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International: Premier League - Der Titelkampf

Jahrelang war das Titelrennen in der Premier League den sogenannten Big Four vorbehalten. Inzwischen können sechs Teams Meister werden. Sagt Sir Alex Ferguson. Aber stimmt das auch? Wir nehmen die sechs Topteams Englands vor der neuen Saison unter die Lupe - und sagen, wer am Ende in die Champions League einziehen könnte.

Immer das Gleiche an der Spitze der Premier League? Das stimmt in den letzten beiden Jahren nicht mehr. Zuerst brach Tottenham Hotspur in die Phalanx der Großen Vier ein, jetzt Manchester City. Ist die beste Liga der Welt inzwischen ein Sechskampf geworden? Schauen wir uns die Kandidaten mal genauer an.

FC Arsenal
Sieben verschiedene Clubs konnten in den vergangenen sechs Saisons in England Titel gewinnen. Arsenal gehörte nicht dazu. So ähnlich klangen zuletzt immer die Zusammenfassungen der Situation bei den Gunners. Mit jedem Jahr, in dem die titellose Ära anhält, wird der Unmut über Arsène Wenger größer. Der früher unantastbare Architekt der Erfolgsära der Nordlondoner kann sich mittlerweile kaum noch ein weiteres Jahr leisten, in dem etwa wie zuletzt sogar das Ligapokalfinale gegen Absteiger Birmingham City verloren wird.

Da aber der Club, der mittlerweile mehrheitlich dem Amerikaner Stan Kroenke gehört, weiterhin in Steine statt Beine investiert - soll heißen: lieber das Emitrates Stadium weiter abbezahlt, anstatt in richtige Stars zu investieren - ist es schwer zu sehen, wie die Gunners 2012 um Meisterschaft oder Champions League mitspielen wollen. Selbst, wenn Cesc Fabregas, den Barcelona kaufen will, und Samir Nasri, an dem Manchester City interessiert ist, bleiben sollten: Stärker geworden ist Arsenals Kader gewiss nicht.

Linksverteidiger Gael Clichy verließ den Club in Richtung Manchester City. Gekommen sind Flügelstürmer Gervinho vom französischen Meister Lille OSC und das 17-jährige Talent Alex Oxlade-Chamberlain, nach Theo Walcott und Gareth Bale der dritte millionenschwere Teenager, den Southampton nach London verkaufen konnte. Was fällt daran auf? Richtig, die Abwehr, die schlechteste der Top Four-Clubs in der Premier League, wurde noch geschwächt und Wenger holte bisher nur Offensivspieler.

Die logische Fortsetzung des Trends zeigt an, dass Arsenal nach Platz vier in der Vorsaison diesmal sogar noch schlechter abschneiden könnte - und zum ersten Mal in 15 Jahren die Qualifikation für die Champions League verpasst.
Unsere Prognose: Platz fünf

FC Chelsea
Roman Abramovich ist kein Mann, der Misserfolge mag. Nur ein Jahr nach dem Gewinn des Doubles wurde Carlo Ancelotti gefeuert. Und das, obwohl die Einkaufspolitik des Clubs nicht ganz unschuldig an Chelseas Problemen war. Schließlich überschattete die Debatte um die schwache Form von Fernando Torres große Teile der Hinrunde.

Nachfolger von Ancelotti ist nun Andre Villas-Boas. Der ehemalige Schüler von José Mourinho machte in Porto alles richtig, was man richtig machen kann und holte drei Titel in seiner Debütsaison als Cheftrainer. Wenn der junge Portugiese das Optimum aus seinem Kader herausholen kann, dann ist für die Blues alles möglich in der kommenden Saison.

Verglichen mit dem Winter, als Torres und David Luiz als prominente Verstärkungen geholt wurden, blieben die Transferaktivitäten im Sommer eher moderat. Vier junge Spieler gingen mit Frank Arnesen zum HSV, Yuri Zhirkov zu Anzhi Makhachkala. Dafür wurde das 18-jährige Talent Romelo Lukaku aus Anderlecht verpflichtet, und der 19-jährige Oriol Romeu aus Barcelona. Der Spanier ist ein potenzieller Ersatz für den langzeitverletzten Michael Essien im defensiven Mittelfeld.

