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Hertha-Trainer Lucien Favre: "Alles ist möglisch"

Lucien Favre bedient die neue Berliner Sehnsucht nach Seriosität. In einer Stadt voll schriller B-Prominenter kommt der leise Schweizer Fußballlehrer gut an - und Erfolg hat er auch noch. Dank ihm träumen die Hauptstädter von der ersten Deutschen Meisterschaft seit 78 Jahren.

Von Stefan Osterhaus, Berlin

Was denkt eigentlich Lucien Favre? "Es ist schwer, sicher." Schwer - was denn? "Es ist nicht einfach. Wir müssen arbeiten." Und der Gegner? "Sie haben Qualität, das ist klar. Ja, das ist klar." Alles klar. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der freundliche Mann aus der französischen Schweiz sein Inneres tatsächlich nach außen kehrt. Denn wer den Fußball der Hertha betrachtet, kann nur zu dem Schluss kommen, dass die Berliner ein Universalrezept gefunden haben. Es kann für jeden Gegner zur Anwendung kommen, ganz gleich, ob der nun Bayern München oder Eintracht Frankfurt heißt. "Qualität" - das ist der kategorische Imperativ auf dem Weg zur Meisterschaft.

Zwei Spiele stehen noch aus, lediglich ein Punkt Rückstand trennt die Berliner vom ersten Rang - ein Heimspiel gegen Schalke und ein Auswärtsspiel gegen abgestiegene Karlsruher ergeben ein leichtes Restprogramm. Und was sagt Favre, der Mann mit dem smarten Dialekt? "Alles ist möglisch." Vor ein paar Wochen hielt er auch noch Platz sechs für "möglisch", falls es einmal nicht so gut für seine Mannschaft laufen sollte.

Meister der permanenten Untertreibung

Er ist ein Meister der permanenten Untertreibung Aber er macht seinem Publikum nichts vor. Favre reflektiert die Diskretion eines Schweizer Bankiers aus der Zeit, in der das Bankgeheimnis noch so sicher war wie der Gezeitenwechsel. So etwas kommt mittlerweile gut an im turbulenten Berlin - hier, in der schrillen Hauptstadt. Hier verzehren sich die Leute nach Geschichten über Botschaftergattinnen, TV-Plauderrundenmoderatorinnen und aus dem Friseursalon eines B-Prominenten.

Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", musste nach der Einstellung der von ihm gegründeten "Berliner Seiten" erschüttert feststellen: "Dass sich diese Stadt zu einer Stadt entwickelt, in der ein Schweizer Diplomat, ein Friseur und eine Talkshowdame irgendwie die neue Republik repräsentieren, das habe ich nicht erwartet."

Die Hochburg des Scherengeklappers ist keine Stadt der großen Männer. Wowereit, Westerwelle, Walz: Berlin hat ein W-Problem, mindestens. Die großen Prognosen auf eine dolle Zukunft sind geplatzt wie manche Immobilienblase. Irgendwann sah es auch der Regierende Bürgermeister ein und kreierte seinen Slogan von "Arm, aber sexy", mit dem er bis heute über die Runden kommt.

Und die Hertha? Ist auch nicht reich, war aber nie sexy. Auch bei ihr waren - schon bald nach der Einheit - die Versprechen auf goldenen Hauptstadtfußball schnell verpufft. Und als vor bald zwei Jahren Favre mit der Empfehlung zweier Meistertitel mit dem FC Zürich in Berlin vorgestellt wurde, waren ihm die Berliner Journalisten wohlgesinnt.

Endlich einmal kein Lautsprecher, der das Blaue vom Himmel versprach. Nach vielen misslungenen Versuchen billigten sie ihm ein nicht gerade berauschendes erstes Jahr zu, ohne Monsieur an den Pranger zu stellen. Denn jeder, der bis elf zählen kann, sah auf den ersten Blick, dass Herthas Kader zu den schlechteren der Bundesliga zählte.

Musterbeispiel an Seriösität

Mittlerweile vergöttert auch der Anhang den schüchternen Mann. Und das, obwohl er wenig "anbietet" (Werder-Trainer Thomas Schaaf). Denn Favre ist nicht schrill. Er ist auch nicht schwul. Aber es ist trotzdem gut so. Er treibt sich nicht nachts auf Partys mit Modedesignern herum, die in Berlin weltbekannt sind. Wenn Favre sagt: "Ja, es ist schwierig", dann ist dies die konsequente Beschränkung aufs Kerngeschäft. Der Mann ist ein Musterbeispiel an Seriosität, wie sie die Berliner nicht mehr gewohnt sind.

Wenn Jürgen Klinsmann unter Verwendung von Börsenmetaphern bei den Bayern anstatt großer Gewinnversprechen "Verlustmeldungen" ("FAZ") gemacht hat, dann hat Favre mit einer defensiven Anlagestrategie auf wundersame Weise Erträge wie am Neuen Markt erzielt. Der geringe finanzielle Aufwand, mit dem ihm das in dieser Saison gelingt, müsste ihn für die Wirtschaftspresse eigentlich zum Manager des Jahres machen.

Was also ist dran an diesem Mann? Gar nicht viel, sagen diejenigen, die permanent mit ihm arbeiten. Er setzte tagein, tagaus auf Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen. Fußball ist für Favre eine Übung, deren Voraussetzung Talent ist. Er mag mitdenkende Profis. Wenn er zum Beispiel über seinen Mittelfeldspieler Maximilian Nicu spricht, dann sagt er: "Er ist intelligent. Das ist der Unterschied." Und: "Er spürt Fußball."

Ein Fußballlehrer, mehr nicht

Favre ist Fußballlehrer, mehr nicht, mehr will er auch nicht sein. So einen wollten auch die Bayern nach den Erfahrungen mit Klinsmann haben. Und wer weiß, vielleicht kriegen sie ihn ja auch noch. Man kennt sich schließlich: Mit Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge teilte sich Favre als Spieler früher bei Servette Genf das Zimmer, wenn es zu Auswärtsspielen ging. Sein Vertrag in Berlin endet am gleichen Tag wie der des neuen Bayern-Trainers Louis van Gaal in München. Aber würde er da überhaupt hinpassen? Was sollte er denn mit dem ganzen Geld anfangen? Es wäre schwierig, sicher.

FTD

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