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Interview: "Warum sollte ich mich ändern?"

Michael Ballack ist der Kopf der Nationalelf, doch beim FC Bayern steht er schnell in der Kritik. Ein Gespräch mit dem leisen Chef über seine Gelassenheit in der Krise, deutsche Geniestreiche und eine Fußball-Jugend in der DDR.

Herr Ballack, gegen Borussia Dortmund standen Sie am Sonntag unter mächtigem Druck - und trafen für die Bayern prompt zum 1:0. Am Ende hieß es 4:1. Haben Sie danach gedacht: Euch hab ich‘s gezeigt?

Genugtuung habe ich nicht gefühlt, eher Erleichterung. Ich habe mich gefreut, dass es wieder geklappt hat. Es gab so einen kleinen Adrenalinschub, ein wichtiges Tor ist immer etwas ganz Besonderes. Ich kenne ja solche Situationen.

Aber Sie liefen jubelnd zur Fankurve, schrien etwas und legten den Zeigefinger auf den Mund. Das galt doch den Kritikern?

(Lacht.) Ich deute meine Gesten nie.

Es fällt auf, dass Sie immer dann am stärksten spielen, wenn Sie zuvor vehement angegriffen worden sind. Brauchen Sie solche Umstände für Höchstleistungen?

Nicht unbedingt. Aber ich habe ganz gute Nerven. Und ich glaube an mich. Vielleicht erklärt das etwas.

Der Auslöser der Krise war die 1:2-Pleite gegen Lyon. Wenn der FC Bayern ein zweites Mal hintereinander in der Vorrunde der Champions League ausscheidet, wäre das für den Verein eine Blamage. Was würde das für Sie persönlich bedeuten?

Ich bin überzeugt, dass wir nicht ausscheiden. Aber es wäre Quatsch zu sagen, wir schießen jetzt Celtic Glasgow ab. Das ist Sport - man weiß nie, was passiert. Ich bin keiner, der vorher Sprüche klopft.

Sie sind zweimal Deutschlands Fußballer des Jahres geworden, Vizeweltmeister und Kopf der Nationalelf. Und dennoch haben wir den Eindruck, Ihnen fehle mitunter die Anerkennung. Ärgert Sie das?

Natürlich ärgert es mich. Aber inzwischen schmunzele ich schon, wenn ich sehe, wie schnell sich manche Experten im Wind drehen - von Spiel zu Spiel, je nach Ergebnis. Kritik von solchen Leuten lässt mich inzwischen kalt.

Einige Ihrer Kollegen und Kritiker erinnern oft an Stefan Effenbergs angebliche Führungsstärke, obwohl der bei Bayern eine schwache letzte Saison spielte. Sehen Sie sich denn als Effenberg-Nachfolger?

Nein, ich bin ein ganz anderer Spielertyp. Und offensichtlich ist das Erinnerungsvermögen bei einigen nicht sehr ausgeprägt, sonst würden sie so etwas nicht erzählen.

Oliver Kahn forderte "Eier" von den Mitspielern, Ihre Art ist leiser, nicht so derbe. Müssen Sie Ihren Stil ändern, damit Sie künftig als Chef ernst genommen werden?

Oliver ist schon sehr lange beim FC Bayern und kennt die Münchner Medienlandschaft ganz genau. Er weiß, wie er mit gewissen Strömungen umzugehen hat. Das macht der Olli schon sehr geschickt. Ich bin da ein anderer Typ, sowohl auf dem Platz als auch außerhalb. Dies ist aber kein Nachteil für die Mannschaft, im Gegenteil: Wir ergänzen uns sehr gut.

Sie werden Ihren Stil also nicht ändern?

Warum sollte ich? Ich habe meine Linie gefunden, und von der lasse ich mich nicht abbringen. Auch wenn mir manche vorwerfen, dass ich nicht mit der Faust auf den Tisch haue.

Vielleicht, um sich mehr Gehör zu verschaffen. Sie scheinen vom Bayern-System eingeengt, und sogar Präsident Franz Beckenbauer bemängelte, es sei viel zu unflexibel.

Ich habe dazu ausführlich meine Meinung gesagt.

Das war vor neun Monaten, als Bayern die Bundesliga dominierte - damals haben Sie selbst Ottmar Hitzfelds defensive Taktik öffentlich kritisiert.

Ich wollte keine Kritik üben, sondern nur eine Anregung geben: Die Erwartungshaltung an mich ist eine besondere, weil in Leverkusen das Spielsystem offensiver ausgerichtet war und ich mehr Tore geschossen habe. Die zwei zentralen Mittelfeldspieler bei Bayern müssen aber viel mehr defensiv arbeiten. Und dann sagen alle: Wo ist der Ballack denn? Das ist trotzdem kein Problem für mich.

Wirklich nicht? Sie sind oft als Grätscher vor der Abwehr im Einsatz. Braucht ein Spieler wie Sie nicht mehr Freiheiten?

Wenn man mich holt, muss man wissen, wie ich spiele - und ich denke, Ottmar Hitzfeld sieht meine Stärken. Fußball ist eben ein Teamsport. Wenn wir Meister und Pokalsieger werden, dann freue ich mich genauso, auch wenn ich nur fünf Tore schieße. Ich bin nicht so egoistisch, um zu sagen: Ich will noch mehr.

