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Kommentar zur Rekord-Meisterschaft der Bayern: Schön dominant

Die Bayern siegen und siegen. Trotzdem sollte die nationale Konkurrenz nicht in Depression verfallen. Wenn sie die richtigen Schlüsse zieht, kann die bayerische Überlegenheit sogar eine Chance sein.

Ein Kommentar von Mathias Schneider

Nun, da der FC Bayern München also auch faktisch deutscher Meister geworden ist - in der Theorie steht diese Errungenschaft ja schon seit rund einem halben Jahr fest - sei ein Moment innegehalten und nach Amerika geblickt. Dorthin wollen die Bayern ja bald expandieren, im Sommer werden sie deshalb mit ihrer schmucken Entourage durch das Lande touren, um die Amerikaner davon zu überzeugen, dass es auf der Welt (also in München) noch ein tolleres Spiel gibt als dieses Football mit Helmen und Protektoren.

Das amerikanische Wettspielformat haben die Münchner schon übernommen, damit die neuen Kunden sich nicht allzu sehr umstellen müssen. In den USA unterteilt sich eine Spielzeit schließlich in eine sogenannte reguläre Saison, gefolgt von den Playoffs. Kurz zur Erklärung: In der regulären Saison spielen die Team lediglich darum, schließlich in der K.o.-Runde dabei sein zu dürfen. Dort geht es dann in Ausscheidungsspielen um den Meister. Wirklich spannend ist die Vorrunde deshalb eher nicht. Die guten Teams wissen eh, dass sie sich für die Ausscheidungsspiele qualifizieren werden. Man schont schon mal seine Stars.

Reguläre Saison vorbei - jetzt folgen die Playoffs

Für die Bayern ist die reguläre Saison seit gestern Abend offiziell beendet. Sie haben diese Bundesliga, die ja ein atemberaubender Wettbewerb sein kann (vor allem wenn man dieser Tage ein Bremer oder Hamburger ist) eher zum Warmspielen missbraucht. Munter durchgewechselt haben sie, doch das Ergebnis war immer das gleiche: Siege, wohin das Auge reicht.

Am Ende ist die stolze Bundesliga – man muss das in der vorgezogenen Rückschau so deutlich sagen – nicht mehr als ein Präludium für die ganz große Bayern-Oper gewesen. Die spielt am 1. April im sogenannten "Theater der Träume" bei Manchester United. Das Viertelfinale der Champions League findet dort statt. Die Playoffs der Bayern, sie beginnen dann.

Über Dominanz zum Platz in der Sportgeschichte

Man darf die vorübergehende Degradierung des nationalen Wettbewerbs ruhig bedauern. Wo doch noch vor Jahren immer bis zum letzten Spieltag gezittert wurde. Damals als Bayer Leverkusen in Unterhaching noch die Meisterschaft verspielte. Oder Bayern sie in letzter Sekunde noch beim HSV gewann.

Wer aber auf Trübsal keine Lust hat, der nimmt eine andere Perspektive ein. Zwar stellt der nationale Wettbewerb für diese Bayern keine wirkliche Herausforderung dar, doch das liegt nur zum Teil an der fehlenden Klasse der Kontrahenten.

Wahre sportliche Größe setzt seit jeher Dominanz voraus. Nur wer dominiert, bricht Rekorde und verschafft sich damit seinen Platz in der Sporthistorie. So ist es immer gewesen, nicht nur im Fußball, wo die Bayern schon einmal Anfang der 70er alles in Grund und Boden siegten. Oder der AC Mailand in den 90ern. Barcelona bis vor einem Jahr.

Champions League als wahre Probe

Blickt man in andere Sportarten, so ergibt sich das gleiche Bild: Borg herrschte über die rote Asche von Paris und den grünen Rasen von Wimbledon. Später tat es ihm Roger Federer in Wimbledon und bei den US-Open gleich. Sergej Bubka spielte mit der Konkurrenz im Stabhochsprung, Ingemar Stenmark im alpinen Slalom. Alberto Tomba natürlich auch. Wie auch Vreni Schneider. Michael Phelps. Michael Jordan, Michael Schumacher. Sebastian Vettel. Man könnte stundelang so weitermachen. Sie alle eint, dass sie herausragten aus der Masse. Und daraus ihre Aura und Faszination bezogen.

Die Bayern gehören noch nicht in diese Liste. Noch nicht. Sie sind Deutschland erst einmal entwachsen, wie sich das für eine große Mannschaft gehört. Nun kommt die wahre Nagelprobe, die Konfrontation mit den Großen Europas. Dominanz auch hier, nicht nur ein Jahr, das ist der Maßstab.

Bayern sind besser als die Summe ihrer Stars

Weil die Bayern die Liga in den vergangenen Monaten nicht wie in der Vorsaison einfach überrannten, sondern diesmal nach allen Regeln der Fußball-Taktik ausspielten, wird man sich hier zu Lande in jedem Fall ihrer erinnern. Der Goliath, er hat diesmal nicht auf seine Kraft vertraut, sondern den David listig umkurvt. Die Bayern, sie sind heute besser als die Summe ihrer Stars. Das vor allem macht sie besonders, denn nicht allein Geld brachte diesmal den Erfolg.

Die wahre Perfektion besteht schließlich darin, die spielerische Ästhetik nicht zum Selbstzwecke, sondern gewinnbringend einzusetzen. Nur dann hat sie einen Sinn. Wirklich große Mannschaften bestachen in der Rückschau nicht nur durch ihre Titel, sondern durch die Art und Weise, wie sie diese errangen. Nur deshalb lieben die Menschen einen Federer, niemand empfand seine Seriensiege als ermüdend. Ein jeder wollte vielmehr dabei sein, wenn er die Grenzen verschob.

Konkurrenz sollte Lehren ziehen

Die deutsche Konkurrenz wird zu diesen Bayern empor wachsen müssen. Die Bayern werden nicht nachlassen, so lange der Trainer Pep Guardiola heißt. Auf den baldigen Abschwung sollte man also nicht vertrauen. Nimmt die Ligaspitze den Kampf an und begreift diese Bayern als Chance zum Entwicklungssprung, so kann die ganze Bundesliga profitieren. Noch dümpeln ihre Vertreter ja eher durch die Europa League. Bayer Leverkusen wurde in der Champions League zu Hause von Manchester United (0:5) und Paris St. Germain (0:4) verdroschen, die Schalker von Real Madrid (1:6).

Diese Bayern, sie können auch eine Chance sei. Sie sind der nationale Reality Check für all das, was international dräut. Wenn man sich nur an ihnen misst. Nicht verzagt. Für sie selbst gilt in den nächsten Wochen: Die Playoffs können beginnen. Real, Barca, Chelsea, es geht jetzt gegen Ihresgleichen. Und um ihren Platz in der Geschichte.

Wir? Drücken vielleicht nicht gleich die Daumen.

Aber heimlich genießen, das tun wir schon.

Ein Kommentar von Mathias Schneider

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