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Legende des deutschen Fußballs Jupp Heynckes wird 75: Erst hatten sie Angst vor ihm, dann liebten sie ihn

Jupp Heynckes
Jupp Heynckes bei seiner Verabschiedung als Trainer von Bayern München
© Matthias Balk/DPA
Jupp Heynckes hat als Spieler und Trainer so ziemlich alles gewonnen – und es trotzdem geschafft, als Mensch einen noch stärkeren Eindruck bei seinen Weggefährten zu hinterlassen. Eine Würdigung zum 75 Geburtstag.

"Stillstand ist der Tod", heißt es bei Herbert Grönemeyer, "geh' voran, bleibt alles anders." Zeilen aus dem Jahr 1998, seinerzeit gewann Jupp Heynckes als Trainer von Real Madrid den Champions-League-Titel. Zeilen, die auch auf das öffentliche Leben der deutschen Fußballikone Heynckes passen würden.

Heute wird Heynckes 75 Jahre alt. Er hat es als Kind einer zwölfköpfigen Familie zu großem Sportruhm gebracht: Weltmeister und Europameister als Spieler, mit seinen 220 Toren liegt er immer noch auf Rang 4 der ewigen Torschützenliste der Bundesliga. Als Coach ist er in Spanien und Deutschland eine Legende, und er wird immer der Triple-Trainer der Bayern bleiben.

"Osram": Der Trainer, vor dem die Spieler Angst hatten

Trotzdem ist es vor allem die persönliche Seite des Jupp Heynckes, die jene so erfolgreiche Spätphase seiner Karriere entscheidend geprägt hat: Denn der gebürtige Mönchengladbacher galt als Coach seit den frühen 80ern bis weit in die Nullerjahre als eher humorbefreiter Überehrgeizling, vor dem die Spieler "Angst hatten" (Ewald Lienen) und der wegen seines hochroten Kopfes am Spielfeldrand von Wolfram Wuttke den Spitznamen "Osram" verpasst bekam.

Wuttke galt damals als sogenanntes Enfant terrible und war deshalb einer dieser Spieler, die mit Heynckes' angespannter Art nicht allzu kompatibel schienen. Die Wuttkes in Heynckes' späterer Laufbahn hießen Lincoln auf Schalke, Ribery oder Mandzukic bei Bayern – sie alle melden sich noch heute regelmäßig bei ihrem früheren Trainer, wie dieser im großen "Kicker"-Interview in dieser Woche verraten hat.

Das dokumentiert die Wandlung des Menschen Heynckes im Verlauf der Jahrzehnte eindrucksvoll: von der Spaßbremse zum Problemspielerversteher. Überhaupt sagt es natürlich viel über den Jubilar aus, wer ihm denn so alles gratuliert – und über Heynckes regnet es zum Geburtstag himmelhochjauchzende Lobpreisungen aus wirklich allen Mannschaftsteilen.

Toni Kroos grüßt eigens mit einem Zeitungsbeitrag, Philip Lahm und Bastian Schweinsteiger heben Heynckes' menschliche Reife und Erfahrung hervor, für Uwe Rahn war der Jupp "wie ein Vater" und Hansi Flick spricht vom "besten Trainer, den ich je hatte."

Bei allem Erfolg scheint Heynckes' größte Lebensleistung seine ständige Weiterentwicklung zu sein – früher furchteinflößender "Osram", heute vertrauenswürdiger Ehrenmann, dessen Weisheit für alle Spieler Gewicht hat. Und nicht nur für die Spieler.

Jupp Henyckes: Gedanken über unsere Gesellschaft

"Eine neue Art von Denken ist notwendig", heißt es bei Albert Einstein, "wenn die Menschheit weiterleben will." Zeilen, die nicht zuletzt in diesen Zeiten nur zu gut auch auf den 75-jährigen Heynckes passen, der sich immer häufiger mit seinen Gedanken zur Gesellschaft und dem verbesserungswürdigen Zustand der Welt zu Wort meldet.

"Was willst du von der Welt erwarten, wenn die USA einen Menschen ohne Empathie und ohne Charakter als Präsidenten haben, der für dieses Amt nicht im Ansatz intellektuell befähigt ist?", hat Heynckes im "Kicker" gesagt und damit das ganze Dilemma im Weißen Haus mit wenigen Worten und prägnanter als mancher Journalist auf den Punkt gebracht. Missstände und Ungerechtigkeiten könne er nicht ertragen, so Heynckes, der zuletzt sogar manchmal gedacht habe: "Eigentlich müsste ich bei einer Klimademonstration mitmarschieren."

Jupp Heynckes bei "Fridays for Future" – damit würde sich der Kreis eines prallen Fußballerlebens schließen. Er mag seinen Frieden gefunden haben und den Ruhestand genießen. Trotzdem denkt er ständig noch ein bisschen weiter, wie er es immer getan hat. Stillstand ist der Tod. Und Jupp Heynckes war, mindestens im kollektiven Gedächtnis, nie lebendiger als mit 75.

tim

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