Mit Bayern haben Sie gleich zwei Titel gewonnen. Aber selten hat man Sie zaubern sehen wie früher mit Bayer Leverkusen.

(überlegt, lacht.) Ich spiele natürlich jetzt beim FC Bayern, und, ähm ?

Jetzt antworten Sie doch nur mal als Fußballer: Wo macht es mehr Vergnügen zu spielen?

Ach ? Vergnügen ist immer, wenn man gewinnt.

Ist das so?

Natürlich gibt‘s Spiele zwischendurch, wo man denkt: Das macht irre Spaß. Aber da denkt man ja schon wieder als Egoist. Das ist nicht richtig im Fußball. Ich spiele in einer Mannschaft, und wenn ich egoistisch denke, denke ich nur an mein Spiel, denke nur, wie komme ich am besten zum Vorschein? So darf ein Führungsspieler nicht denken.

Um Zinedine Zidane gibt es solche Diskussionen nicht mehr. Am Samstag treffen Sie beim Länderspiel gegen Frankreich auf den derzeit besten Fußballer der Welt. Wie Sie zieht er seine Kreise im zentralen Mittelfeld. Würden Sie Ihre Spielanlage mit seiner vergleichen?

Das kann man nicht, glaube ich. Zidane wird fast immer von seinen Mitspielern gesucht. Er ist schlicht überragend. Ich schaue ihn mir selbst gerne an, Ball und Körper sind fast eins. Das ist das Ideal, das alle anstreben und nur wenige erreichen. Zidane ist sicher spektakulärer als ich. Aber er ist auch nicht der Stratege, sondern ein Einzelkönner.

Und er brüllt nicht herum, gibt keine Kommandos. Er macht all das nicht, was in Deutschland von einem Mittelfeld-Chef erwartet wird.

Er führt das Spiel durch seine Klasse am Ball. Er beweist: Es geht auch so.

Sind Sie überhaupt ein Spielmacher?

Sicherlich nicht ein klassischer Spielmacher wie früher Overath oder Netzer, so einen gibt es nicht mehr. Ich mag‘s am liebsten, wenn ich vor der Abwehr stehe, von dort aus den Ball nach vorne tragen kann oder einen Mann steil schicken und den Angriff selbst abschließen. Mein Spiel kostet viel Kraft, man rennt oft umsonst - was nicht gesehen wird, wenn die Flanke erst gar nicht in den Strafraum kommt. Dann sieht meine Spielweise natürlich blöd aus.

Und es heißt: Ballack versteckt sich.

Das muss aber so sein, sonst wäre ich ja nicht da, wenn der Ball kommt. Dieselben Kritiker loben dann meine Torgefährlichkeit. Heute stehen sich im Mittelfeld alle auf den Füßen herum. Es zählt eigentlich nur noch die individuelle Klasse, ein Spiel zu entscheiden.

Auf die Geniestreiche kommt es an.

Oder auf die Standardsituationen (lacht).

Das ist die deutsche Variante der Geniestreiche?

Das ist eine unserer Stärken. Jeder das, was er kann.

Günter Netzer schrieb in einer Kolumne: Die DDR habe Sie geprägt, Sie dächten zu sehr im Kollektiv, um eine Führungspersönlichkeit zu sein. Sie haben sich dagegen zur Wehr gesetzt.

Das konnte Netzer nicht ernst meinen.

Wie war denn Ihre Erziehung?

Als Kind bekommt man ja nicht so viel vom politischen System mit. Mir hat‘s an nichts gefehlt. Natürlich, wenn man jetzt den Vergleich sieht: Kapitalismus und Sozialismus - heute in der BRD hat man ganz andere Möglichkeiten. Als Kind war das überhaupt kein Thema. Wichtig war mir, dass ich kicken konnte. Ich durfte immer das tun, was ich am liebsten wollte.

Waren Sie in der FDJ?

Nee, das war erst ab der neunten Klasse. Als ich so alt war, gab‘s die DDR nicht mehr. Vorher waren das die Jungpioniere, da war jeder drin, das waren mehr Pfadfinder. Ich glaube, Kinder werden von ihren Eltern geprägt. Egal, wo man aufwächst.

Ihr Vater ist Bauingenieur, hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, Ihre Mutter arbeitet in der Firma mit. Welche Werte waren im Hause Ballack wichtig?

Dieselben, die meine Frau und ich unseren beiden kleinen Söhnen mitgeben wollen. Dass man ordentlich miteinander umgeht, höflich ist, freundlich zu seinen Mitmenschen. Und Bildung. Meine Eltern haben schon Wert darauf gelegt, dass ich meine Hausaufgaben mache.

Die saßen manchmal bei Ihnen und haben Ihnen über die Schulter geschaut?

Das gehört schon dazu, dass die Eltern darauf achten. Ich war ja Einzelkind. Aber ich sehe das eigentlich als normal an, dass man ein Kind so erzieht, dass es im späteren Leben ordentlich Fuß fassen kann.

