Fußball-Presseschau Olli Kahn muss zurück ins deutsche Tor


Aus dem Meister Stuttgart ist ein Abstiegskandidat geworden. Bayern gewinnt wie nun in Bochum auch schwache Spiele und Manuel Neuer fügt der Verwirrung um Deutschlands Torhüter ein Mosaikstein hinzu. stern.de und indirekter-freistoss blicken in die Gazetten.

Daniel Theweleit (Spiegel Online) prophezeit dem VfB Stuttgart eine weitere Abwärtsbewegung und eine harte Landung: "Es ist ein Absturz von sagenhafter Dimension, den der Deutsche Meister in dieser zweiten Jahreshälfte erlebt. Schlimmer als der Blick auf die Tabelle ist eine böse Ahnung, die über Stuttgart liegt: Es ist noch längst nicht vorbei. Niemand weiß, wie der Fall zu bremsen ist. Das eigentliche Gesicht dieser Stuttgarter Mannschaft kennen wir nicht. Voriges Jahr zeigte sich ein übermütiges Glückskind. Nun präsentiert sich ein überforderter Schuljunge mit Problemen, für die er wenig kann. So einem Team traut man einen überraschenden Abstieg ebenso zu wie einen Meistertitel, den niemand erwartet hatte."

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) kommt der Vergleich mit den ehemaligen Meistern und Meisterkandidaten Kaiserslautern, Dortmund, Leverkusen und Hamburg in den Sinn:

"Jeder dieser Abstürze hat seine eigenen Geschichten, aber das Grundthema bleibt immer gleich: Es geht um die plötzliche Überforderung eines Standorts beim Versuch, den Erfolg dauerhaft nutzbar zu machen. In Stuttgart haben sie diesen Versuch seriös geplant, und doch kann man förmlich dabei zusehen, wie im Kader immer mehr die Statik verrutscht. In seltener Vollständigkeit sind in Stuttgart all die kleinen, banalen Gemeinheiten nachweisbar, die einem in der Summe teuer zu stehen kommen: meisterlich motivierte Gegner, Doppelbelastung, verlockende Auslandsangebote, Eifersüchteleien und Gehaltsdebatten in einem neu zu mischenden Kader - und eine Verletzungsepidemie, die Spieler wie Hilbert, Gomez oder Tasci aufs Feld humpeln lässt, weil sich im Kader keine gesünderen mehr finden. Der FC Bayern kennt all diese Gemeinheiten seit dreißig Jahren, er muss also keine Angst haben, wenn er die Schale im Mai gebraucht zurückbekommt."

Unterwerfung

Richard Leipold (Frankfurter Allgemeine Zeitung) schildert, wie knapp die Bayern in Bochum gewonnen haben: "Wenn Bayern gegen Bochum spielt, ist der Unterschied oft groß, manchmal auch klein, und am Ende gewinnen zumeist die Bayern. Beim jüngsten Treffen war der Unterschied kleiner, als die Tabelle oder gar die Wirtschaftskraft hätten vermuten lassen. Das 2:1 gegen den VfL bot den Münchnern keinen Grund, stolz zu sein auf ihre Leistung, die in summa gerade genügte, um die lieben Kleinen aus Bochum in die Schranken zu weisen. Der Unterschied, der den Ausschlag gab, war klein und groß zugleich: Er hieß Franck Ribéry."

Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung) hingegen nimmt den jüngsten Sieg als weiteres Indiz für die Unbezwingbarkeit der Münchner:

"Wer wird es noch schaffen, nicht gegen die Bayern zu verlieren? In der Betrachtung des neuen FC Bayern ist eine gewisse Apathie eingetreten im deutschen Profifußball, und eine Unterwerfung bahnt sich an, wie sie die Völker im Römischen Reich erfahren haben."

Die Bayern des kleinen Mannes

Ralf Wiegand (Süddeutschte Zeitung) rechnet wieder mit Werder Bremen und macht ein zweischneidiges Lob:

"Die Bremer sind, wenn man so will, die Bayern des kleinen Mannes. Gerade noch von Krise redend und mit acht, neun Verletzten geschlagen, steht die ständig umformierte Mannschaft plötzlich auf Platz 2. Zumindest die Heimspiele geraten wieder regelmäßig zum Spektakel, beim 8:1 gegen Bielefeld über neunzig Minuten oder, wie gegen Berlin, nach einer ersten Hälfte von solider Langeweile wenigstens nach dem Wechsel. Der Gedanke muss erlaubt sein, wo die Bremer stünden, hätten sie jene Elf früher beisammen gehabt, die sich nun abzeichnet."

Olli Kahn muss zurück ins deutsche Tor

Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) nimmt den Fehler des Schalker Keepers Manuel Neuer beim 1:1 in Rostock zum Anlass, über die Verwirrung zu sinnieren, in die uns deutsche Tormänner derzeit versetzen: "Jetzt patzt also auch noch der große Hoffnungsträger unter unseren Schlussmännern und ist damit in bester Gesellschaft. Markus Pröll mit Frankfurt, Raphael Schäfer mit dem VfB - selten hat man deutsche Torleute so formvollendet durch ihre Strafräume irren sehen wie an diesem Samstag. Als wäre die Situation nicht angespannt genug! Torhüter aus Deutschland - das galt früher als Qualitätsmerkmal, in einem Atemzug genannt mit Whisky aus Schottland oder Knäckebrot aus Schweden. Und heute? Sitzt Jens Lehmann, die deutsche Nummer 1, bei Arsenal ebenso auf der Bank wie in Valencia Timo Hildebrand, die deutsche Nummer 2, der sich nach der Rückkehr von der Nationalmannschaft in der Reservistenrolle wiederfand. Beide wurden sie verdrängt von Kollegen aus Spanien, deren Torhüter früher immer im gleichen Ruf standen wie Bier aus den USA. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Wie ernst die Lage ist, zeigt auch die Tatsache, dass sich Uli Hoeneß zu Wort gemeldet hat und es 'total ungerecht' findet, über Lehmanns Zukunft im deutschen Tor zu diskutieren. Hoeneß lobt Lehmann - so weit ist es gekommen. Die Lage ist verfahren, es gibt nur eine Lösung: Olli Kahn muss zurück ins deutsche Tor. Dann wird alles wieder gut."

Schlechtes Bild

Ingo Durstewitz (Frankfurter Rundschau) rügt das anhaltende Schweigen der Dortmunder Spieler:

"Der stille Protest weist in die falsche Richtung. Die Bundesliga ist längst zu einem millionenschweren Unterhaltungsprodukt mutiert, einem glamourösen Zirkus, und es sind gerade die Medien (vor allem das Fernsehen), die mit Verve an diesem Rad drehen und für Spielergehälter in siebenstelligen Euro-Bereichen sorgen. Die Herren Fußballer sollten sich dieser Wechselwirkung bewusst sein. Der Boykott wirft überdies ein schlechtes Bild auf die Dortmunder Vereinsführung, die von ihren kickenden Angestellten einen professionellen Umgang mit den Berichterstattern einfordern müsste. Aber die Oberen haben schon genug Probleme - miteinander."


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