neu im deutschen Fußball, dass auch eine Qualifikation Spaß machen kann. Das schmucklose 0:0 in Irland vermag an dieser Grundtendenz nichts zu ändern."

Thomas Kilchenstein (Frankfurter Rundschau) pflichtet ihm bei:

"Viele hatten nach dieser glanzvollen WM den Einbruch der Mannschaft erwartet, physisch wie mental. Das Gegenteil ist eingetreten. So zeigt sich, dass sie über ein sicheres Fundament verfügt - und dieses Fundament hat Löw gelegt. Schon zu Zeiten, als noch Klinsmann in der ersten Reihe stand."

In sich stimmig

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) deutet auf eine neue Facette im Spiel der DFB-Elf:

"Dass die Deutschen neuerdings Fußball spielen können, daran hatte sich Europa gerade gewöhnt, aber dass zu diesem neuen süffigen Fußball auch trockener Realismus gehört, das war nicht abgemacht. Die Deutschen haben nicht besonders gut Fußball gespielt, aber wer den Weg dieser Mannschaft verfolgt hat, dem drängt sich der Eindruck auf, dass die Elf in ihrer Entwicklung wieder eine Ebene höher geklettert ist. Diese deutsche Nationalmannschaft, die ihre Karriere unter der Leitung des radikalen Jürgen Klinsmann als Fundi begann, ist in Dublin endgültig zum Realo geworden."

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) fügt an: "Passende Ergebnisse einzuspielen ist eine Spezialität italienischer Fußballmannschaften. Inzwischen kann auch die deutsche Nationalelf, wenn es sein soll, in Irland ein 0:0 erreichen oder, wenn's beliebt, in Tschechien gewinnen oder, wenn die Personalnot groß ist, England dennoch im Wembley-Stadion besiegen. Was sie unter Löw zu bieten hat, ist so gut wie jedes Mal in sich stimmig, gruppentaktisch eingeübt und kollektiv überzeugend präsentiert worden."

Waffen gewechselt

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) führt aus:

"Die Spieler haben gezeigt, dass sie nicht nur über sich hinauswachsen, sondern auch mal zu ihrer Normalgröße stehen können. Sie haben in dieser Partie mit dieser offensiv so behelfsmäßig besetzten Elf ihre Grenzen erkannt, aber sie haben sich dadurch nicht schrecken lassen, sondern gelassen reagiert: Sie haben mal eben ihre Denkweise geändert. Sie haben Ergebnisfußball und nicht, wie gewohnt, Erlebnisfußball gespielt. Sie haben sich damit zufrieden gegeben, den einen Punkt zu erringen, den sie noch brauchten, um sich für die EM 2008 zu qualifizieren. Sie sind von ihrem Vorsatz abgewichen, stets dem Gegner ihren Stil aufzuzwingen und eine irisch geprägte Partie akzeptiert. Sie haben nicht agiert, sondern reagiert. Sie haben Witz durch Willen ersetzt, Kunst durch Kampf, Ideen durch Intelligenz."

Zorn gefällt der Mut und die Kernigkeit der Löw-Truppen:

"Diejenigen, die in den Fight gegen die knochenhart ihre letzte Chance suchenden Iren zogen, haben sich bestens geschlagen. Diesmal nicht mit den Waffen der Könner am Ball, sondern eher mit dem Geist der leidenschaftlichen Kämpfer. Dort, wo sonst der Gaelic Football seine Hochburg hat, erlebten 67.000 Zuschauer deutsche Bravehearts bei der Arbeit. Sie ließen sich nicht einschüchtern von den fetzigen Attacken der Iren und nicht dazu verleiten, ihre elastische Abwehrkraft leichtfertig aufs Spiel zu setzen; sie führten ihrem erbitterten Widersacher nur momentweise einen Hauch von gehobener Spielkultur vor und fühlten sich alsdann wieder ihrem wehrhaften Arbeitsethos verpflichtet. Am Ende aller Mühen stand eine auf den Punkt gebrachte hochkonzentrierte Leistung, als es galt, notfalls ohne Tor entscheidend zu punkten. Torhüter Lehmann war an diesem Abend des europäischen Gesellenstücks der Löw-Truppe der Meisterfänger."

Ein Lehrvideo über modernes Torwartspiel

Lesch gibt dem deutschen Torhüter eine sehr gute Note: "Lehmanns Leistung ist ein überzeugendes Plädoyer in eigener Sache gewesen. Seine Vorstellung taugte als Material für ein Lehrvideo über modernes Torwartspiel. Er hat mitgedacht und mitgespielt, er hat gezeigt, dass er mit der Innenverteidigung Metzelder/Mertesacker mittlerweile ein schwer überwindbares Bollwerk bildet. Unangreifbar ist seine Position trotzdem nicht."

Von hinten nach vorne aufgebaut

Und Kneer imponiert die deutsche Abwehrkraft:

"Dieses Spiel hat auch gezeigt, dass die DFB-Elf dabei ist, ihr Repertoire zu vervollkommnen. Unter Klinsmann war das oft eine Hurra-Mannschaft, die vor lauter Hurra nicht merkte, dass im Zentralbereich ein Loch klaffte, so groß wie der Strand von Huntington/Beach. Die Mannschaft war eindeutig von vorne nach hinten gebaut - Löws Mannschaft dagegen ist von hinten nach vorne aufgebaut, was den Erfordernissen des modernen Fußballs eher entspricht. Auch in Dublin wurde das Spiel der DFB-Elf vom Stabilitätspakt Lehmann/Mertesacker/Metzelder getragen - vorne gingen die Bälle im fahrigen Mittelfeld verloren, aber hinten wurden sie dann wieder eingefangen, von einem Stelzenbein Mertesackers, von einem Kopfballs Metzelders oder von den fangbereiten Armen Jens Lehmanns. Lehmann ist nun also ein Drittel des magischen Defensivdreiecks und vermutlich unverdrängbarer denn je."


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