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HSV vs. FC St. Pauli: "Ein Hauch von G20" – so bereitet sich Hamburg auf das Stadtderby vor

Es ist das erste Aufeinandertreffen des HSV und des FC St. Pauli seit sieben Jahren, damlas noch in der ersten Fußballbundesliga. Entsprechend groß ist die Anspannung in Hamburg vor dem Prestigeduell – auch auf den Straßen.

Das 1-zu-0-Tor im letzten Hamburger Duells zwischen dem HSV und dem St. Pauli; ein Wassserwerfer der Polizei

Gerald Asamaoh köpft ein. Sein 1-zu-0-Siegtreffer im Volksparkstadion 2011 war das letzte Tor eines Hamburger Stadtderbys. Für die Neuauflage am Sonntag hält die Polizei auch Wasserwerfer am Volksparkstadion bereit – wie schon am Ende der vergangen Erstligasaison

Wasserwerfer, Hundertschaften, Zivilfahnder, Hubschrauber, Reiterstaffel – die Hamburger und die Bundespolizei rüsten sich mit einem Großaufgebot an Material und Personal für ein Ereignis, das die Hansestadt elektrisiert. "Das hat einen Hauch von G20", kommentiert ein Pistengänger am Freitagabend im Hamburger Schanzenviertel die Vorbereitungen. 

Eine Nummer kleiner ist die ganze Sache schon. Statt über 30.000 werden rund 1000 Beamte im Einsatz sein und es geht auch nicht um den Schutz von 20 Staats- und Regierungschefs, sondern um das sportliche Duell zweier Rivalen: Erstmals nach sieben Jahren stehen sich die Mannschaften des Hamburger SV und des FC St. Pauli im seit Wochen ausverkauften Volksparkstadion gegenüber. Parallel findet im Millerntorstadion ein Public Viewing des "Spiels der Spiele"  statt, ebenfalls ausverkauft. (Verfolgen Sie die Partie ab 13.30 Uhr hier im stern-Liveticker.) 

20. Hamburger Stadtderby seit 1963

Stadtderby in Hamburg: 19 Mal trafen die beiden Rivalen seit Gründung der Bundesliga 1963 in Liga- oder Pokalspielen aufeinander, zehn Mal gewann der HSV, sieben Mal endete die Partie unentschieden, nur zwei Mal konnte der Konkurrent vom Millerntor das Prestigeduell für sich entscheiden, darunter auch das letzte, damals noch in der ersten Fußballbundesliga: Am 16. Februar 2011 gewann der Kiezclub auswärts im Volkspark mit 1 zu 0 – und darf sich seitdem mit dem inoffiziellen Titel des Stadtmeisters schmücken. 

FC-St.-Pauli-Trainer Markus Kauczinski, HSV-Coach Christian Titz

Wer jubelt am Ende? FC-St.-Pauli-Trainer Markus Kauczinski (l.) oder HSV-Coach Christian Titz?

Getty Images

Sportlich ist seitdem ein wenig Tristesse eingekehrt, bei beiden Clubs: Während der FC St. Pauli bereits am Ende der Saison 2010/2011 nach nur einem Jahr in Liga eins wieder abstieg und seitdem nie wieder ins Oberhaus zurückkehrte, ereilte der Absturz den bis dahin als Liga-Dino geltenden HSV vor rund vier Monaten.

Nun also Duell Nummer 20 seit 1963 (und das 100. insgesamt), erstmals in Liga zwei. Für beide Mannschaften geht es dabei um mehr als die sportliche Vorherrschaft in der Hansestadt. Nach zuletzt zwei wenig überzeugenden Auftritten geht es für den HSV zum einen darum, den Anschluss an die Tabellenspitze zu halten. Die von vielen Fans erhoffte und erwartete Dominanz des Teams von Trainer Christian Titz in der Liga ist bislang ausgeblieben. Besondere Motivation brauchen seine Spieler aber nicht, glaubt der 47-Jährige: "Der Ansporn reicht aus, dass wir gegeneinander spielen. Der Sieger kriegt die Lorbeeren, der Verlierer kriegt die Häme." Rund 2500 Zuschauer besuchten am Samstag das öffentliche Abschlusstraining der Titz-Elf.