Unerfüllt blieb bisher das Werben um Tottenhams Spielmacher Luka Modric, der dem Club gut zu Gesicht stehen würde. Bisher ist auch noch offen, ob Villas-Boas wie in Porto ein 4-3-3 spielen lässt oder ein 4-2-3-1. Das letztgenannte System würde Fernando Torres am ehesten behagen, aber Didier Drogba, der in der Vorbereitung starke Form zeigte, hätte so wohl kaum einen Platz in der Startformation.
Unsere Prognose: Platz drei

FC Liverpool
Anfang des Jahres 2011 lag Liverpool in der Premier League auf Platz 13. Roy Hodgson wurde daraufhin entlassen, Fernando Torres verkauft, und Kenny Dalglish übernahm das Manageramt. Fortan ging es aufwärts - auch begünstigt durch die Torres-Ersatzkäufe Luis Suárez und Andy Carroll. Diese Transfers trugen die Handschrift des neuen Reds-Fußballstrategen Damien Comolli, der früher für Arsenal und Tottenham Hotspur arbeitete.

Comolli, mit Unterstützung der neuen amerikanischen Besitzer inzwischen hauptverantwortlicher Sportdirektor des Clubs, gab inzwischen die Devise aus, junge und britische Spieler bevorzugen wollen. Diese Maxime lässt Liverpool sich einiges kosten. Für Jordan Henderson, einen 21-jährigen Mittelfeldspieler von Sunderland, gaben die Reds mehr als 20 Millionen Euro aus. Eine ähnliche Summe soll Aston Villa für Stewart Downing aufgerufen haben.

Billiger war mit rund sieben Millionen Charlie Adam, schottischer Mittelfeldspieler von Blackpool. Zudem kam Roma-Keeper Doni ablösefrei. Die großen Investitionen lassen die Ansprüche natürlich steigen: Ein Platz in der Champions League ist so das klare Saisonziel. Da die Reds nicht einmal in der Europa League spielen und sich ganz auf die Premier League konzentrieren können, sollte das machbar sein. Mit dem Weltklassespieler Suárez und einem stark verbesserten Mittelfeld, in dem Raul Meireles und Steven Gerrard nun zahlreiche Optionen zur Seite gestellt werden können, könnte lediglich die nicht ganz konkurrenzfähige Abwehr Liverpools Ziele in Gefahr bringen.
Unsere Prognose: Platz zwei

Manchester City
Nach dem Gewinn des FA Cups und dem erstmaligen Einzug in die Champions League seit 1968 hat City den nächsten Schritt in seiner Entwicklung gemacht, den die Besitzer aus Abu Dhabi seit Jahren mit großen Investitionen anstreben. Folgt nun der Angriff auf den Meistertitel?

Das Saisonauftaktspiel im Community Shield gegen United deutete an, woran die Citizens am Ende doch wieder scheitern könnten: Der Lokalrivale hat einfach noch mehr Cleverness und - wie in der 2. Halbzeit beim 3:2-Sieg nach 0:2-Rückstand demonstriert - auch einen tieferen Kader als City. Die ungewohnte Doppelbelastung dürfte zudem nicht spurlos an Roberto Mancinis Team vorübergehen.

Bei all dem darf man natürlich nicht den Fehler machen, City zu unterschätzen. Der gute Kader, mit dem Mancini noch zur Halbzeit der vergangenen Saison auf Platz eins der Premier League rangierte, ist mit Sergio Agüero, Gael Clichy und dem montenegrinischen Verteidiger Stefan Savic von Partizan Belgrad weiter verstärkt worden, außer Jérôme Boateng verließ kein wichtiger Spieler den Club - bisher. Denn die endlose Saga um Carlos Tévez ist immer noch akut. Bislang fand sich niemand, der für einen als schwierig geltenden 17-Jährigen zwischen 40 und 50 Millionen Euro ausgeben will.

