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Fußball-Presseschau: Pokal-Sieg ohne große Leidenschaft

Der Pokalsieg Bayerns ruft die Kritiker auf den Plan: zu matt sei deren Auftritt gewesen. Und Ottmar Hitzfeld hinterlässt Jürgen Klinsmann ein schweres Erbe. Mit Thomas Dolls Entlassung wird weiterhin gerechnet – stern.de präsentiert die Pressestimmen zum DFB-Pokalfinale.

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) schüttet Wasser in den Schampus des Pokalsiegers aus München: „Wie eine Mannschaft aus Europas De-Luxe-Klasse wirkten die Münchner gegen einen fast gleichwertigen Gegner beileibe nicht. Sie bewiesen aber Standfestigkeit und zweifelten nicht an ihrer Überzeugung, sich in jeder Lage durchsetzen zu können. So wurden zwar noch keine Zeichen für die bevorstehende Rückkehr in die europäische Liga der Besten gesetzt, die die Konkurrenz in England oder Spanien beunruhigen könnten, doch für den Hausgebrauch reichte die Extradosis Erfolgsbesessenheit, personifiziert durch Oliver Kahn und Luca Toni, allemal aus. Wie fragil diese Konstruktion sein kann, deutete sich aber auch an. Ist Franck Ribéry in Durchschnittsform wie am Samstag, kommt gleich das ganze Bayern-Spiel ins Stocken. (…) Jürgen Klinsmann wird ein schweres Erbe, aber auch eine überaus reizvolle Aufgabe übernehmen, da in diesem Bayern-Ensemble noch viel zu entwickeln und viel zu verbessern ist. Auch das war deutlich zu sehen.“

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) drückt seine Enttäuschung über den Gewinner und das Spiel deutlicher aus: „Selten hat ein Team mit weniger Engagement und mit weniger Leidenschaft den Pokal gewonnen als der FC Bayern. Die Spieler von Trainer Ottmar Hitzfeld boten ein seltsames Spiel. Sie zauberten einen Führungstreffer aufs Feld, der jedes Lehrbuch schmücken würde: 40-Meter-Querpass von Mark van Bommel, perfekte Ballannahme von Ribéry, Flanke zu Toni, Schuss, Tor – da paarten sich Ästhetik, Übersicht, Präzision. Und dann? Kam nichts mehr. Die Münchner verwechselten Lässigkeit mit Nachlässigkeit, ihre Souveränität geriet zu Arroganz. Sie ließen es zu, dass die Dortmunder von der Karikatur eines Finalisten zu einem gefährlichen Gegner wurden. (…) Nie wirkte die Partie wie ein Drama, nie entfaltete sie die Atmosphäre, die Pokalfinals gern zugeschrieben wird, nie ließ sie Herzen rasen und Münder offen stehen.“

Stefan Osterhaus (Financial Times Deutschland) stimmt ein, den Protagonisten widersprechend: „Die Verklärung setzte unmittelbar nach dem Abpfiff ein. Was für ein spektakuläres Pokalfinale dies gewesen sei, das wurde Karl-Heinz Rummenigge gar nicht müde zu betonen. Mit ihm war sich Thomas Doll einig, der artig wie ein Ministrant den Bayern kurz vor Mitternacht gratulierte – nach einem Match, das sich gar keine Verlängerung verdient hatte. Was sich auf dem Rasen der alten Kampfbahn abspielte, entsprach dem Niveau eines durchschnittlich schlechten Bundesligaspiels, in dem ein Außenseiter gegen einen lethargischen Favoriten in allerletzter Minute zum Ausgleich kommt. Doch weil der Finalmodus einen Sieger erfordert, wurde das quälende Spiel um eine halbe Stunde verlängert.“

Andreas Burkert (Süddeutsche Zeitung) legt dar, dass Ottmar Hitzfeld Erfolg für sich sprechen lasse, an dem sich wiederum sein Nachfolger messen lassen müsse: „Wenn Hitzfeld doch einmal auf Rache aus war, dann reagierte er mit seinem Mittel: mit Erfolg. An den Dortmundern rächte er sich ehedem für deren Liebesentzug mit dem Wechsel zu den in Westfalen nicht sonderlich beliebten Bayern, für die er umgehend Titel in Serie sammelte. Und sein Erbe an den mutmaßlichen Superreformer Jürgen Klinsmann, der ihm, einem Mathelehrer alter Schule, vorgezogen wurde, könnte nun tatsächlich aus einem bisher unerreichten Triple bestehen. Dies ist beinahe hinterlistig zu nennen. (…) Klinsmann hat nur ein Jahr Zeit, um seine von großen Aufregungen begleitete Verpflichtung zu rechtfertigen: sein erstes Jahr.“

Obwohl die Dortmunder die Erwartungen übertroffen haben, rechnet Jan Christian Müller (Frankfurter Rundschau) mit der Entlassung Thomas Dolls am Saisonende: „Am Sonntag haben die 10.000 Fans, die Mannschaft und Trainer in Dortmund begrüßten, dem angeschlagenen Coach noch einmal freundlichen Beifall zukommen lassen. Es war schon eine Art Abschiedsauftritt. Denn da Doll bei den BVB-Fans nicht annähernd so beliebt ist wie seinerzeit bei den Anhängern des HSV, wo er Kultstatus besaß, da er zudem, anders als in Hamburg, auf keinerlei Erfolgsgeschichte beim BVB in der Liga zurückblicken kann, heißt es mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit, nach Saisonende Abschied zu nehmen. Die Scheinheiligkeit, mit der Boss Watzke sich derzeit öffentlich äußert, wird er dann bestimmt als Rücksicht gegenüber dem guten Menschen Thomas Doll erklären.“

Freddie Röckenhaus (Süddeutsche Zeitung) prognostiziert das gleiche: „Der Dortmunder Klassenerhalt dürfte weit weniger umjubelt werden als die Niederlage von Berlin. Platz 13 ist eine Schmach für Dortmund, das schlechteste Ergebnis seit den 80er Jahren. Platz 13 übersteht kein Trainer in Dortmund. Am 18. Mai, dem Tag nach dem letzten Spieltag, könnte das auch Doll erfahren. Die Nacht von Berlin wird dann vergessen sein.“

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