Einzelkindern sagt man gern nach, dass sie verwöhnt werden.

Das war sicher ein bisschen so. Meine Eltern haben viel Zeit investiert in meinen Sport, haben mich zur Schule gefahren, zum Training, abgeholt - da kam schon was zusammen.

Sie haben mit dem Kicken 1983 bei Motor Karl-Marx-Stadt angefangen...

...BSG Motor Fritz Heckert Karl-Marx-Stadt hieß das. Der Platz lag direkt in meiner Siedlung.

...und sind mit zehn Jahren zum FC Karl-Marx-Stadt delegiert worden.

Zum heutigen Chemnitzer FC, ja. Das war für uns Jungs eine große Ehre, zum größten Verein der Stadt gehen zu können. Ich war damals stolz, dass ich ausgewählt wurde. Ich hab das gerne gemacht, ich habe gerne zweimal am Tag trainiert.

Gab es keine Tränen, als Sie die weniger begabten Freunde zurückließen?

Ich hab ja trotzdem dort noch gewohnt, wir haben weiter zusammen gekickt, im Hof, nach der Schule. Aber so ist es halt als Fußballer: Ich will weiterkommen, und da muss man eben was zurücklassen. Das war damals in kleinem Rahmen dasselbe wie jetzt beim Wechsel von Leverkusen nach München. Man lässt etwas zurück, aber dafür gewinnt man etwas hinzu.

Wer war Ihr Vorbild?

Rico Steinmann. Der bei Chemnitz spielte und später beim 1. FC Köln.

Kein Maradona, kein Matthäus?

So weit habe ich gar nicht gedacht. Klar habe ich Maradona 1986 bei der WM gesehen, da war ich neun Jahre alt. Aber ich konnte mich nicht mit ihm identifizieren, weil das ein ganz anderer Spielertyp war, so wuselig. Auch vom Auftreten her - nee. Man sucht die Vorbilder viel näher, im eigenen Verein. Als ich zehn war und DDR-Oberliga geguckt habe, war das weit weg, man wünscht sich, das mal zu erreichen, und selbst dieser Traum ist ganz verwegen. Sich international ein Vorbild zu suchen: Das war ja sonst wo.

Es gab in Ihrer Jugend einen Freund, Kevin Meinel. Es heißt, er habe genauso gut gespielt wie Sie. Bis er bei einem Turnier einen Schlaganfall erlitt, mit 14 Jahren.

Das war schlimm. Er war ein sehr guter Fußballer, auch im Mittelfeld, ein großes Talent. Er war halbseitig gelähmt am Anfang und hat lange gesundheitlich zu tun gehabt damit. Das war für einen Jugendlichen schon heftig, und danach ging‘s natürlich nicht mehr so mit dem Fußball.

Wurde er wieder gesund?

Das hat ziemlich lange gedauert, bis da alles wieder in Ordnung kam. Kevin hat, glaube ich, einen normalen Beruf und spielt nebenher Fußball. Wir haben uns leider aus den Augen verloren.

Sie selbst hatten mit 16 einen Knorpelschaden, konnten ein Jahr lang nicht spielen. Die Gelassenheit, die Sie ausstrahlen - speist die sich aus diesen Erlebnissen?

Eigentlich überhaupt nicht.

Woher dann? Sie erhalten im WM-Halbfinale 2002 die zweite gelbe Karte und schießen vier Minuten später gegen Südkorea Deutschland ins Endspiel. Der Engländer Paul Gascoigne begann zu weinen, nachdem er 1990 gegen die Deutschen eine Gelbsperre kassiert hatte; sein Team schied aus.

Entscheidend ist, dass man sich nicht so viele Gedanken macht. Und so ein Typ bin ich: Ich mache mir keine großen Gedanken. Sonst wirst du ja wahnsinnig. Ich meine damit aber nicht nur negative Sachen; auch Erfolge beschäftigen mich nicht so lange.

Warum sind Sie eigentlich so bescheiden?

(Lacht.) Ich war noch bescheidener, früher. Es gibt sicherlich egoistischere Spieler. Aber nur Ego bringt ja nichts. Jeder braucht den anderen. Und jeder muss in einer Top-Mannschaft in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen. Genau das ist der Unterschied zwischen einer Top-Mannschaft und dem Mittelmaß.

Andere Stars haben ein Ego von der Größe des Weltballs, Effenberg vorneweg. Sie scheinen sich gar kein Ego leisten zu wollen. Nicht mal ein kleines?

Das ist vielleicht die Erziehung. Ich bin bisher damit ganz gut gefahren.

Stimmt nicht: Im WM-Halbfinale waren Sie ganz einfach nicht egoistisch genug, als Sie den Südkoreaner foulten.

Hm. Okay, vielleicht.

Sie würden das Foul wieder machen?

(überlegt eine Weile.) Ich glaube schon.

Aber im Tor steht doch Oliver Kahn in WM-Form.

Okay: Ich würd‘s vielleicht einmal drauf ankommen lassen (lacht). Einmal würde ich‘s probieren. Wahrscheinlich hält ihn der Olli eh.

Interview: Rüdiger Barth, Giuseppe Di Grazia / print

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