Dabei steht Tévez' Wert für die Mannschaft völlig außer Frage. 20 Tore und neun Assists in 28 Premier League-Spielen der letzten Saison - Tévez ist Man City. Auch ohne ihn kann die Mannschaft theoretisch Meister werden. Wahrscheinlicher ist aber Platz zwei oder drei.
Unsere Prognose: Platz drei

Manchester United
Mit neun Punkten Vorsprung wurde United in der vergangenen Saison Englischer Meister. Im Sommer wurden mit Ashley Young von Aston Villa ein weiterer Offensivspieler, mit Phil Jones von den Blackburn Rovers eine 18 Millionen Euro teure Alternative für die Innenverteidigung und mit David de Gea von Atlético ein Nachfolger für Keeper Edwin van der Sar verpflichtet. Neben Van der Sar beendete auch Paul Scholes seine Karriere.

Der Kader ist also eher noch stärker als im Vorjahr, vor allem in der Tiefe, in der das Aufgebot Uniteds europaweit seines Gleichen sucht. Die erste Elf aber ist - das hat das Champions League-Finale gezeigt - nicht ganz auf einem Level mit Barcelona oder wahrscheinlich auch Real Madrid. Da käme der immer noch angestrebte Transfer Wesley Sneijders von Inter gerade recht, um der Mannschaft den entscheidenden letzten Touch zu geben.

Sollte Sneijder nicht kommen, wäre das immer noch eine Mannschaft, die sich vor niemandem verstecken muss. Trotz ihrer Erfolge der Vorsaison gilt sie aber selbst unter United-Fans nicht als große Elf, da man als neuer alleiniger Rekordmeister nun die europäische Bühne anpeilt und auch dort Liverpools historische Bilanz von fünf Europapokalsiegen angreifen will. Dazu fehlen allerdings noch zwei Champions League-Titel, und die könnten selbst für Sir Alex Ferguson, den erfolgreichsten Trainer der englischen Fußballgeschichte, zu viel sein. In der Premier League aber führt der Titel wieder nur über United.
Unsere Prognose: Platz eins

Tottenham Hotspur
In der Champions League sorgten die Spurs in der vergangenen Saison für Furore und zogen bis ins Viertelfinale ein. Darüber vernachlässigten sie jedoch die Premier League und verpassten so den erneuten Einzug in die Königsklasse. Zwar sprach Alex Ferguson davon, dass sechs Teams Meister werden können, aber im Falle von Tottenham ist das schon sehr weit hergeholt.

Ohne Frage hat die attraktive Spielweise der Londoner ihnen viele Sympathien eingetragen, aber wenn man die Frage beantworten will, warum Tottenham - anders als im Vorjahr - nicht vor Manchester City eingelaufen ist, dann hilft ein Blick auf diese Statistik: Tottenham spielte in 38 Premier League-Spielen achtmal zu null. Man City 18mal.

Auf dem Transfermarkt hat sich bisher kaum Wesentliches getan, um den Rückstand auf die Top Four wett zu machen. Die Altersangaben der drei einzigen Neuzugänge verraten viel: 40, 18, 16. Der routinierte US-Keeper Brad Friedel, der von Aston Villa kam, soll Heurelho Gomes vertreten oder sogar verdrängen. Cristian Ceballos wurde als Junge bekannt durch ein Youtube-Video, auf dem er vor den Augen Ronaldinhos zeigt, dass er sich das Trikot ausziehen kann, während er einen Ball auf dem Rücken balanciert. Und der 16-jährige Souleimane Coulibaly schoss für die Elfenbeinküste bei der U17-WM neun Tore in vier Spielen - beeindruckend, aber nicht unbedingt ein Mann für diese Saison.

Anstatt mit möglichen Neuzugängen mussten sich die Spurs-Verantwortlichen den Sommer über mit Luka Modric beschäftigen. Der Spielmacher möchte zu Chelsea wechseln, aber Tottenham ihn nicht gehen lassen. Verständlich, ist der Kroate doch einer der besten offensiven Mittelfeldspieler Europas. Momentan bietet Chelsea 34 Millionen Euro, Harry Redknapp wartet auf 40 Millionen.

Auch ohne Neuzugänge ist der aktuelle Kader der Spurs eigentlich so gut, dass er wohl in jeder europäischen Liga unter die ersten Vier kommen würde - aber nicht in England.
Unsere Prognose: Platz sechs

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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