"HSV hat nominell besseren Kader"

Seinem Gegenüber, St.-Pauli-Coach Markus Kauczinski, ist die Außenseiterrolle seiner Mannschaft klar. Er traut ihr aber einiges zu: "Ich weiß, dass der HSV nominell einen besseren Kader hat. Ich weiß aber auch, dass unsere Spieler sich zerreißen werden. Was andere mehr haben, gleichen wir durch Herz und Leidenschaft aus." Der Tabellenzehnte tritt nach zwei Siegen in Folge mit breiter Brust den Weg in den Volkspark an. Kauczinski freut sich auf sein erstes innerstädtisches Duell: "Derbys sind keine Spiele wie alle anderen, weil die Erwartungen und das Kribbeln in der ganzen Stadt etwas völlig anderes sind."

Auf dem Rasen werden sich die beiden Mannschaften vor de 57.000 Zuschauern nichts schenken, Rivalität herrscht aber auch auf den Rängen – und die soll nach Möglichkeit nicht in Gewalt umschlagen. Schon seit Monaten gibt es allerdings Attacken und Provokationen beider Fanlager. Mal wurden Anhänger des jeweils anderen Clubs angegriffen und zum Teil schwer verletzt, mal zogen Ultragruppierungen beider Vereine mehrfach mit Schmähgesängen durch die Straßen Hamburgs, um ihre vermeintliche Vorherrschaft zu demonstrieren. Zuletzt fielen mutmaßlich HSV-Sympathisanten mit einer geschmacklose Aktion auf: An mehreren Brücken in und um Hamburg haben sie lebensgroße Puppen in den Vereinsfarben des FC St. Pauli aufgehängt. Eine Kampfansage vor dem Derby.

Und doch gibt sich die Hamburger Polizei vor dem Derby gelassen. "Wir sehen uns hervorragend aufgestellt", versicherte Hamburgs Polizeisprecher Timo Zill. "Wir kennen und können Derby." Wochenlang brüteten Vereinsvertreter, Verkehrsbetriebe, Bundes- und Landespolizei über dem Sicherheitskonzept für das emotionsgeladene Spiel im Volksparkstadion.

Polizei sieht sich gut vorbereitet

Die beiden Fanlager sollen über getrennte S-Bahnhöfe anreisen, jene des HSV über Eidelstedt und Stellingen im Nordosten des Stadions, die des FC. St. Pauli über Bahrenfeld im Süden – eine "klare Fantrennung" sei das Ziel, so Zill. In der Arena selbst wird kein Alkohol ausgeschenkt, die Eingangskontrollen werden verschärft. Bereits in der Woche vor dem Spiel patrouillierten Sicherheitskräfte am Stadion, um zu verhindern, dass verbotene Gegenstände deponiert werden.

Die Polizei wird mit zahlreichen Hundertschaften im Einsatz sein, dazu auch Polizeipferde, Wasserwerfer und Hubschrauber bereithalten. Polizeipräsident Ralf Martin Meyer will Ausschreitungen unbedingt verhindern: "Wir werden es nicht zulassen, dass Gewalttäter den Sport als Bühne missbrauchen. Wir werden konsequent gegen Straftäter vorgehen."

Bereits am Vorabend des Derbys waren Beamte an neuralgischen Punkten in der Stadt postiert, die Polizei rechnete mit Auseinandersetzungen und Scharmützeln zwischen den beiden Lagern, auch weil sich für beide Fanszenen Unterstützer aus dem In- und Ausland angekündigt hatten. Mit insgesamt bis zu 1000 gewaltbereiten Fans rechnen die Beamten.

Am Abend und in der Nacht sei es aber ruhig in der Stadt geblieben, wie ein Sprecher der Hamburger Polizei dem stern mitteilte.

Sollte sich das im Verlauf des Tages ändern, kündigt Timo Zill ein entschlossenes Vorgehen seiner Kollegen an. "Wir werden einen langen Atem haben, um Straftäter zu verfolgen", sagte er bei der Präsentation des Sicherheitskonzeptes. Auf der Homepage der Polizei wurde bereits vor der Partie ein Hinweisportal freigeschaltet, auf dem Videos und Bilder möglicher Ausschreitungen hochgeladen werden können. Das wirkt dann doch wieder wie ein Hauch von G20.

Der Video-Schiedsrichter sitzt vor vier Monitoren auf denen Fußball läuft
mit Material der DPA

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